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Jürgen Matthes / Berthold Busch IW-Kurzbericht Nr. 99 28. März 2017 Deutschland hat die erste Welle der Brexit-Wirkungen hinter sich

Nach der Erklärung von Artikel 50 wird es ernst. Während die kurzfristigen Brexit-Wirkungen auf das UK bisher erstaunlich gering blieben, sind die deutschen Exporte in das UK seit dem Referendum deutlich gesunken. Damit dürfte das Gros der Kurzfrist-Wirkungen aber bereits bewältigt sein, ohne dass dies die stabile deutsche Wirtschaft aus dem Tritt gebracht hat.

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Nach der Erklärung von Artikel 50 wird es ernst. Während die kurzfristigen Brexit-Wirkungen auf das UK bisher erstaunlich gering blieben, sind die deutschen Exporte in das UK seit dem Referendum deutlich gesunken. Damit dürfte das Gros der Kurzfrist-Wirkungen aber bereits bewältigt sein, ohne dass dies die stabile deutsche Wirtschaft aus dem Tritt gebracht hat.

Taktvollerweise hat die britische Regierung die Erklärung von Artikel 50 auf die Zeit nach dem 60. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge gelegt. Der in zwei Jahren anstehende Austritt des Vereinigten Königreichs wird ein schmerzlicher Dämpfer für die EU und ein bedauerlicher Rückschritt in der europäischen Integration sein.

Gleichzeitig ergeben sich aber neue Chancen für die EU, zum Beispiel im Bereich der gemeinsamen Verteidigungspolitik, für eine weitere Vertiefung des Binnenmarktes und für die Öffnung hin zu einem Europa mehrerer Geschwindigkeiten. Bei aller Unterschiedlichkeit der Positionen scheint die Bereitschaft der verbleibenden 27 Mitgliedstaaten zu wachsen, enger zusammenzurücken, um die Vorteile der EU bewusster und stärker zu nutzen. Erst wenn eine Selbstverständlichkeit nicht mehr selbstverständlich ist, erkennt man oft ihren echten Wert.

Zudem zeigen alle belastbaren Studien, dass der Brexit dem Vereinigten Königreich langfristig mehr schaden wird als der EU. Bei den kurzfristigen Wirkungen ist die Balance bislang aber offensichtlich eine andere. Die britische Wirtschaft läuft nach dem Referendum auf erstaunlich kräftigen Touren weiter. Das liegt auch daran, dass das britische Pfund direkt nach dem Brexit-Referendum vom 23. Juni 2016 um mehr als 10 Prozent gegenüber dem Euro abwertete und seitdem um dieses Niveau pendelt. Die Abwertung hat der britischen Industrie durch die Verbilligung ihrer Exporte neuen Schwung gegeben.

Dieser Wechselkurseffekt hat jedoch die deutsche Exportwirtschaft bereits hart getroffen. Eine ökonometrische Analyse des IW Köln (Kolev et al., 2016) schätzt, dass eine Abwertung des britischen Pfunds um 10 Prozent die deutschen Warenexporte in das UK innerhalb von zwei bis drei Quartalen um rund 6 Prozent mindern sollte. Tatsächlich zeigen die Handelszahlen für das zweite Halbjahr 2016, der Zeit nach dem Referendum, dass die deutsche Wirtschaft 7,2 Prozent weniger an Waren auf die Insel ausführte als im gleichen Vorjahreszeitraum (Abbildung). Im Vergleich des vierten Quartals 2016 gegenüber dem gleichen Zeitraum 2015 ergibt sich sogar ein Rückgang von 9,3 Prozent. Die Einbrüche sind bei der deutschen Pharmabranche mit rund 20 Prozent und der Autoindustrie mit rund 18 Prozent besonders groß, doch auch andere wichtige deutsche Exportbranchen sind hart getroffen. Daraus lassen sich folgende Schlüsse ziehen:

  • Die deutsche Wirtschaft insgesamt hat diesen Exporteinbruch recht gut verkraftet, wie das ansehnliche BIP-Wachstum von 1,9 Prozent im Jahr 2016 zeigt. Die Binnenkonjunktur läuft gut und deutsche Exporteure waren es in den vergangenen Jahren gewohnt, dass einzelne Zielländer schwächeln und sie Ausschau nach anderen Absatzmärkten halten müssen. Diese Sichtweise dürfte auch zu den geringen Sorgen der rund 2.900 deutschen Unternehmen beigetragen haben, die das IW Köln im Herbst 2016 über ihre Erwartungen zu den Brexit-Wirkungen befragt hat (Grömling/Matthes, 2016).
  • Trotzdem ist es bemerkenswert, dass auch die betroffenen Branchen die Position der deutschen Spitzenverbände in der Brexit-Debatte mittragen und nicht für weiche Kompromisse mit der britischen Regierung eintreten. Auch hier dominiert offensichtlich die Sorge, dass anderenfalls Nachahmereffekte entstehen und die EU auseinanderbricht.
  • Soweit die erwähnte ökonometrische Studie richtig liegt, dürfte mit dem Einbruch der deutschen Warenausfuhren in das UK in der zweiten Jahreshälfte 2016 das Gros der kurzfristigen Brexit-Wirkungen auf Deutschland bereits erfolgt sein. Wenn das Pfund nicht deutlich weiter abwertet, könnten im zweiten Halbjahr 2017 wieder positive Wachstumsraten beim Export in das UK möglich sein.
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