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IW-Kurzbericht Nr. 79 5. September 2025 Holger Schäfer / Oliver Stettes Die Bereitschaft zu längeren Arbeitszeiten ist hoch – wenn die Bedingungen stimmen

Entgegen der allgemeinen Wahrnehmung, dass Beschäftigte in Deutschland eher eine Verkürzung ihrer Arbeitszeit anstreben, ergeben Befunde aus der IW-Beschäftigtenbefragung, dass sich eine Mehrheit von 77 Prozent eine Verlängerung ihrer Arbeitszeit vorstellen kann – wenn die Voraussetzungen gegeben sind.

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Die Bereitschaft zu längeren Arbeitszeiten ist hoch – wenn die Bedingungen stimmen
IW-Kurzbericht Nr. 79 5. September 2025 Holger Schäfer / Oliver Stettes

Die Bereitschaft zu längeren Arbeitszeiten ist hoch – wenn die Bedingungen stimmen

Holger Schäfer / Oliver Stettes Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Entgegen der allgemeinen Wahrnehmung, dass Beschäftigte in Deutschland eher eine Verkürzung ihrer Arbeitszeit anstreben, ergeben Befunde aus der IW-Beschäftigtenbefragung, dass sich eine Mehrheit von 77 Prozent eine Verlängerung ihrer Arbeitszeit vorstellen kann – wenn die Voraussetzungen gegeben sind.

Die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer erreichen das Rentenalter. Allein in der laufenden Legislaturperiode werden rund 2 Millionen Menschen mehr das Rentenalter erreichen als in das Erwerbsalter hineinwachsen (Hammermann et al., 2024). Um den Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials zu kompensieren, können verschiedene Maßnahmen ergriffen werden: Eine Intensivierung der Fachkräftezuwanderung, die Erhöhung der Erwerbsbeteiligung sowie die Ausweitung der Lebens- und wöchentlichen Arbeitszeit – wobei der Arbeitszeitverlängerung besondere Bedeutung beikommt (Schäfer, 2024). Keiner dieser Ansätze lässt sich politisch anordnen, sondern jeder basiert auf der freien Entscheidung von Individuen. Die Politik kann lediglich Rahmenbedingungen schaffen, unter denen die gewünschte Verhaltensweise attraktiv wird.

Hinsichtlich der Ausweitung der Arbeitszeit wird mitunter in Frage gestellt, dass Anreize überhaupt eine Wirkung entfalten können. So sei insbesondere bei Vollzeitbeschäftigten eine längere Arbeitszeit weder erwünscht noch möglich. Vorliegende Studien zur gewünschten Arbeitszeit deuten in der Tat darauf hin, dass Vollzeitbeschäftigte eher eine Verkürzung ihrer Arbeitszeit wünschen, wohingegen Teilzeitbeschäftigte eine längere Arbeitszeit anstreben – aber keinen Wechsel in Vollzeit (Schäfer, 2018; BAuA et al., 2018). Allerdings sind diese Arbeitszeitwünsche stets im Kontext der jeweils geltenden Rahmenbedingungen artikuliert worden. Offen ist, ob sich unter veränderten Bedingungen andere Präferenzen ergeben könnten.

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, Verhaltensänderungen unter hypothetischen Rahmenbedingungen zu betrachten. Erstens könnten individuelle Arbeitsangebotsentscheidungen mit einem Modell auf Basis von Personenbefragungen ökonometrisch geschätzt werden. Modifikationen von Modellparametern fungieren dann als eine Veränderung der Rahmenbedingungen. Aufgrund der hohen Anforderungen an die Datenbasis können aktuelle Entwicklungen hierbei nur eingeschränkt berücksichtigt werden. Eine zweite Möglichkeit besteht darin, Personen direkt nach möglichen Verhaltensänderungen zu befragen, wenn andere Umstände existieren würden.

Die folgenden empirischen Befunde basieren auf der IW-Beschäftigtenbefragung aus dem Sommer 2025. Darin gaben Befragte unter anderem Auskunft darüber, ob sie sich eine Verlängerung ihrer Arbeitszeit grundsätzlich vorstellen können und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen sie dies in die Tat umsetzen würden. Die IW-Beschäftigtenbefragung ist eine repräsentative Online-Befragung von sozialversicherungspflichtig und ausschließlich geringfügig Beschäftigten in Deutschland, die seit 2023 jährlich vom Institut der deutschen Wirtschaft durchgeführt wird. Es wurden insgesamt über 5.000 Personen befragt, von denen 4.977 verwertbare Antworten vorliegen. Die Daten wurden vom 20.05.2025 bis 02.06.2025 erhoben.

Entgegen der Wahrnehmung, die aus der Betrachtung der Arbeitszeitwünsche abgeleitet werden könnte, bekundet eine deutliche Mehrheit von 77 Prozent der befragten Beschäftigten eine grundsätzliche Bereitschaft zu einer Verlängerung der Arbeitszeit. Bemerkenswert ist, dass diese Bereitschaft keine Frage des Arbeitszeitmodells ist. Vollzeitbeschäftigte sind mit 76 Prozent kaum weniger bereit, länger zu arbeiten als Teilzeit- oder geringfügig Beschäftigte (Grafik).

