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IW-Wirtschaftsethiker Dominik Enste
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Dominik Enste auf Südwest Presse Online Interview 3. April 2020

Corona-Krise: „Das Wichtigste ist jetzt eine Exitstrategie”

Gesundheit geht vor: Nach diesem Motto agiert die Bundesregierung derzeit. 95 Prozent der Deutschen unterstützen die Abstandsregelungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Doch wie lange geht das gut? Der IW-Wirtschaftsethiker Dominik Enste erklärt in der Südwest Presse Online, ob Menschenleben gegen wirtschaftliche Interessen aufgewogen werden können.

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Herr Enste, in der Corona-Krise geht die Gesundheit vor wirtschaftliche Interessen. Richtig so?

Wir sind dem Humanismus verpflichtet und nehmen daher die Gesundheit der Menschen wichtiger als Gewinneinbußen oder Produktionsrückgänge für Unternehmen. Zugleich muss man aber auch Folgendes sehen: Wenn die Wirtschaft am Boden liegt, könnten wir am Ende Probleme bekommen, Menschen zu retten.

Können bei Menschenleben Kosten gegen Nutzen aufgewogen werden?

Unsere Verfassung verbietet das. Der Grundsatz, dass die Menschenwürde unantastbar ist, beschreibt die Ethik in der Tradition von Immanuel Kant. Danach kann man kein Menschenleben gegen ein anderes abwägen. Aber die philosophische Form des Utilitarismus kennt sehr wohl das Abwägen von Kosten und Nutzen - auch wenn es darum geht, Menschenleben zu bewerten. In England gibt es beispielsweise die Vorgaben, dass man für eine Operation nur dann 30 000 Pfund ausgibt, wenn relativ wahrscheinlich ist, dass die Person noch mindestens ein Jahr bei guter Gesundheit weiterleben kann.

Der Großteil der Deutschen unterstützt die Maßnahmen der Bundesregierung. Doch das Blatt könnte sich bald wenden. Es werden derzeit Exitstrategien diskutiert. Ist das der richtige Zeitpunkt dafür?

Jede Form der Zeitverzögerung wäre fahrlässig. Im Gegenteil sollte die Evaluation, wie man das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben wieder hochfährt, bereits begonnen haben. Das betrifft alle Wissenschaftler, die nicht an vorderster Front das Virus bekämpfen. Nun müssen möglichst viele Stimmen und Daten gesammelt werden, um nach Ostern einen Fahrplan vorlegen zu können.

Damit meinen Sie Philosophen, Soziologen, Wirtschaftswissenschaftler?

Genau. Die große Gefahr ist im Moment, dass wir uns völlig auf Virologen und Gesundheitsforscher verlassen. Ihre Idealvorstellung ist, dass wir für zwei Jahre zu Hause bleiben, oder bis ein Impfstoff entwickelt ist. Das muss man aber unter Berücksichtigung von psychologisch-soziologischen Effekten, häuslicher Gewalt, Missbrauch und Existenzängsten gegenrechnen und jetzt diskutieren. Das Wichtigste ist, eine evidenzbasierte Exitstrategie vorzulegen, die auch den größtmöglichen Rückhalt in der Gesellschaft hat.

Es gibt Stimmen, die sagen: Ein Teil der Bevölkerung sollte sich infizieren und damit immun werden. Ist das nicht riskant?

Das ist eine Entscheidung, die höchst problematisch ist und die ich für falsch halte. Wir wissen bisher zu wenig und brauchen viel mehr repräsentative Daten: Wie viele Leute sind infiziert? Wie hoch ist die Dunkelziffer? Wird das Virus unter UV-Licht und im Sommer schwächer? Sind dann die Auswirkungen weniger dramatisch? Wie lange ist die Zeit, bis ein Impfstoff verfügbar ist? Die Datenlage ist derzeit einfach noch zu unsicher.

Was halten Sie von der Idee einer App, um durch digitale Überwachung die Pandemie besser kontrollieren zu können?

Wir haben schon sehr viele Freiheiten auf Basis einer bisher noch sehr niedrigen Sterberate aufgegeben. Wir wissen nicht, ob die Menschen an dem Virus gestorben sind oder wie lange sie sonst gelebt hätten. Den Menschen weitere Freiheitseinschränkungen zuzumuten, halte ich für gefährlich. Denn irgendwann stellt sich die Frage, wie man das alles wieder zurückdreht. Deshalb sollte eine App freiwillig sein und nicht mittels eines staatlichen Dekrets erfolgen.

Zum Interview auf swp.de

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