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Jürgen Matthes IW-Kurzbericht Nr. 52 2. August 2021 De-Globalisierung, Protektionismus und Krisen treffen deutsches Exportmodell hart

Die deutsche Wirtschaft setzt mehr als viele andere vergleichbare Volkswirtschaften auf den Export. Darin liegen große Chancen, aber auch zunehmend Risiken, etwa weil die deutsche Wirtschaft zuletzt häufig auftretende Krisen im Ausland stärker zu spüren bekommt. Die starke Exportorientierung könnte sich sogar als Schwäche erweisen, wenn Protektionismus und Abkoppelungstendenzen dazu führen, dass heutige Exportmärkte in Zukunft durch Produktion vor Ort bedient werden. Das gilt gerade auch für den Wachstumsmarkt China.

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De-Globalisierung, Protektionismus und Krisen treffen deutsches Exportmodell hart
Jürgen Matthes IW-Kurzbericht Nr. 52 2. August 2021

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Die deutsche Wirtschaft setzt mehr als viele andere vergleichbare Volkswirtschaften auf den Export. Darin liegen große Chancen, aber auch zunehmend Risiken, etwa weil die deutsche Wirtschaft zuletzt häufig auftretende Krisen im Ausland stärker zu spüren bekommt. Die starke Exportorientierung könnte sich sogar als Schwäche erweisen, wenn Protektionismus und Abkoppelungstendenzen dazu führen, dass heutige Exportmärkte in Zukunft durch Produktion vor Ort bedient werden. Das gilt gerade auch für den Wachstumsmarkt China.

Die deutsche Wirtschaft setzt im internationalen Vergleich stärker als andere Länder auf Internationalisierung. Darin liegen traditionell große Chancen, aber in jüngerer Zeit sind zunehmend Risiken aufgekommen, wie eine in Kürze erscheinende Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt (Demary et al., 2021). Der handelsseitige Offenheitsgrad – gemessen als Summe aus Exporten und Importen von Waren und Dienstleistungen in Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) – ist in Deutschland besonders hoch und betrug im Jahr 2019 rund 88 Prozent des BIP. Kaum ein anderes größeres Industrieland ist so handelsoffen. Doch der hohe Offenheitsgrad macht verwundbar. So macht die hohe Exportneigung abhängiger vom Absatz auf ausländischen Märkten. Dieser kann beeinträchtigt werden durch einen höheren Konkurrenzdruck durch Chinas Staatskapitalismus, der mit seinen wettbewerbsverzerrenden Subventionen die Absatzperspektiven der deutschen Wirtschaft auf dem Weltmarkt zunehmend gefährdet (Matthes, 2021), aber auch durch De-Globalisierungstendenzen, Protektionismus und Krisen in wichtigen Absatzländern (Demary et al., 2021).

De-Globalisierungstendenzen

Schon vor der Corona-Krise war eine Verlangsamung der Globalisierung zu verzeichnen:

  • Der Welthandel wuchs zwar in den 2010er Jahren, aber nicht mehr schneller als die Weltproduktion. Lässt man die Krisen- und Erholungsphasen 2008 bis 2011 sowie das Krisenjahr 2020 außen vor, betrug die kumulierte Steigerung des realen Welthandels von 2000 bis 2007 rund 76 Prozent, während die reale globale Wirtschaftsleistung nur um rund 42 Prozent zulegte. Im Zeitraum 2012 bis 2019 hingegen wuchs der Welthandel mit rund 29 Prozent sogar etwas langsamer als die Wirtschaftsleistung (31 Prozent). Es kam zu einer leichten De-Globalisierung.
  • Die globalen Direktinvestitionsströme waren in den Jahren 2017 bis 2019 im Trend sogar absolut rückläufig. Im Jahr 2016 betrugen sie über 2 Billionen US-Dollar, 2019 nur noch rund 1,5 Billionen US-Dollar. Selbst im Jahr 2016 war das erreichte Niveau nur wenig höher als 2007, als es bereits bei rund 1,9 Billionen US-Dollar lag.
  • Die globalen Wertschöpfungsketten expandierten nicht weiter, teils waren sie sogar rückläufig.

Neuer Protektionismus

Schon vor dem Schwenk der Trump-Administration hin zum Protektionismus, der sich vor allem gegen China, aber teils auch gegen die EU und in zahlreichen Drohungen besonders gegen Deutschland richtete, kam es nach der globalen Finanzmarktkrise weltweit zu einem Anstieg der Handelsbarrieren. Davon war auch die deutsche Wirtschaft betroffen, wie Daten von Global Trade Alert zeigen (GTA, 2021). Gegenüber deutschen Exporten weltweit stieg der Saldo aus handelsbeschränkenden und -liberalisierenden Maßnahmen der erfassten Staaten ab 2009 von einem Minimum von 34 (2012) bis vor die Corona-Krise auf einen Maximalwert von 198 (2019).

