In den vergangenen Jahren konnten im deutschen Bildungssystem Fortschritte bei den Bildungschancen und der Durchlässigkeit des Bildungssystems verzeichnet werden. Einige Jahre lang nahm der Einfluss der sozialen Herkunft auf die PISA-Kompetenzen der 15-jährigen Schülerinnen und Schüler ab. In den PISA-Erhebungen aus den Jahren 2015 und 2018 zeigte sich jedoch wieder eine Verschlechterung dieses Zusammenhangs (Anger/Plünnecke, 2021a). Auch ein Blick auf die Schulabbrecherzahlen zeigt eine unterschiedliche Entwicklung in den letzten Jahrzehnten. Während die Schulabbrecherquote unter allen Schülerinnen und Schülern und unter ausländischen Schulabsolventinnen und Schulabsolventen von 9,2 bzw. 19,9 Prozent im Jahr 2000 auf 5,5 bzw. 11,9 Prozent bis zum Jahr 2014 gesunken ist, nahmen danach die Abbrecherquoten wieder deutlich zu (Grafik).

Ein Grund für diese Entwicklung ist auch darin zu finden, dass unter den Kindern und Jugendlichen ein steigender Anteil aus bildungsfernen Haushalten stammt, in denen häufiger nicht deutsch gesprochen wird. Die Herausforderungen bei der Vermeidung von Bildungsarmut und der Bildungsintegration haben somit schon vor der Corona-Krise wieder zugenommen.

Die Corona-Krise verschärft diese Entwicklung noch einmal. Erste Studien aus Belgien und den Niederlanden zu den Auswirkungen der Schulschließungen zeigen, dass durch den Distanzunterricht die negativen Effekte der Schulschließungen nur zu einem Teil kompensiert werden konnten (Maldonado/De Witte, 2020; Engzell et al., 2020). In Deutschland kommt noch hinzu, dass die Ausgangslage für digitalen Fernunterricht ungünstiger war als in vielen anderen OECD-Ländern (Anger/Plünnecke, 2020). Daher wundert es nicht, dass in einer Befragung von Lehrkräften für das Deutsche Schulbarometer im Dezember 2020 rund 38 Prozent der Lehrkräfte angaben, dass es durch die Schulschließungen Lernrückstände bei mehr als der Hälfte bzw. fast allen Schülerinnen und Schülern gibt (Deutsches Schulportal, 2021).

Die negativen Auswirkungen der Schulschließungen sind umso größer, je jünger die betroffenen Schülerinnen und Schüler sind. Darüber hinaus erleiden vor allem Kinder aus bildungsfernen Haushalten und Kinder mit Migrationshintergrund größere Lerneinbußen. In diesen Haushalten ist die Lerninfrastruktur häufig ungünstiger – es fehlen digitale Endgeräte und ein ruhiger Platz zum Arbeiten (Geis-Thöne, 2020). Ferner können Eltern weniger gut den Unterricht zu Hause unterstützen und haben weniger Erfahrungen bei der Unterstützung bei den Hausaufgaben (Anger/Plünnecke, 2021a). Untersuchungen zur Lernzeit der Kinder im Fernunterricht kommen zu dem Schluss, dass leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler mehr Zeit für das Lernen aufwenden als leistungsschwächere (Wößmann et al., 2020). Darüber hinaus zeigt sich, dass Gymnasien im Durchschnitt besser auf den digitalen Fernunterricht vorbereitet sind als andere weiterführende Schulen (Huebener et al., 2020). Schätzungen zu den Folgekosten der Schulschließungen beziffern einen gewaltigen ökonomischen Schaden (Wößmann, 2020).