Die Ergebnisse zahlreicher Digitalisierungsstudien der vergangenen Jahre ähneln sich: Unternehmen, Politik, Verwaltung, Infrastruktur, sie alle hinken der Digitalisierung hinterher (u.a. Demary et al., 2016; Lichtblau et al, 2018, Initiative D21, 2019; Hintemann/Clausen, 2018). Eine fortschrittliche Digitalisierung der Lebens- und Wirtschaftsbereiche aber sei essenziell für die Zukunftsfähigkeit von Deutschlands Wirtschaft und Gesellschaft, so der Tenor der Studien.

Was der digitale Rückstand genau bedeutet, zeigt die Corona-Krise lehrstückhaft und jenseits von Befragungsergebnissen und Schätzungen. Innerhalb von kürzester Zeit entblößt sie Defizite und Errungenschaften der Digitalisierung in Deutschland und wird so zum Stresstest:

Arbeit digital: Immer mehr Unternehmen reagieren auf das Coronavirus, indem sie ihren Mitarbeitern anbieten, im Home-Office zu arbeiten, um so die Verbreitung einzudämmen (Stettes, 2020). Viele Unternehmen haben bis vor der Krise nur sehr zögerlich Homeoffice eingeführt: 2014 lag der Anteil der Unternehmen, die zumindest einzelnen Mitarbeitern Homeoffice ermöglichen, bei 22 Prozent, 2018 bei 39 Prozent (Bitkom, 2019). Dieser Anteil hat sich innerhalb von wenigen Wochen stark erhöht. Unternehmen investieren großzügig und rasch in Laptops und andere digitale Kommunikations- und Kollaborationstechnologien. Allerdings wird hier auch gleich ein Defizit offenbar: Neben der richtigen Technik, die in vielen Fällen entweder erst beschafft oder richtig implementiert werden muss, braucht es auch eine entsprechende Unternehmenskultur (Stettes, 2020). Können die Unternehmen und ihre Mitarbeitenden sich flexibel anpassen, Arbeitsprozesse aufrechterhalten und damit ein wirtschaftliches Fiasko vermeiden?

Schule digital: Die Möglichkeiten der digitalen Schule werden zum Teil über Nacht auf die Probe gestellt. Die Schulschließungen führen dazu, dass Lehrende alternative Pläne und Aufgaben erstellen müssen, mit denen die Schüler online lernen können. Theoretisch sind die digitalen Bildungsformate vielfältig. Die jüngste PISA-Studie zeigt sogar, dass die Länder, die auf digitale Bildung im Unterricht setzen, bessere Lesekompetenzen aufweisen (OECD, 2019). Allerdings nutzen viele Schulen und Lehrer keine entsprechenden Lernplattformen und digitalen Kommunikationskanäle (Initiative D21, 2016) – vor allem nicht solche, die auf mobile Anwendungen angepasst sind. Die Schüler hingegen sind vor allem über das Smartphone online unterwegs (JIM, 2018). Können Lehrer ihre Lehrpläne flexibel anpassen und den Lernfortschritt der Schüler auf Distanz kontrollieren? Werden digitale Technologien von Lehrern und Schülern gleichermaßen genutzt werden?

Informationen digital: Soziale Medien zeigen sich in der Corona-Krise als wertvolle, zusätzliche Informationslieferanten, die breite Kreise der Bevölkerung erreichen, darunter auch diejenigen, die keine herkömmlichen Medien konsumieren (Smith, 2020). Auf der anderen Seite florieren auch wieder zahlreiche Fake News, die die Bevölkerung verunsichern (Ludwig, 2020). Können die herkömmlichen Medien ihrem Informations- und Bildungsauftrag nachkommen? Kann die Bevölkerung News von Fake News kompetent unterscheiden?

Infrastruktur digital: Die zunehmende Nutzung digitaler Technologien und damit des Internet etwa durch Homeoffice-Anwendungen und Videokonferenzen fordern die ohnehin rückständigen Breitbandnetze vor allem in ländlichen Regionen, aber auch in Großstädten heraus. Weltweit steigt der Datenverkehr deutlich. Am Frankfurter Internetknoten stieg er in den vergangenen Tagen um 10 Prozent (DE-CIX, 2020). Können die Netze der zusätzlichen Belastung standhalten? Welche Kosten entstehen bereits jetzt dadurch, dass die Internetverbindungen zu langsam und zu unzuverlässig sind?

Datenschutz und Sicherheit digital: Digitale Technologien werden auch eingesetzt, um die Maßnahmen gegen die Corona-Krise zu implementieren und zu kontrollieren. In der chinesischen Corona-App wird Datenschutz dabei völlig ignoriert, mit potenziell weitreichenden Folgen über die chinesischen Staatsgrenzen hinaus (Schäfer, 2020). Auch Cyberkriminelle nutzen die Corona-Panik der Menschen und verstärken ihre Aktivitäten (Kerkmann, 2020). Gelingt es, den Schutz und die Sicherheit der Daten auch in Krisenzeiten zu erhalten? Gelingt es, korrekt zwischen Persönlichkeitsrechten und Pandemieeindämmung abzuwägen?

Die Corona-Krise zeigt: Die Digitalisierung ist in der Tat eine Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Nun gilt es, Lehren aus diesem Lehrstück zu ziehen und Defizite schnell zu beheben, wo dies möglich ist – oder zumindest entsprechende Maßnahmen auf den Weg zu bringen, die dies Post-Crisis erlauben.