Inhaltselement mit der ID 9656
Inhaltselement mit der ID 9657

Krisen und höhere Unsicherheiten

Seit 2008 traten gravierende Krisen sehr viel häufiger als erwartet auf: die globale Finanzmarktkrise, die Euro-Schuldenkrise, die Russland-Krise nach der Krim-Annexion 2014 und den folgenden Sanktionen, der Brexit, der Trump’sche Protektionismus, die verschärften geopolitischen Rivalitäten mit China und schließlich die Corona-Krise. Viele dieser Entwicklungen gelten als sogenannte „schwarze Schwäne“ – als sehr unwahrscheinliche Ereignisse mit hohem Schadenspotenzial. Diese Entwicklungen setzten deutsche Exportfirmen erheblich unter Druck und erhöhten die ökonomische Unsicherheit stark. Infolge dieser Entwicklungen stockte der deutsche Exportmotor in den 2010er Jahren deutlich gegenüber dem Zeitraum 2000 bis 2008. Das zeigt die Abbildung anhand der weniger blaugrünen oder blaugrauen Schattierungen in den 2010er Jahren.

Neben den tiefen Einbrüchen der Exporte in den Krisenjahren 2009 und 2020 wird in der Abbildung auch der Rückgang beim deutschen Exportwachstum in die jeweils betroffenen Krisenländer nach der globalen Finanzkrise deutlich, sei es in Italien 2012 und 2013, in Russland vor allem 2014 und 2015 oder im Vereinigten Königreich nach dem Brexit-Referendum im Jahr 2016. Damit waren in der vergangenen Dekade zahlreiche der wichtigsten deutschen Handelspartner gleichzeitig oder nacheinander betroffen, sodass selbst die breite Diversifizierung der Exportziele der deutschen Wirtschaft eine Verlangsamung des Exportwachstums insgesamt nicht verhindern konnte.

Auch in Zukunft droht das deutsche Exportmodell durch Protektionismus, Abkoppelungstendenzen und höhere Unsicherheiten weiter unter Druck zu geraten. Denn es entstehen große Anreize für deutsche Unternehmen, Exportmärkte mehr durch Produktion vor Ort zu bedienen statt durch Exporte aus deutscher Produktion.

Vor allem China als wichtiger Wachstumsmarkt setzt gezielt Anreize, dass deutsche Firmen Beschäftigung, Wertschöpfung und sogar Forschung dort ansiedeln statt in Deutschland:

  • Das bilaterale Investitionsabkommen der EU mit China verbessert die Bedingungen für Investitionen in China, aber nicht für den Export.
  • China setzt immer mehr auf eigene Produktstandards, was Exporte aus Europa erschwert.
  • Die chinesische Regierung erhöht den Druck auf europäische Unternehmen, ihre Geschäftstätigkeit in China weiter auszubauen und ihre Lieferantenbeziehungen zunehmend zu lokalisieren. Dafür wirbt sie auch mit Subventionen, etwa in Form von günstigen Grundstücken oder Steuervorteilen.

Der starke Fokus der deutschen Wirtschaft auf China macht aufgrund von Pfadabhängigkeiten besonders anfällig für Verlagerungen von Betriebsstätten auf Kosten des Standorts Deutschland. China spielt für Deutschland nicht nur als Exportziel eine wesentlich größere Rolle als für andere EU-Staaten (Matthes, 2019). Auch als Investor ist die deutsche Wirtschaft in China deutlich aktiver. Im Jahr 2018 entfielen mit 76 Milliarden Euro rund 44 Prozent des Direktinvestitionsbestands der EU-27 in China auf Deutschland. Auch der Zuwachs war in den fünf Jahren zuvor deutlich größer. Diese Tendenz dürfte anhalten. So wollen 72 Prozent der von der AHK Greater China befragten in China ansässigen deutschen Unternehmen in China mehr investieren und 43 Prozent als Reaktion auf die Abkoppelungstendenzen sogar ihre Forschung dort ansiedeln (AHK, 2021).

Zudem dürften die Exportchancen in China in Zukunft dadurch sinken, dass China mittelfristig stärker auf Selbstversorgung und Autarkie setzt, als Reaktion auf die geopolitischen Konflikte vor allem mit den USA. Innovative deutsche Firmen sind hier als Technologielieferanten und Forschungsakteure in den nächsten Jahren zwar weiter gefragt, auch weil China die Abhängigkeit Europas von seinem Absatzmarkt weiter erhöhen will. Doch wenn China ausländische Firmen nicht mehr braucht, werden sie zu Schachfiguren auf dem geopolitischen Schachbrett. Das zeigen die jüngsten Sanktionsmaßnahmen in China gegen westliche Firmen der Bekleidungsbranche.

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