Das Institut der deutschen Wirtschaft feiert seinen 75. Geburtstag. IW-Direktor Michael Hüther spricht im Interview mit der Rheinischen Post über Erfolge und Flops in der Forschung, über die Konjunktur und dringende Reformen.
Warum wurde das IW eigentlich gegründet, Herr Hüther?
Vor 75 Jahren wurde das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) gegründet. Warum eigentlich?
Es wurde 1951 als Deutsches Industrie-Institut gegründet – die Industrie hatte den Wunsch, volkswirtschaftliche Aufklärung zu betreiben und marktwirtschaftliche Positionen wissenschaftlich zu unterlegen. Damals entfielen fast 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf die Industrie. 1973 wurde es in Institut der deutschen Wirtschaft umbenannt, um die breitere Verankerung in der gesamten deutschen Wirtschaft deutlich zu machen. Bis heute leiten uns zwei Ideen: Stärkung der Europäischen Integration und Stärkung des Wettbewerbs.
Ärgert es Sie, wenn das IW als „arbeitgebernah“ tituliert wird? Wie unabhängig ist es?
Wie könnte ich etwas gegen Arbeitgeber haben? Wir sind der Sozialen Markwirtschaft verpflichtet, aber unabhängig in unserer Arbeit.
Sagen Sie denn auch mal etwas, was der Wirtschaft nicht gefällt?
Oh ja. Ich habe schon früh eine Reform der Schuldenbremse angeregt, das hat nicht allen Wirtschaftsverbänden gefallen. Anderes Beispiel: In der Finanzkrise 2008 hat das IW aus guten Gründen eine Zwangskapitalisierung von Banken nach dem Vorbild der USA gefordert. Davon wollten die deutschen Banken nichts wissen.
Hat das IW auch mal richtig schief gelegen?
Irren gehört zur Wissenschaft dazu, erst recht zur Prognose. Ein Beispiel: Nach dem Börsencrash im Herbst 1987 hat das Institut einen schweren Konjunktureinbruch prognostiziert. Dazu kam es nicht, weil die US-Notenbank unter Alan Greenspan massiv gegensteuerte. Ein Gutachten zur deutschen Einheit war 1990 hinsichtlich der Zeitschiene viel zu optimistisch.
Seit drei Jahren steckt die deutsche Wirtschaft in der Krise. Wie schlimm wird es noch?
Die deutsche Wirtschaft ist nicht im freien Fall. In diesem Jahr wird sie um ein Prozent wachsen, so unsere Erwartung. Das löst nicht alle Probleme, doch langsam geht es aufwärts.
Aber nicht auf dem Arbeitsmarkt, da sieht es anders aus ...
Für Arbeitslose ist die Lage angespannt. Die Zahl könnte über drei Millionen steigen, die Quote wird 2026 bei 6,3 Prozent verharren. Zum einen bauen Betriebe wegen der Konjunkturkrise Stellen ab, zum anderen stoppen sie das Labour Hoarding, das Festhalten an Fachkräften.
Was macht Ihnen insgesamt die größten Sorgen – Trumps Aggression, Chinas Politik, Europas Schwäche?
Der US-Präsident hält die Welt mit seiner unkalkulierbaren Politik in Atem – und die Europäische Union war wieder nicht vorbereitet. Deutsche Autobauer leiden massiv unter den Zöllen. Trumps Drohung gegenüber Grönland sollte uns Europäer klar machen, dass wir uns endlich um unsere Sicherheit selbst kümmern müssen. Wer glaubt, es werde ohne Europäische Verteidigungsunion gehen, verkennt die Realität.
Und Trumps Drohungen gegenüber der Notenbank Fed? Wird der Dollar seine Stellung als Leitwährung verlieren?
Die Unabhängigkeit der Fed ist elementar für die Preis- und Währungsstabilität. Das haben Notenbank-Chefs aus aller Welt gerade betont und sich mit der Fed solidarisiert. Auch die Märkte reagierten beunruhigt auf Trumps neue Attacke. Diese Sprache versteht er. Die einzige Währung, die als alternative Leitwährung infrage käme, wäre der Euro. Das wäre ein Privileg für Europa, der Weg dahin so oder so anstrengend.
