1. Home
  2. Studien
  3. Die Bedeutung der Hochschulen für einen erfolgreichen Transformationsprozess der Wirtschaft
IW-Policy Paper Nr. 10 27. Mai 2025 Axel Plünnecke / Michael Hüther Die Bedeutung der Hochschulen für einen erfolgreichen Transformationsprozess der Wirtschaft

In den letzten Jahrzehnten ist die Studienanfängerquote in Deutschland deutlich von 33 Prozent im Jahr 2000 auf aktuell über 50 Prozent gestiegen, sie stagniert auf diesem Niveau aber in den letzten zehn Jahren, als hätte sie sich auf dem Plateau gleichgewichtig eingependelt.

PDF herunterladen
Die Bedeutung der Hochschulen für einen erfolgreichen Transformationsprozess der Wirtschaft
IW-Policy Paper Nr. 10 27. Mai 2025 Axel Plünnecke / Michael Hüther

Die Bedeutung der Hochschulen für einen erfolgreichen Transformationsprozess der Wirtschaft

Axel Plünnecke / Michael Hüther Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

In den letzten Jahrzehnten ist die Studienanfängerquote in Deutschland deutlich von 33 Prozent im Jahr 2000 auf aktuell über 50 Prozent gestiegen, sie stagniert auf diesem Niveau aber in den letzten zehn Jahren, als hätte sie sich auf dem Plateau gleichgewichtig eingependelt.

Jahr 2023 zunahm. Dabei ergänzen die privaten Hochschulen mit ihren vor allem berufsbegleitenden Angeboten die Hochschullandschaft und stellen nicht primär eine direkte Konkurrenz zu den staatlichen Angeboten dar. Weitere Strukturverschiebungen zeigen sich in einem steigenden Anteil an Hochschulen für angewandte Wissenschaften und in zunehmenden Anteilen an internationalen Studierenden. Veränderungen zeigen sich auch in der Fächerstruktur der Studierenden – so sind die Anteile der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und der MINT-Studiengänge im Vergleich zum Jahr 2000 gestiegen, die Geisteswissenschaften hingegen haben an Anteilen stark abgenommen; auffällig ist hier ein deutlicher Rückgang auch bei der absoluten Anzahl an Studierenden. Während seit dem Jahr 2000 der Anteil der Akademikerinnen und Akademiker unter den Kindern aus Akademikerhaushalten hoch und leicht gestiegen ist, nahm vor allem auch der Anteil junger Akademikerinnen und Akademiker aus Nichtakademikerhaushalten stark zu. Die Phase der Akademisierung seit 2000 ist von hohen Bildungsrenditen für ein Hochschulstudium geprägt, die trotz der Akademisierung im Zeitraum der letzten zwanzig Jahre relativ konstant geblieben sind. Die Akademisierung ist folglich auf eine vergleichbare Nachfrage getroffen.

Trotz dieser Entwicklungen steht Deutschland vor großen Herausforderungen. In globalen Wettbewerbsstudien verliert Deutschland an Boden. Auch für eine Auswahl von zehn Ländern in dieser Studie (Südkorea, USA, Japan, Schweden, Schweiz, Deutschland, UK, Dänemark, China und Frankreich) zeigt sich, dass Deutschland gemessen an den FuE-Ausgaben am BIP und den internationalen Patentanmeldungen (IW-Patentdatenbank) seit 2000 zurückfällt und seine sehr gute Startposition verliert. Hinzu kommen die Herausforderungen von Demografie, Digitalisierung, Dekarbonisierung und Deglobalisierung, für die sich ein zu hoher Anteil deutscher Unternehmen noch nicht gut aufgestellt sieht. Vor allem Fachkräfteengpässe werden als wichtigstes Hemmnis für Digitalisierung, Klimaschutz und den Umgang mit geopolitischen Risiken in einer Befragung des IW-Zukunftspanels genannt. Der Ausblick hierzu ist ungünstig: Unter den zehn betrachteten Ländern ist Deutschland das einzige Land, das zugleich eine sehr ungünstige Altersstruktur aufweist und unter den 15-Jährigen stark sinkende Kompetenzen in Mathematik verzeichnet. Auch die Studienanfängerprognosen für die kommenden Jahre zeigen einen Rückgang. Für die vor Ort verbleibenden Hochschulabsolventinnen und -absolventen kann dies vor allem für Ostdeutschland eine besondere Herausforderung darstellen, da dort der demografische Ersatzbedarf besonders hoch ist.