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Die Interessierten knüpfen ihre Bereitschaft aber an eine oder mehrere Bedingungen. Eine wesentliche Voraussetzung ist für 72 Prozent der Befragten, die sich eine Ausweitung vorstellen können, dass die Belastung durch Steuern und Sozialabgaben niedriger wäre. Dies gilt für Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigte gleichermaßen. Dass eine Arbeitszeitausweitung vorstellbar ist, wenn sie sich monetär auch auszahlt, ähnelt dem Befund von Stegmaier et al. (2025), demzufolge knapp die Hälfte der befragten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten angab, zu mehr Überstunden bereit zu sein, wenn diese mit steuerfreien Zuschlägen entlohnt würden. 

Für interessierte Vollzeitbeschäftigte und Teilzeitbeschäftigte mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von mehr als 20 Stunden müsste darüber hinaus auch die Lage der Arbeitszeit flexibler gestaltet werden können. Dies signalisiert zunächst die Bedeutung von arbeitsorganisatorischen und personalpolitischen Maßnahmen in den Unternehmen für die Frage, wie zusätzliches Arbeitsvolumen mobilisiert werden könnte. Denkbar ist aber, dass auch die Flexibilisierung der gesetzlichen täglichen Höchstarbeitszeit Spielräume für eine Ausdehnung der Arbeitszeiten eröffnet, weil auf diese Weise private Verpflichtungen besser mit den eigenen Arbeitszeiten abgestimmt werden können. Hammermann und Stettes (2025) zeigen, dass Beschäftigte mit einer täglichen Arbeitszeit von potenziell 10 Stunden und länger signifikant häufiger berichten, ihre Arbeit nachmittags aus privaten Gründen zu unterbrechen und abends wieder aufzunehmen. Ob dann die Beschäftigten einen erweiterten Flexibilisierungsspielraum auch nutzen würden, bleibt offen. Befragungen kommen hier zu unterschiedlichen Befunden (Stegmaier et al., 2025; Institut DGB-Index Gute Arbeit, 2025)

Die IW-Beschäftigtenbefragung zeigt ferner, dass unter-30-Jährige (86 Prozent) erwartungsgemäß eher bereit sind, ihre Arbeitszeit auszuweiten als 55-Jährige und Ältere (69 Prozent). Letztere wünschen sich ohnehin eher kürzere Arbeitszeiten (Hammermann/Schäfer, 2024). Gleichwohl ist auch bei den Älteren eine niedrigere Steuer- und Abgabenlast der wichtigste Faktor.

Die Bereitschaft, länger zu arbeiten, ist weitgehend unabhängig vom Geschlecht, der Branche, der Frage, ob es sich um eine Bürotätigkeit handelt oder der beruflichen Qualifikation. Beschäftigte ohne abgeschlossene Berufsausbildung zeigen sogar eine leicht höhere Neigung zur Arbeitszeitverlängerung als Beschäftigte mit beruflichem Abschluss und genauso viel wie Beschäftigte mit einem Hochschulabschluss. Letztere (46 Prozent) sehen in einen bessere Betreuungsinfrastruktur deutlich häufiger eine Voraussetzung für eine Arbeitszeitausdehnung als Beschäftigte ohne Abschluss (35 Prozent).

Eine deutlich erhöhte Bereitschaft zu längeren Arbeitszeiten findet sich bei Beschäftigten, die Vorgesetzte sind. Hinsichtlich der betrieblichen Merkmale unterscheidet sich die Bereitschaft nicht nennenswert zwischen verschiedenen Betriebsgrößen, der Existenz eines Betriebsrates oder der Bindung an einen Tarifvertrag. Nicht einmal die subjektive Einschätzung der Lage des Unternehmens führt zu einem spürbaren Unterschied in der Bereitschaft, länger zu arbeiten.

Die Verlängerung der Arbeitszeit ist eine der entscheidenden Maßnahmen für die Kompensation der unmittelbar anstehenden demografischen Schrumpfung, weil sie – anders als zum Beispiel die Erhöhung der Erwerbsbeteiligung – in kurzer Frist wirksam werden kann. Die vorliegenden empirischen Befunde deuten an, dass Potenzial vorhanden ist, weil bei einem großen Anteil der Beschäftigten eine grundsätzliche Bereitschaft zu längeren Arbeitszeiten vorhanden ist.

Die Befunde zeigen auch auf, welche Stellschrauben bewegt werden müssen, um das Potenzial auszuschöpfen. Gefragt ist in erster Linie die Politik, denn viele Voraussetzungen für eine längere Arbeitszeit werden vom gesetzlichen Rahmen bestimmt. Eine Senkung des Abgabenkeils von Steuern, Sozialabgaben und gegebenenfalls Transferentzug macht Mehrarbeit attraktiv, weil sich das berufliche Engagement für den Einzelnen mehr lohnt. Neue und höhere staatliche Leistungen hingegen führen in der Konsequenz zu höheren Abgaben. 

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