Trump, Brexit, zunehmender Protektionismus: Ist dies das Ende offener Grenzen? Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, spricht im Interview mit „Stahl – Das Magazin“ über eine Weltwirtschaft unter veränderten Vorzeichen, mögliche Folgen für die deutsche Wirtschaft und die daraus resultierende Lage der Stahlindustrie.

Protektionismus: „Erhebliches Gefährdungspotenzial“
Herr Prof. Dr. Hüther, Trump-Wahl, Brexit, immer stärkere protektionistische Tendenzen: Wie bewerten Sie die wirtschaftlichen Auswirkungen?
Für eine Exportnation wie Deutschland kann zunehmender Protektionismus fatal sein. Wir haben einen Großteil unseres Wohlstands dem internationalen Handel zu verdanken. Die Handelsliberalisierung seit den 1990er-Jahren hat es möglich gemacht, sich auf hochqualitative Produkte und komplexe Produktionsstufen zu spezialisieren und die eigenen Wettbewerbsvorteile dadurch auszubauen. Doch freier Handel ist auch in einer Welt mit Brexit möglich und selbst Donald Trump dürfte die Risiken eines sich ausbreitenden Protektionismus oder gar Handelskriegs erkennen.
Wie gut sehen Sie in diesem Kontext die deutsche Wirtschaft aufgestellt?
Protektionistische Tendenzen bieten für die exportstarke deutsche Wirtschaft ein erhebliches Gefährdungspotenzial. Allerdings sind die deutschen Industrieunternehmen, zu denen viele Hidden Champions mit hoch spezialisierten Produkten zählen, global aufgestellt und dadurch flexibel. Schwierigkeiten auf einzelnen Exportmärkten konnten schon öfter durch Erfolge auf anderen Märkten wettgemacht werden. Aktuell sieht es so aus, dass Europa endlich auf den Wachstumspfad zurückfindet. Mit Kanada wurde ein Freihandelsabkommen geschlossen und mit Japan laufen die Verhandlungen für ein weiteres. Dies könnte einen Ausgleich für mögliche Probleme auf dem US-Markt bieten.
Was kann die Politik leisten, damit die hiesige Stahlindustrie weiterhin wettbewerbsfähig produzieren kann?
Die Stahlindustrie gehört zu den energieintensiven Industrien, die besonders von Rohstoff- und Energiepreisen sowie Regulierung tangiert werden. Hier sollten Deutschland und die EU darauf achten, trotz Bemühungen für eine Verbesserung des Klimaschutzes gleiche Wettbewerbsbedingungen wie internationale Wettbewerber zu erhalten. Im Übrigen bedeutet das Ablehnen von Protektionismus auch nicht, dass man Importe zu Dumpingpreisen unbeschränkt ins Land lässt. Das chinesische Exportverhalten ist weiter genau zu beobachten und notfalls angemessen zu sanktionieren.
Wie kann die Branche in diesem schwierigen wirtschaftlichen und politischen Umfeld bestehen?
Durch eine konsequente Qualitätsorientierung bei gleichzeitiger Ausnutzung aller Möglichkeiten zur Steigerung der Produktivität. Allerdings setzt dies auch voraus, dass internationale Überkapazitäten irgendwann vom Markt werden, da andernfalls immer neue Dumpingwellen drohen, die auch eigentlich gesunde Unternehmen gefährden. Industrie 4.0 hat schon längst Einzug in die Stahlindustrie gehalten.
Welche Entwicklungen sind durch die Digitalisierung in den Wertschöpfungsketten bereits absehbar?
Die Digitalisierung löst zunehmend Branchengrenzen auf. Das bedeutet, dass auch die Stahlindustrie immer mehr Dienstleistungen anbietet. Die Arbeitsteilung nimmt weiter zu, Wissen wird immer spezifischer. Hierdurch werden Netzwerke und Kooperationen zwischen Unternehmen immer wichtiger. Wertschöpfungsketten entwickeln sich zu Wertschöpfungsnetzwerken, die digital gesteuert werden. Die Stahlindustrie wird aus diesen Gründen für die nachgelagerten Branchen eine immer wichtigere Rolle spielen.
Ergänzen Sie zum Abschluss bitte folgenden Satz: Die Stahlindustrie in Deutschland kann positiv in die Zukunft blicken ……, weil hochwertiger Stahl auch in der digitalen Welt gebraucht wird.
Zum Interview auf stahl-blog.de.

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