1. Home
  2. Presse
  3. IW-Nachrichten
  4. Flüchtlinge: Fragwürdige Annahmen zu Abschlüssen
Zeige Bild in Lightbox Fragwürdige Annahmen zu Abschlüssen
(© Foto: monkeybusinessimages/iStock)
Teilen Sie diesen Artikel:

oder kopieren Sie den folgenden Link:

Der Link wurde zu Ihrer Zwischenablage hinzugefügt!

Wido Geis IW-Nachricht 22. August 2017

Flüchtlinge: Fragwürdige Annahmen zu Abschlüssen

Laut der BILD-Zeitung sollen fast 60 Prozent der erwachsenen Flüchtlinge keinen Schulabschluss haben. Doch die Schätzung ist problematisch. Realistischer ist ein Anteil von rund 40 Prozent.

Teilen Sie diesen Artikel:

oder kopieren Sie den folgenden Link:

Der Link wurde zu Ihrer Zwischenablage hinzugefügt!

59 Prozent der Flüchtlinge sollen keinen Schulabschluss haben – so melden es heute die BILD und beruft sich dabei auf einen Bericht des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB) von Juni diesen Jahres. Doch die Angaben sind aus zwei Gründen fragwürdig:

Zunächst handelt es sich bei den zugrundeliegenden Daten der Bundesagentur für Arbeit um die Meldungen von arbeitsuchenden Flüchtlingen – und nicht von Flüchtlingen im erwerbsfähigen Alter. Arbeitsuchende haben jedoch durchschnittlich ein niedrigeres Bildungsniveau als Erwerbstätige. So hatten im Januar 2017 beispielsweise 31 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus den acht Hauptherkunftsländern außerhalb Europas sogar einen berufsqualifizierenden Abschluss, aber nur etwas mehr als 12 Prozent der Arbeitsuchenden.

Zudem unterstellt der Medienbericht, dass alle arbeitsuchenden Flüchtlinge ohne Angaben zu ihrem Schulabschluss tatsächlich keinen Abschluss haben. Diese Annahme ist wissenschaftlich nicht seriös und findet sich auch in dieser eindeutigen Formulierung nicht in der Studie des BIBB. Viele dieser Flüchtlinge dürften durchaus einen Schulabschluss mitbringen, da der jedoch nicht in das Raster der deutschen Abschlüsse passt, wird er nicht erfasst. Definitiv keinen Schulabschluss haben der BA-Statistik zufolge nur 34 Prozent der arbeitsuchenden Flüchtlinge. Geht man davon aus, dass die Flüchtlinge ohne Angabe die gleiche Bildungsstruktur aufweisen wie die Flüchtlinge mit Angabe, kommt man auf einen Anteil von rund 46 Prozent.

Eine realistische Einschätzung des Bildungsniveaus der Flüchtlinge liefert die IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten aus dem Jahr 2016. Demnach haben 58 Prozent der erwachsenen Flüchtlinge einen Schulabschluss und 19 Prozent einen berufsqualifizierenden Abschluss. Rund 9 Prozent haben nie eine Schule besucht. Dies deckt sich mit Daten des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, die bei der Asylerstantragstellung auf freiwilliger Basis erhoben werden. Ihnen zufolge haben 11 Prozent der Personen, die 2016 einen Asylantrag gestellt haben, keine formale Schulbildung und etwa 21 Prozent haben nur eine Grundschule besucht. Insgesamt dürfte der Anteil der erwachsenen Flüchtlinge ohne Schulabschluss damit bei rund 40 Prozent liegen.

Teilen Sie diesen Artikel:

oder kopieren Sie den folgenden Link:

Der Link wurde zu Ihrer Zwischenablage hinzugefügt!

Mehr zum Thema

Artikel lesen
The difficulties of universal redistribution in times of welfare chauvinism
Matthias Diermeier / Judith Niehues im LSE-Blog Gastbeitrag 17. Juni 2022

The difficulties of universal redistribution in times of welfare chauvinism

Previous studies have found substantial support across Europe for the creation of a universal basic income system. Yet as Matthias Diermeier and Judith Niehues explain, there is also widespread support for restricting the access of immigrants to state ...

IW

Artikel lesen
Matthias Diermeier / Judith Niehues in Rationality and Society Externe Veröffentlichung 17. Juni 2022

Towards a nuanced understanding of anti-immigration sentiment in the welfare state: a program specific analysis of welfare preferences

The literature on immigration and the welfare state describes a trade-off between immigration and welfare support. We argue for a more nuanced view of welfare chauvinism that accounts for different motivational channels, specific welfare programs and ...

IW

Mehr zum Thema

Inhaltselement mit der ID 8880