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IW-Kurzbericht Nr. 41 29. April 2025 Matthias Diermeier / Jan Engler / Melinda Fremerey / Leon Wansleben Kita-Versorgungsungleichheiten – eine Analyse auf Stadtteilebene

Der Zugang zu frühkindlicher Bildung hängt auch in Deutschland stark von der sozio-ökonomischen Segregation der Städte ab. Innerhalb derselben Stadt gibt es in wohlsituierten Vierteln im Durchschnitt ein Drittel mehr Kitas pro Anzahl Kinder als in sozio-ökonomisch prekären Räumen.

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Kita-Versorgungsungleichheiten – eine Analyse auf Stadtteilebene
IW-Kurzbericht Nr. 41 29. April 2025 Matthias Diermeier / Jan Engler / Melinda Fremerey / Leon Wansleben

Kita-Versorgungsungleichheiten – eine Analyse auf Stadtteilebene

Matthias Diermeier / Jan Engler / Melinda Fremerey / Leon Wansleben Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Der Zugang zu frühkindlicher Bildung hängt auch in Deutschland stark von der sozio-ökonomischen Segregation der Städte ab. Innerhalb derselben Stadt gibt es in wohlsituierten Vierteln im Durchschnitt ein Drittel mehr Kitas pro Anzahl Kinder als in sozio-ökonomisch prekären Räumen.

Dieser Unterschied geht darauf zurück, dass sich konfessionelle- und private-gemeinnütze Kitas deutlich häufiger in prosperierenden Quartieren ansiedeln als in sozial schwachen Stadtteilen – öffentliche Kitas können dies nicht kompensieren.  

In angelsächsischen Ländern, wo frühkindliche Bildung häufig von kommerziellen Akteuren bereitgestellt wird, ist der starke Zusammenhang zwischen Bildungschancen und dem Wohnort eines Kindes hinreichend dargelegt. In Deutschland, wo Kindergärten und Kindertagesstätten größtenteils durch die öffentliche Hand finanziert werden, ist ein entsprechender Effekt weniger naheliegend. Eine öffentliche Diskussion um den Zusammenhang zwischen frühkindlicher Bildung und dem Wohnort wurde jüngst durch die PISA-Studie (OECD, 2023) angestoßen. Diese weist hierzulande starke Leistungsunterschiede von Schülerinnen und Schülern in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften nach. Bildungslücken gehen dabei in besonderem Maße auf die soziale Herkunft zurück: Schülerinnen und Schüler aus einkommensschwachen Familien schneiden deutlich schlechter ab als jene aus besser gestellten Haushalten.

In Deutschland besteht seit dem Jahr 2013 ab dem zweiten Lebensjahr eines jeden Kindes ein Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Seitdem ist es zu einem enormen Ausbau an Kita-Plätzen gekommen – insbesondere in Form von Einrichtungen in freier Trägerschaft. Dennoch konnte das Angebot nicht mit der noch stärker angestiegenen Nachfrage Schritt halten: zuletzt suchten Eltern von schätzungsweise 300.000 Kinder vergeblich nach Betreuungsangeboten (Geis-Thöne 2024). Gerade in sozio-ökonomisch benachteiligten Familien ist die Lücke zwischen Bedarf und Zugang zu Betreuungseinrichtungen besonders groß (Jessen et al. 2020). Unterschiedliche Präferenzen der Eltern, Kinder zu Hause zu versorgen, vermögen die sozialen Betreuungsungleichheit nur in Teilen zu erklären. In Zeiten nachweislich angestiegener städtischer Segregation – also hoher Konzentration von sozio-ökonomisch entweder besser oder schlechter gestellten Haushalten in unterschiedlichen Quartieren – und teilweise enormer Konkurrenz um Kita-Plätze in urbanen Räumen, drängt sich auch in Deutschland die räumliche Perspektive der Versorgungsungleichheiten auf.

Kitaversorgung: Die Quartiersperspektive

Die folgende Untersuchung basiert auf den Betreuungsangeboten von öffentlichen oder freien gemeinnützigen (konfessionellen sowie sonstigen) Trägern in 52 deutschen Städten und 2.613 Stadtteilen. Mithilfe der Google Places API wurden dort 17.099 georeferenzierte Kitas ausgelesen. Anschließend wurde für jedes Quartier ein Abdeckungsniveau pro Anzahl Kinder (nach Trägerschaft) jeweils im Verhältnis zur Versorgung in der jeweiligen Stadt berechnet (siehe Datengrundlage).