Vor diesem Hintergrund hat das IW die Unternehmen in einer Befragung des IW-Personalpanels gebeten, ihre Wünsche zu Impulsen der Hochschulen für einen erfolgreichen Transformationsprozess zu nennen. Besonders häufig wurden Innovationsimpulse durch Wissenstransfer genannt, gefolgt von akademischer Weiterbildung, Forschungskooperationen und Start Up-Unternehmen, der Ausbildung internationaler Hochschulabsolventinnen und -absolventen und der Expertise zu globalen Fragen. Eine aktuelle Befragung der Hochschulleitungen durch den Stifterverband zeigt zudem, dass diese die Wettbewerbsfähigkeit des Hochschulstandortes Deutschland in den letzten Jahren deutlich schlechter einschätzen als in früheren Erhebungen. Dies betrifft auf unterschiedlichem Niveau auch die von den Unternehmen gewünschten Impulse.

Der Zusammenhang von MINT-Qualifikationen und Innovationskraft von Ländern sowie Regionen ist sehr gut durch Studien belegt. Während in Deutschland die Anzahl der MINT-Hochschulabsolventinnen und -absolventen bis zum Jahr 2015 gestiegen ist, nehmen seitdem die Absolventenzahlen leicht ab. Dazu zeigt sich ein besorgniserregender Trend bei den Studienanfängerzahlen seit dem Jahr 2016, der einen weiteren Rückgang der Absolventenzahlen in den kommenden Jahren vermuten lässt. Langfristig kommt erschwerend hinzu, dass sich der Anteil der Top-Performer in Mathematik unter 15-Jährigen von 2012 bis 2022 von 17,5 Prozent auf 8,6 Prozent halbiert hat. Misst man die Relation der MINT-Absolventinnen und -Absolventen relativ zur Gesamterwerbstätigkeit im internationalen Vergleich, so ist diese MINT-Ersatzrate in Deutschland deutlich niedriger als in Frankreich und geringer als in UK, Südkorea und Dänemark.

Hochschulen sind wichtige Kooperationspartner für die Privatwirtschaft. In Deutschland ist zwar die Gesamtsumme der Drittmittel aus der Wirtschaft für die Hochschulen von 1,2 Mrd. Euro im Jahr 2010 auf 1,5 Mrd. Euro im Jahr 2019 gestiegen, der Anteil an allen Drittmitteln von Hochschulen ist hingegen von 21,1 Prozent auf 17,2 Prozent gesunken. Nach Daten der OECD kooperieren 35 Prozent der größeren Unternehmen bei ihren Innovationsprojekten mit Hochschulen, hingegen nur 12 Prozent unter KMUs. Vor allem das Verarbeitende Gewerbe ist bei der Kooperation gut aufgestellt. Im internationalen Vergleich der zehn Länder, bei denen für acht Länder Daten vorliegen, belegt Deutschland mit einer Kooperationsquote von 13 Prozent hinter UK einen guten zweiten Platz.

