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Klaus-Heiner Röhl IW-Nachricht 1. Oktober 2018

Tag der deutschen Einheit: Zwei Welten

Vor 28 Jahren sind die ostdeutschen Länder mit der Bundesrepublik verschmolzen. Trotzdem halten sich die Unterschiede zwischen Ost und West hartnäckig, zum Teil vergrößern sie sich sogar. Dabei ist das Projekt „Aufbau Ost“ insgesamt ökonomisch erfolgreich.

Zwei Zahlen zeigen das ganze Ost-West-Dilemma: Im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaft in den neuen Bundesländern und Berlin um 1,9 Prozent, während das BIP in Westdeutschland um 2,3 Prozent zulegte. Außerhalb von Berlin ist Ostdeutschland nur um 1,4 Prozent gewachsen. Schuld daran ist vor allem der demografische Wandel: Im Osten gehen mehr Ältere in Rente als Junge in den Arbeitsmarkt nachrücken. Die jüngere Generation ist schwach besetzt, seit 1990 sind die Geburten zurückgegangen und viele junge Leute abgewandert. Im vergangenen Jahr lebten in Ostdeutschland und Berlin rund zwei Millionen Menschen weniger als noch zur Wende. 

Auch bei anderen wichtigen Indikatoren hinkt Ostdeutschland dem Westen hinterher: Die Produktivität und der Kapitaleinsatz erreichen beispielsweise durchschnittlich nur drei Viertel des westdeutschen Niveaus, ohne Berlin. Das IW misst im sogenannten Einheitsindikator sieben Kernbereiche und vergleicht sie mit den westdeutschen Werten. Demnach nähern Ost und West sich zwar weiterhin an – allerdings nur langsam. 

Dabei hat sich eigentlich viel getan: Der Arbeitsmarkt hat sich den vergangenen Jahren stark verbessert, im Jahr 2000 war er noch von Massenarbeitslosigkeit geprägt. Inzwischen fehlen in vielen Regionen Fachkräfte, in manchen sogar generell Arbeitskräfte. Zudem haben die ostdeutschen Länder und Kommunen wichtige Verkehrsprojekte abgeschlossen und sind inzwischen gut an (west-)deutsche und internationale Wirtschaftszentren angeschlossen. 

Auch den ostdeutschen Unternehmen geht es grundsätzlich gut, allerdings gibt es hier einen hartnäckigen Produktivitätsrückstand. Das liegt vor allem an fehlenden Großunternehmen und daran, dass es kaum Unternehmen in innovativen Branchen mit hoher Wertschöpfung gibt. Die Bruttolöhne liegen bei knapp 82 Prozent des westdeutschen Durchschnitts. Immerhin: Das niedrigere Preisniveau im Osten sorgt dafür, dass die Lücke beim Nettorealeinkommen nicht allzu weit auseinanderklafft. 

Trotz der Faktenlage hält sich jedoch in weiten Kreisen der ostdeutschen Bevölkerung hartnäckig das Gefühl, abgehängt zu sein und nicht verstanden zu werden. Das liegt auch daran, dass es Einschränkungen im öffentlichen Leben gibt: Im dünner besiedelten Osten fehlen in ländlichen Regionen Einkaufsmöglichkeiten, Schulen und Arztpraxen, Busse fahren oft nur einmal am Tag. 

Immerhin stehen die strukturschwachen ostdeutschen Regionen seit der Bundestagswahl wieder mehr im Zentrum politischer Aufmerksamkeit. Doch es ist schwierig, mit Förderprogrammen gegenzusteuern. Die traditionelle Regionalpolitik bemüht sich zwar, betroffene Regionen für Industrieansiedlungen attraktiv zu gestalten. Es ist allerdings fraglich, ob sich das in Regionen lohnt, in denen kaum junge Menschen leben und in denen die Arbeitslosigkeit gering ist und weiter fällt. Selbst in Regionen mit viel mittelständischer Industrie wie Sachsen und Thüringen fehlen Fachkräfte, sodass die Industrialisierung weiterer Gebiete sinnlos erscheint. Eine Förderung nach dem Gießkannen-Prinzip kann überalterte Dörfer nicht retten, wenn die Bevölkerung insgesamt schrumpft. 

Die Wirtschaftsförderung sollte sich deshalb auf Innovationen und produktivitätssteigernde Investitionen in Betrieben vor Ort konzentrieren. Geht es um Arztpraxen, Schulen und Infrastruktur, sollte sich die Politik vor allem um Kleinstädte mit Zukunftspotenzial kümmern, auch wenn das Bewohnern kleinerer Dörfer nur bedingt hilft. Zudem sind die ostdeutschen Bundesländer in den kommenden Jahren zunehmend auf ausländische Fachkräfte angewiesen – ihnen müssen die Länder im Wettbewerb mit westdeutschen und internationalen Standorten attraktive Bedingungen und eine verbesserte Willkommenskultur bieten.
 

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