Ins Inland: Der Herbst der Reformen fand nicht statt. Sind Sie enttäuscht von der Bundesregierung?
Die Rentenpolitik ist schlicht Mist: Die CSU hat die Mütterrente durchgesetzt, die SPD die Haltelinie, die CDU die Aktivrente – alles teure Maßnahmen, die die demografischen Probleme nicht lösen und die junge Generation weiter belasten. Schon jetzt liegen die Sozialabgaben bei einer Quote von deutlich über 40 Prozent.
Was muss geschehen?
Es gibt letztlich nur drei Stellschrauben in der Umlagerente: Rentenhöhe, Rentenbeitrag, Rentenalter – alles andere ist Beiwerk. Wenn Sozialministerin Bas auf den Bundeszuschuss verweist, macht sie den Bürgern etwas vor – der muss schließlich vom Steuerzahler finanziert werden. Wenn wir keine Explosion der Beiträge wollen, müssen wir das Rentenalter weiter erhöhen, gekoppelt an die Lebenserwartung.
Wir brauchen die Rente mit 70?
Die zusätzliche Lebenszeit muss im Verhältnis vier zu eins oder mindestens drei zu eins in zusätzliche Arbeitszeit gehen. Anders ist das umlagefinanzierte Rentensystem nicht zu retten. Am Ende läuft das auf die Rente mit 70 hinaus. Dänemark macht es vor – kein Staat, den wir mit sozialer Kälte verbinden.
Wie sieht es bei den Steuern aus?
Es ist gut, dass die Bundesregierung die Körperschaftsteuer senken will. Es wäre besser, wenn dies vor 2028 geschieht und die Abschaffung des Soli auf den Tisch kommt. Es ist gut, dass die Regierung die Stromsteuer senkt – besser wäre eine Entlastung für alle.
Nun will die SPD Firmenerben stärker besteuern. Was halten Sie davon?
Es ist richtig, die Erbschaftsteuer einfacher zu gestalten. Doch die SPD-Pläne, wonach der Freibetrag für Firmenerben bei nur fünf Millionen Euro liegen soll, würden dem Standort schaden, da schon mittlere Familienunternehmen mit kräftigen Steuererhöhungen rechnen müssten. Dies droht, die Abwanderung von Firmen und Arbeitsplätzen zu befördern. Das kann die SPD nicht ernsthaft wollen, oder sie hat den Ernst der Lage noch nicht verstanden.
Der Frust in der deutschen Wirtschaft über die Bundesregierung ist groß. Fürchten Sie ein weiteres Erstarken der AfD?
Bürger und Betriebe erleben an vielen Stellen, dass der Staat nicht liefert. Jüngstes Beispiel: Kaum ist etwas Winter, fallen Bahnen aus und schließen Schulen. Damit der Unmut nicht zu Stimmen für die AfD wird, muss die Regierung klarer kommunizieren und Reformen angehen. Hoffnungsvoll stimmen mich die Pläne von Digitalminister Karsten Wildberger. Mit am meisten leiden die Firmen unter Bürokratie, konsequente Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung hilft dagegen.
Wie sehen Sie die AfD-Gefahr?
Es ist fahrlässig, wenn Markus Söder die schwarz-rote Koalition die „letzte Patrone der Demokratie“ nennt. Auch darf die Union sich nicht von der SPD die Verantwortung für das Kleinhalten der AfD aufbürden lassen – die AfD einzugrenzen, ist eine Aufgabe für alle demokratischen Parteien.
Warum flirten manche Unternehmen mit der AfD?
Tun sie das wirklich? Sicher, es gibt viel Frust über die langwierigen Prozesse in der Demokratie. Doch die meisten wissen: Die AfD ist in Teilen rechtsextremistisch und steht gegen die Offenheit, von der die Exportnation Deutschland lebt. Laut einer IW-Umfrage von 2024 ist es schon jetzt schwierig, in AfD-Hochburgen ausländische Fachkräfte zu gewinnen. Würde Deutschland gar aus der EU austreten, könnte es über fünf Prozent seiner Wirtschaftsleistung verlieren, über zwei Millionen Arbeitsplätze wären bedroht.
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