Die Hochschulen können ferner die Transformationsprozesse durch Gründungen und eigene Forschungsaktivitäten unterstützen. Die Gründungen aus dem Hochschulbereich haben sich im Zeitraum von 2020 bis 2024 deutlich erhöht. Auch die Anzahl der Mitarbeitenden in der Gründungsförderung ist in Hochschulen gestiegen. Bei Auswertungen der IW-Patentdatenbank zu Patentanmeldungen der Hochschulen zeigt sich, dass innerhalb Deutschlands die Technischen Universitäten eine dominante Stellung einnehmen und vor allem in Deeptech-Bereichen eine hohe Bedeutung haben. Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass die Ausgaben des Hochschulbereichs für Forschung gemessen am BIP mit knapp 0,6 Prozent am BIP unter den zehn Ländern einen fünften Platz bedeuten. An der Spitze liegen Dänemark und die Schweiz, die mit rund 0,9 Prozent beziehungsweise 1,0 Prozent des BIPs deutlich mehr in die Hochschulforschung investieren. Dieses Bild bestätigt eine Auswertung der internationalen Patentanmeldungen der IW-Patentdatenbank – auch hier liegen gemessen am BIP die Schweiz und Dänemark vorn, Deutschland belegt einen vierten Platz.

Wichtige Impulse leisten die Hochschulen durch die Zuwanderung internationaler Studierender. Die Anzahl internationaler Studierender in Deutschland ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Nach ihrem Abschluss arbeiten sie in akademischen Berufen, haben oft eine MINT-Qualifikation und kommen häufig aus demografiestarken Drittstaaten wie Indien. Damit stärken sie Netzwerke zu weiteren potenziellen Zuwanderern. Selbst in Berechnungen mit Varianten geringer Bleibequoten sind die internationalen Studierenden aus fiskalischer Sicht hoch attraktiv für die öffentliche Hand. Internationale Studierende können in ökonomisch relevantem Umfang zur Stabilisierung der demografisch bedingt sinkenden Wachstumsraten des BIP-Potenzials beitragen. Im internationalen Vergleich der zehn Länder ist der Anteil von internationalen Studierenden erfreulich groß – Deutschland belegt einen dritten Platz hinter UK und der Schweiz.  

Die Veränderungen im Transformationsprozess bedeuten einen hohen Bedarf auch an akademischer Weiterbildung für neue Themenfelder (zum Beispiel KI). Bisher gibt es in Deutschland nur einen geringen Anteil an Studiengängen, die sich gut berufsbegleitend umsetzen lassen. In den letzten zehn Jahren ist aber die Anzahl der Studierenden in Teilzeit, in dualen Studiengängen und im Fernstudium deutlich gestiegen. Vor allem private Hochschulen setzen hier ihren Schwerpunkt und haben das Studienangebot deutlich ausweiten können. Aus Sicht der Studierenden werden diese Angebote sehr positiv bewertet. Auch aus Sicht der Unternehmen werden berufsbegleitende Angebote der Hochschulen in Teilzeit oder als Fernstudium laut Befragung des IW-Personalpanels als wichtig bewertet, vor allem von größeren Unternehmen. Für einen internationalen Vergleich der zehn Länder ist die Datenlage sehr ungünstig. Für sechs Länder liegen Daten von Eurostat zur Teilnahmequote von Hochqualifizierten im Alter von 25 bis 64 Jahren an formeller Weiterbildung vor. Unter den sechs Ländern belegt Deutschland einen fünften Platz, weit hinter Schweden und Dänemark. Zur Einordnung der Daten ist es wichtig zu beachten, dass vor allem informelle Weiterbildung eine hohe Bedeutung in deutschen Unternehmen hat. Als wichtiges Hemmnis für mehr formelle Weiterbildung nennen die Unternehmen, dass keine passenden Angebote am Weiterbildungsmarkt verfügbar sind.

Als letzten Aspekt sind Expertise für geopolitische Herausforderungen und Weltoffenheit wichtig für den Transformationsprozess. Ein wichtiges Handlungsfeld hierzu ist die Expertise zu globalen Entwicklungen, und ergänzend zur China-Strategie der Bundesregierung, der Aufbau von China-Kompetenz. Daneben zeigen Auswertungen des IW-Personalpanels, dass Weltoffenheit und eine proeuropäische Haltung aus Sicht der Unternehmen wichtige Aspekte der Internationalisierung sind. Verschiedene Studien zeigen, dass Auslandsaufenthalte während des Studiums Weltoffenheit und eine proeuropäische Haltung stärken können. Im internationalen Vergleich gibt es Daten aus den Jahren 2017 bis 2022, die zeigen, wie nah sich Hochqualifizierte in den Ländern zur Welt fühlen. Unter den zehn betrachteten Ländern liegt Frankreich vorn, gefolgt von Deutschland und der Schweiz.

