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Melinda Fremerey / Simon Gerards Iglesias / Robbie Lämmel IW-Kurzbericht Nr. 36 12. Juni 2024 Internationale Fachkräfte: China verliert an Attraktivität

Das einst aufstrebende China büßt zunehmend an Attraktivität bei ausländischen Fachkräften und Studierenden ein. Immer mehr Expats verlassen das Land. Im Jahr 2022 kehrten fast doppelt so viele Deutsche aus China zurück als nach China auswanderten.

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China verliert an Attraktivität
Melinda Fremerey / Simon Gerards Iglesias / Robbie Lämmel IW-Kurzbericht Nr. 36 12. Juni 2024

Internationale Fachkräfte: China verliert an Attraktivität

Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Das einst aufstrebende China büßt zunehmend an Attraktivität bei ausländischen Fachkräften und Studierenden ein. Immer mehr Expats verlassen das Land. Im Jahr 2022 kehrten fast doppelt so viele Deutsche aus China zurück als nach China auswanderten.

Seine einstige Anziehungskraft hat China durch Autoritarismus, Lock-Down-Politik und geopolitische Unsicherheit eingebüßt. Aktuell kommen 938 mehr Deutsche zurück aus China als dorthin auswandern. Für die demografische Entwicklung Chinas birgt dieser Wandel ein Risiko. Für Deutschland könnte der Verlust interkultureller Kompetenzen im Umgang mit China zum Problem werden.

Chinas hausgemachtes Problem der Ein-Kind-Politik stellt das Reich der Mitte vor gewaltige demografische Herausforderung (Kunath, 2024). Während die USA im Jahr 2050 einen Altenquotient von schätzungsweise 39 Prozent verzeichnet, liegt das Verhältnis der älteren Bevölkerung zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in China bei 51,5 Prozent (UN DESA, 2022). Auch Einwanderer füllen diese Lücke nicht, denn laut der Volkszählung lebten im Jahr 2020 ca. 1,4 Millionen Einwanderer auf dem chinesischen Festland (davon ein Großteil aus Hongkong, Macau und Taiwan), was gerade einmal 0,1 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht (National Bureau of Statistics, 2021). Die Volksrepublik China ist somit kein klassisches Einwanderungsland, war jedoch lange Zeit attraktiv für ausländische Fachkräfte, sogenannte Expats.

Expats kehren China den Rücken

Doch China verliert zunehmend an Attraktivität für ausländische Fachkräfte. Wie die Grafik zeigt, ist mit rund 1.000 Auswanderern pro Jahr die aktuelle Quote auf dem niedrigsten Stand seit 20 Jahren. Gleichzeitig stieg die Zahl der Rückkehrer aus China nach Deutschland im Jahr 2022 im Vergleich zum Vorjahr um 24,5 Prozent an. Das Jahr 2014 markiert den Ausgangspunkt, ab dem der Wanderungssaldo (rot schraffierte Fläche) durchgehend negativ ist. Diese Lücke ist im Laufe der vergangenen Jahre immer größer geworden. 2022 bezifferte sich der Saldo aus deutschen Ein- und Auswanderern nach bzw. aus China auf 938. Es zieht also nicht nur immer weniger Deutsche nach Fernost, sondern es kommen auch immer mehr zurück – entgegen dem weltweiten Trend der deutschen Auswanderer.

Der Attraktivitätsverlust Chinas als Arbeits- und Wohnort zeigt sich auch in Rankings: im World Talent Ranking liegt China derzeit nur auf Rang 41 von 64 Ländern und musste seit 2021 fünf Plätze einbüßen (IMD, 2023). Was könnten Erklärungsfaktoren für diesen Wandel sein? Vor allem die wochenlangen Lockdowns während der Corona-Pandemie, die auch in den wirtschaftlich stärksten Provinzen rigoros durchgesetzt wurden und die Verbindungen zum Ausland auf ein Minimum reduzierten, haben tiefe Spuren hinterlassen. In einer Umfrage der deutschen Auslandshandelskammer in China (2022) planten 28 Prozent der Expats deutscher Unternehmen das Land aufgrund der rigorosen Maßnahmen der Null-Covid-Politik zu verlassen, 10 Prozent davon noch vor dem Auslaufen des Arbeitsvertrages.