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Die deskriptive Analyse zeigt, dass die 20 Prozent der Quartiere mit der niedrigsten SGB II Quote um 15,7 Prozent besser mit Kitas versorgt sind als der jeweilige Stadtdurchschnitt. Die 20 Prozent der Quartiere mit der höchsten SGB II Quote weisen hingegen 14,5 Prozent weniger Einrichtungen im Vergleich zum Stadtdurchschnitt auf. Der Unterschied zwischen den sozio-ökonomisch am besten und den am schlechtesten gestellten Quartieren beträgt damit über ein Drittel. Regressionsanalysen zeigen darüber hinaus, dass eine Verbesserung der Kitaversorgung vom Stadtdurchschnitt zu einer doppelt so guten Versorgung umgerechnet mit einer um rund zwei Prozentpunkte niedrigeren SGB II Quote einhergeht (Diermeier et al., 2025). Der Blick in einzelne Städte mach zudem deutlich: Mitunter besteht eine doppelt, dreifach oder sogar vierfach so gute Versorgung eines sozio-ökonomisch gutgestellten im Vergleich mit einem prekären Stadtteil. Damit geht im Durchschnitt eine vier, sechs oder acht Prozentpunkte niedrigere SGB II Quote einher.

Die Differenzierung nach Trägerschaften legt nahe, dass diese Versorgungsunterschiede auf eine ungleiche Verteilung der freien-gemeinnützigen Einrichtungen (konfessionelle und sonstige) zurückgehen. Wohingegen prekäre und bessergestellte Quartiere dieselbe Versorgung mit öffentlichen Kitas aufweisen, zeigen sich bei den konfessionellen und den sonstigen-gemeinnützigen Kitas große Unterschiede: Bei den konfessionellen Trägern erhalten Stadtteile im Quintil mit der niedrigsten SGB II Quote eine 20,7 Prozent bessere Versorgung, im Quintil mit der höchsten SGB II Quote eine 12,9 Prozent schlechtere Versorgung als der Stadtdurchschnitt. Bei den sonstigen-gemeinnützigen Kitas gibt es verglichen mit dem städtischen Mittelwert eine 21 Prozent bessere Versorgung in den 20 Prozent Quartieren mit der niedrigsten SGB II Quote und eine 17,1 Prozent schlechtere Versorgung in den 20 Prozent Quartieren mit der höchsten SGB II Quote. Abermals bestätigen die Regressionsanalysen die statistische Signifikanz und Bedeutung dieser Unterschiede (Diermeier et al., 2025).

Für westdeutsche Städte zeigt sich zudem, dass ein etwas stärkerer Fokus von öffentlichen Kitas auf prekäre Stadtteile die Versorgungsungleichheiten abmildert. Der kursorische Blick in einzelne Städte, die georeferenzierbare Daten über die Anzahl an Kita-Plätzen bereitstellen, zeigt zwar, dass Einrichtungen in sozio-ökonomisch benachteiligten Räumen mehr Plätze anbieten. Diese Unterschiede vermögen jedoch nicht, die Ungleichheiten basierend auf der Anzahl der Kitas auszugleichen. Unterschiedliche Gebührenordnungen liefern ebenfalls keinen Erklärungsbeitrag für das Versorgungsmuster.

Rezepte gegen Versorgungsungleichheiten

Um die räumlichen und damit auch die sozialen Ungleichheiten einzuhegen, steht weniger die Höhe der öffentlichen Ausgaben als vielmehr ihre Verteilung im Vordergrund. Trotz eines enormen (größtenteils steuerfinanzierten) Ausbaus von Kita-Plätzen haben sich erhebliche Versorgungungleichheiten ausgebildet. Schließlich geht die Angebotsausweitung in einer Zeit angestiegener städtischer Segregation vornehmlich auf freie Trägerschaften zurück, die sich besonders ungleich über die sozio-ökonomische Struktur einer Stadt verteilen. Sowohl mit Blick auf die Chancengerechtigkeit als auch hinsichtlich der hohen Bildungsrenditen, die bei bildungsfernen Haushalten zu erwarten sind, ist dieser Befund fatal. Dort, wo frühkindliche Bildung am dringendsten gebraucht wird und am effizientesten nützt, ist sie am rarsten. Nicht überall, wo öffentliche Angebote als unzureichend empfunden werden, wirken dem gemeinnützige Angebote gleichermaßen entgegen. Denn das dazu nötige soziale Kapital ist ungleich über die Quartiere verteilt. Daher muss die öffentliche Trägerschaft erstens stärker auf prekäre Quartiere fokussieren. Zweitens sollte die Kommunale Kitaplanung die Standortentscheidungen freier gemeinnütziger Träger besser steuern. Drittens wäre eine besondere Unterstützung von Elterninitiativen in sozial prekären Stadtteilen denkbar. Jedenfalls müssen die Kommunen Rezepte entwickeln, die räumlichen und damit auch die sozialen Ungleichheiten einzuhegen.

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