Um die Wirkungskanäle der Hochschulen auf die Innovationskraft und das Gelingen des Transformationsprozesses in den Unternehmen zu stärken, sind entsprechende Maßnahmen abzuleiten. Hierfür sollte vor allem die MINT-Ausbildung an Hochschulen gestärkt werden. In den vorgelagerten Bildungsbereichen sind entsprechende Maßnahmen zur Stärkung von MINT-Kompetenzen sowie der klischeefreien Berufs- und Studienorientierung vorzunehmen. Um die Forschung als Basis des Wissenstransfers zu stärken, sollten die Forschungsausgaben an den Hochschulen auf das Niveau der führenden Konkurrenzländer erhöht werden. Mit einer Priorisierung auf technische Hochschulen und technische Fachbereiche kann dadurch auch die Patentleistung deutscher Hochschulen unterstützt werden. Als weiteres sollten die Rahmenbedingungen an Hochschulen für Forschungskooperationen und Ausgründungen verbessert werden. Über Zielvereinbarungen können zusätzliche Mittel dafür den Hochschulen zur Verfügung gestellt werden, um personelle Ressourcen für entsprechende Einrichtungen bereitstellen zu können. Ähnliches gilt für den Bereich akademischer Weiterbildung. Besonders attraktiv ist für die öffentliche Hand die Stärkung der Zuwanderung über die Hochschulen. Für 79.000 zusätzliche internationale Studierende müsste die öffentliche Hand etwa rund 2,3 Mrd. Euro für das Gesamtstudium aufwenden. Bei plausiblen Annahmen zur Bleibequote werden diese Ausgaben langfristig um Nettoeinnahmen in Höhe von 15,5 Mrd. Euro für die öffentliche Hand übertroffen. Durch Begleitprogramme sollten der Erfolg und die Bleibequoten erhöht werden. Abschließend sollten internationale Austauschprogramme wie Erasmus+ in steigendem Maße weiter gefördert werden, um Weltoffenheit und eine proeuropäische Haltung in Deutschland weiter zu sichern.

PDF herunterladen
Die Bedeutung der Hochschulen für einen erfolgreichen Transformationsprozess der Wirtschaft
IW-Policy Paper Nr. 10 27. Mai 2025 Axel Plünnecke / Michael Hüther

Die Bedeutung der Hochschulen für einen erfolgreichen Transformationsprozess der Wirtschaft

Axel Plünnecke / Michael Hüther Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Mehr zum Thema

Mehr zum Thema

Artikel lesen
INSM-Bildungsmonitor 2026: Bildungsstand, Bildungschancen und Bildungsmobilität
Gutachten 14. September 2026 Christina Anger et al.

INSM-Bildungsmonitor 2026: Bildungsstand, Bildungschancen und Bildungsmobilität

Der Bildungsmonitor 2026, den das Institut der deutschen Wirtschaft seit dem Jahr 2004 im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) erstellt, misst nun bereits zum 23. Mal, in welchen Handlungsfeldern der Bildungspolitik Fortschritte erzielt werden konnten.

Christina Anger / Julia Betz / Wido Geis-Thöne / Axel Plünnecke IW

Artikel lesen
IW-Kurzbericht Nr. 48 23. Juli 2026 Wido Geis-Thöne / Samina Sultan

Bedeutung von Hochschulpartnerschaften mit dem globalen Süden

Von internationalen Hochschulkooperationen profitiert Deutschland nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht.

Wido Geis-Thöne / Samina Sultan IW

Mehr zum Thema

Inhaltselement mit der ID 8880