1. Home
  2. Presse
  3. IW-Nachrichten
  4. Gesellschaft: Der Mythos der Spaltung
Zeige Bild in Lightbox Eine frisch renovierte Altbaufassade steht in leuchtenden Farben neben einer verfallenen unrenovierten, die noch sichtbare Kugellöcher aus dem zweiten Weltkrieg trägt.
Gespaltene Häuserreihe: das ein Haus renoviert, das andere noch kriegsversehrt. (© Getty Images)
IW-Nachricht 20. Dezember 2022 Dominik Enste

Gesellschaft: Der Mythos der Spaltung

Viele glauben, dass Deutschland ein tief gespaltenes Land ist, dabei zeigt sich: Im europäischen Vergleich stehen wir eigentlich gut da. Zudem erscheint das Gesellschaftsbild hinter solchen Klagen allzu überholt.

Politische Grabenkämpfe, wirtschaftliche Ungleichheit, immer kleinere Gemeinsamkeiten – an Diagnosen, die Deutschland eine innere Spaltung nahelegen, gibt es wahrlich keinen Mangel. Fast jeder zweite Deutsche ist laut einer Allensbach-Umfrage davon überzeugt, dass die Gesellschaft in vielen Themen gespalten ist und die Meinungen sich unversöhnlich gegenüberstehen. Das Urteil ist allzu verlockend: Weil der Begriff der Spaltung ungenau ist und immer passend erscheint, wird er in Debatten inflationär verwendet. 

Umfragen sprechen gegen eine umfassende Spaltung

Der Vergleich mit den anderen EU-Staaten zeigt jedoch: Deutschland ist nicht gespaltener als andere Länder. 21 Prozent der Befragten aus Deutschland vertrauen ihren Mitmenschen nicht – der EU-Durchschnitt liegt mit 28 Prozent darüber. In Deutschland gaben 44 Prozent, also weniger als die Hälfte an, der Regierung zu misstrauen. Im europäischen Vergleich eher wenig: In allen anderen EU-Staaten liegt der Wert bei 60 Prozent. Auch die Einkommensungleichheit liegt in Deutschland unter dem EU-Durchschnitt. Zudem hat die Häufigkeit von menschenfeindlichen Aussagen im Laufe der vergangenen 20 Jahren in Deutschland stark abgenommen. Pauschalaussagen über den Zustand der deutschen Gesellschaft widersprechen also den Fakten. Wer permanent von Spaltung spricht, schürt das Misstrauen auch selbst.

Einigkeit ist ein unerfüllbarer Anspruch

Das bedeutet nicht, dass es gar keine gesellschaftlichen Zerwürfnisse gibt. Aber zumindest zeigt sich, dass Misstrauen und Ungleichheit bei weitem nicht so groß sind, wie sie öffentlich erscheinen. Zudem gehen die Mahnungen von einem völlig falschen Gesellschaftsbild aus. Dass alle Teile einer Gesellschaft sich verstehen und respektieren müssen, die Gesellschaft solidarisch, inklusiv und harmonisch sein muss, ist ein Mythos. Deutschland ist eine facettenreiche und pluralistische Demokratie – keine gleichförmige Stammesgesellschaft. In einer vielfältigen Demokratie zu leben heißt eben auch, Menschen mit weniger Gemeinsamkeiten zu ertragen.

Ideale bleiben wichtig

„Romantische Gemeinschaftsideale sind nicht als Maßstab für moderne Gesellschaften geeignet“, sagt IW-Verhaltensforscher Dominik Enste. „Das heißt nicht, gesellschaftliche Ideale ganz aufzugeben. Wir sollten weiterhin das Ziel haben, Fälle von Ausgrenzung, Diskriminierung oder sozialen Notlagen zu lösen.“ Vielleicht tröstet da, dass es für viele grundlegenden Themen immer noch einen breiten Konsens gibt – etwa was das demokratische System, EU- und Nato-Mitgliedschaft, Marktwirtschaft oder Sozialpolitik angeht.

Alle Details finden Sie in "Gespaltene Gesellschaft - Hintergründe, Mythen, Fakten", einer Studie des Roman-Herzog-Instituts.

zum Download
Externe Veröffentlichung
Gespaltene Gesellschaft? Hintergründe, Mythen und Fakten
Externe Veröffentlichung 27. Oktober 2022 Stefan Hradil / Dominik H. Enste / Theresa Eyerund / Jennifer Potthoff

Gespaltene Gesellschaft? Hintergründe, Mythen und Fakten

Roman Herzog Institut (Hrsg.)

Stefan Hradil / Dominik H. Enste / Theresa Eyerund / Jennifer Potthoff Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Mehr zum Thema

Mehr zum Thema

Artikel lesen
Ehrlichkeit im Ländervergleich: Der Honesty-Attitude-Behavior-Gap
IW-Trends Nr. 3 29. September 2026 Dominik Enste / Jennifer Potthoff / Augustin Renz

Ehrlichkeit im Ländervergleich: Der Honesty-Attitude-Behavior-Gap

Ehrlichkeit senkt Transaktionskosten und ist damit eine Voraussetzung funktionierender wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Bisher wurden ehrliche Einstellungen und ehrliches Verhalten überwiegend getrennt untersucht.

Dominik Enste / Jennifer Potthoff / Augustin Renz IW

Artikel lesen
IW-Trends Nr. 3 17. September 2026 Holger Pfaff* et al.

Soziale Infrastruktur, Kapazitäten und Handlungsfähigkeit von Unternehmen in Deutschland

Der Artikel untersucht die Grundlagen organisationaler Handlungsfähigkeit von Unternehmen auf Basis des AGIL-Modells.

Holger Pfaff* / Susanne Seyda / Thomas Schleiermacher / Jennifer Potthoff / Julia Traue* / Carsten Rusniok* IW

Mehr zum Thema

Inhaltselement mit der ID 8880