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Jürgen Matthes / Thomas Puls IW-Report Nr. 43 15. September 2023 Beginnt das De-Risking?

Eine Analyse des Außenhandels mit China und der Einfuhrabhängigkeiten von China im ersten Halbjahr 2023 zeigt: Gegenüber dem ersten Halbjahr 2022 sank die deutschen Ausfuhren nach China um über 8 Prozent und die deutschen Einfuhren aus China um knapp 17 Prozent.

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Jürgen Matthes / Thomas Puls IW-Report Nr. 43 15. September 2023

Beginnt das De-Risking?

Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Eine Analyse des Außenhandels mit China und der Einfuhrabhängigkeiten von China im ersten Halbjahr 2023 zeigt: Gegenüber dem ersten Halbjahr 2022 sank die deutschen Ausfuhren nach China um über 8 Prozent und die deutschen Einfuhren aus China um knapp 17 Prozent.

Eine tiefere Analyse verdeutlicht, dass dafür Entwicklungen in nur wenigen Branchen prägend waren: Dazu zählt auf der Einfuhrseite vor allem eine negative Sonderentwicklung im Chemie-Bereich. Allein auf sie gehen 14 Prozentpunkte des gesamten Einfuhrrückgangs von 17 Prozent zurück. Demgegenüber kam es zu einem deutlichen Einfuhranstieg bei Elektrischen Ausrüstungen um 25 Prozent und bei Kraftfahrzeugen und -teilen von 75 Prozent im Vorjahresvergleich. Diese beiden Effekte summieren sich auf einen einfuhrseitigen Wachstumsbeitrag von fast 5 Prozentpunkten. Die Entwicklung bei Kraftfahrzeugen und -teilen führte auch auf des Exportseite zu markanten Effekten: Der Ausfuhrrückgang von 21 Prozent trägt zu drei Vierteln zum Gesamtrückgang von über 8 Prozent bei. 

Besonders beim Handel mit Kraftwagen und Kraftwagenmotoren zeigen sich starke Veränderungen. Hierfür gibt es verschiedene Ursachen. Einerseits kam es um den Jahreswechsel herum zum Markteintritt mehrerer chinesischer Fahrzeughersteller in Deutschland, wodurch deren Absatzzahlen von geringer Basis stark anzogen und damit auch der wertmäßige Import aus China. Auf der anderen Seite kommt das bisher die Autoproduktion am Standort Deutschland stützende Geschäftsmodell – der interkontinentale Export hochwertiger Fahrzeuge – zunehmend unter Druck. Deutsche Hersteller verlagern seit Jahren immer mehr Produktion nach China, am aktuellen Rand offenbar auch zunehmend im Bereich der bislang widerstandsfähigen Oberklasse. Grund hierfür ist vor allem die überragende Bedeutung Chinas als Absatzmarkt, aber auch die Energiewende und das avisierte Auslaufen des Verbrennungsmotors. Hinzu kommt noch, dass es in China Verbundvorteile bei der Produktion elektrifizierter Antriebsstränge gibt. All das sind starke Argumente für die Produktion zusätzlicher Modelle in China. In Zukunft dürfte die Entwicklung der deutschen Autoindustrie weltweit weniger als früher der Entwicklung der deutschen Autoindustrie am Standort Deutschland nützen. 

Die Weiterführung und Vertiefung des IW-Monitorings der Einfuhrabhängigkeiten von China zeigt, dass sich allenfalls erste Anzeichen für ein importseitiges Derisking zeigen: Unter über 800 Achtsteller-Produktgruppen mit einem chinesischen Einfuhranteil von über 50 Prozent im Jahr 2022 und einem relativ hohen Einfuhrwert gab es im ersten Halbjahr 2023 mit rund 70 Prozent der Gruppen deutlich mehr Anteilsrückgänge als im Jahr 2022. Ein genauerer Blick relativiert dieses Ergebnis allerdings. Mit knapp 16 Prozent ist der Anteil der Produktgruppen mit deutlichen Rückgängen von über 20 Prozentpunkten beim chinesischen Einfuhranteil in 2023 nur begrenzt. Relativierungen ergeben sich gerade auch bei dem Versuch, kritische Abhängigkeiten stärker einzugrenzen. So sind starke Anteilsreduktionen weniger relevant, wenn der Blick verengt wird auf Produktgruppen mit hohen Einfuhrwerten und/oder mit einem tendenziellen Industriefokus. Unter den industriefokussierte Produktgruppen mit einem Einfuhrwert von über 5 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2023 beträgt der Anteil von chinesischen Einfuhranteilsrückgängen nur etwas über die Hälfte und der Anteil starker Rückgänge von über 20 Prozentpunkten nur weniger als fünf Prozent. Es erscheint daher verfrüht, eine klare Schlussfolgerung über das Ausmaß eines möglichen Deriskings zu treffen. Ein genauerer Blick auf industriefokussierte Produktgruppen zeigt, in welchen Bereichen besonders sensible Abhängigkeiten liegen. 

Um Derisking -verstanden als ein Abbau wirklich kritischer Importabhängigkeiten – zu vermessen, braucht es ein noch genaueres Abhängigkeitsmonitorings. Dazu sind Experteninterviews und noch tiefergehende Außenhandelsanalysen. Es ist Aufgabe der Bundesregierung, solch aufwendige Forschungen auf regelmäßiger Basis zu ermöglichen und damit die China-Strategie mit Blick auf das Derisking-Ziel mit Leben zu füllen.

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