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Aber nicht nur die strengen Quarantänevorschriften haben die Lebensqualität der Expats in China verschlechtert; auch der zunehmende Autoritarismus mit eingeschränkten Freiheits- und Bürgerrechten, insbesondere infolge des Sicherheitsgesetzes in Hongkong 2020 sowie die zunehmende wirtschaftliche Ungewissheit tragen zur Verunsicherung bei Unternehmen und Expats bei. Laut einer Umfrage der europäischen Handelskammer (2023) berichten 64 Prozent der befragten Unternehmer, dass die Geschäfte im Jahr 2022 zunehmend herausfordernd wurden, ein Höchstwert. Zudem gaben 11 Prozent an, gegenwärtige oder geplante Investitionen in andere asiatische Länder zu verlagern. Exemplarisch für den Verlust an Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Städte steht auch Hongkong, das den Status als Finanz- und Bankenzentrums Asiens zuletzt an Singapur verlor (The Economist, 2023). Zwar spielt China einerseits als Investitionsstandort insbesondere für deutsche Großunternehmen eine wichtige Rolle, jedoch fielen die Nettodirektinvestitionen zuletzt auf ein Dreißigjahres-Tief (Lardy, 2023).

Die jüngsten Entwicklungen waren nicht absehbar. Das Land erfuhr seit der Jahrtausendwende einen bemerkenswerten Zuwachs an Einwanderung aus Deutschland. Die Zahl der Deutschen in China vergrößerte sich zwischen 2000 und 2012 nahezu um das Vierfache. Dieser Anstieg verlief parallel mit Chinas wirtschaftlichem Aufstieg und Eintritt in die WTO im Jahr 2001. Ein enormer Absatzmarkt, billige Arbeitskräfte für die Produktion von Gütern und geringe bürokratische Hürden umfassten das Narrativ der chinesischen Modernisierungsbestrebungen (Wilke, 2023). Diese Geschäftspotenziale ließen ausländische Direktinvestitionen in das Land strömen und sorgten dafür, dass westliche (Groß-)Unternehmen ihre Produktionsstätten nach China auslagerten. Gleichzeitig schuf dieser Prozess neue Stellen in Führungspositionen, die Expats als Sprungbrett für ihre Karriere nutzten. Anfang der 2010er Jahre verlangsamte sich der Trend stetig wachsender Einwanderungszahlen und kehrte sich 2014 in Hinblick auf Deutschland sogar um (siehe Abbildung). Und das, obwohl China im Jahr 2012 ein umfassendes Einwanderungsgesetz schuf, was in den Folgejahren mit Fokus auf die Förderung der Einwanderung hochqualifizierter Fachkräfte ausgebaut wurde (Bickenbach und Liu, 2022).

Der Rückgang der Zahl deutscher Auswanderer nach China fällt zeitlich zusammen mit der autoritäreren Entwicklung in China unter Xi Jinping, der seit 2013 Staatschef ist und seine Macht sukzessive ausbaut.  Es kam zu Einschränkungen der Meinungs- und Pressefreiheit sowie grundlegender Bürgerrechte, die ihren Höhepunkt 2020 fanden, als das restriktive Sicherheitsgesetz das zuvor noch demokratisch autonome Hongkong der KP in Peking gleichsschaltete. So verließen seit 2020 nach Daten der Weltbank rund 200.000 Expats Hongkong. Die Konkurrenzstadt Singapur hingegen profitierte davon und konnte im Jahr 2022 einen Zuwachs um rund 16 Prozent an Expats verzeichnen (Ministry of Manpower, 2024). Ein weiteres geopolitisches Sicherheitsrisiko stellt der schwelende Taiwan-Konflikt dar. So hat sich auch die öffentliche Wahrnehmung mit Blick auf China zunehmend gewandelt.

Entfremdung im akademischen Austausch

Noch deutlicher zeigt sich der Attraktivitätsverlust Chinas bei der Betrachtung der internationalen Bildungsströme. Lag die Anzahl der US-amerikanischen Studierenden in der Volksrepublik im Wintersemester 2011/2012 noch bei fast 15.000, sank sie bis zum Wintersemester 2021/22 auf ungefähr 200 (Institute of International Education, 2024). Vergleichbare Dynamiken finden sich auch in der Beziehung zwischen Deutschland und China. Während die Anzahl deutscher Studierender in China von 2000 bis 2014 kontinuierlich auf 8.193 anstieg, ist vor allem seit dem Ausbruch der Pandemie ein deutlicher Rückgang auf lediglich 1.787 im Jahr 2022 zu verzeichnen (Statistisches Bundesamt, 2024).  Auffällig ist, dass dieser Trend einseitig ist. Die Zahl chinesischer Studierender in den USA stieg von 2011 bis 2021 von 157.000 auf 290.000.  An deutschen Universitäten wuchs die Anzahl chinesischer Studierenden im selben Zeitraum von 25.521 auf 43.629.

Blackbox China

Die hier beschriebenen Befunde zur Attraktivität Chinas für ausländische Fachkräfte stehen sinnbildlich für den Aufstieg und den (vorläufigen) Abschwung des chinesischen Wirtschaftsmodells. Vor allem aber geht durch den fehlenden Austausch an Humankapital eine wertvolle Ressource auch für den Westen verloren: interkulturelle Kompetenzen im Umgang mit China sowie ein Verständnis der Situation vor Ort. Für den Umgang mit China wird dies zunehmend zu einem Problem.

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