Herr Professor Hüther, gibt es im neunten Jahr des Aufschwungs Engpässe in der weitgehend ausgelasteten Produktion?

Die letzte große Unternehmer-Umfrage unseres Instituts zeigt, dass ein Drittel der Industriefirmen von einer hohen Auslastung spricht, aber nicht von einer inflationstreibenden Überauslastung. Einzelne stoßen an eine Grenze, flächendeckend ist das noch nicht.

Welcher Engpass drückt am meisten?

Eindeutig der Fachkräftemangel. Sie kriegen einfach keine Leute mehr, oder Sie suchen sehr lange. Vor allem für technische Tätigkeiten ist es sehr schwierig geworden, Leute zu finden. Auch Potenziale wie Arbeitsmarktkonten sind weitgehend mobilisiert.

Dann müssten doch die Löhne sehr viel stärker steigen, als sie es tun, wenn Fachkräfte wirklich so knapp sind.

Auch wenn die Löhne bisher nur in Engpassqualifikationen sehr stark gestiegen sind, so liegen doch die Arbeitskosten insgesamt erheblich höher. Der Grund ist, dass Arbeitnehmer nicht mehr nur nach Geld fragen, sondern auch nach Zeitsouveränität und dem Homeoffice. Es gibt damit andere Lohnbestandteile, die aber für den Arbeitgeber ebenfalls Kosten verursachen.

Führt denn der Fachkräftemangel dazu, dass Lieferketten ins Stocken geraten und Firmen nicht mehr so viel produzieren, wie sie könnten?

In einzelnen Bereichen vor allem der Logistik wird es kritisch. Es fehlen Lkw-Fahrer. Die Papierindustrie etwa hat ein Problem, ihre riesigen Rollen transportiert zu bekommen, weil die Fahrer fehlen. Das liegt auch daran, dass bei Lkw-Fahrern die Altersstruktur so ist, dass gerade viele in Rente gehen.

Bisher aber gibt es doch viele Ältere, die es schwer haben, einen Job zu finden.

Die Beschäftigung bei den Älteren wäre doch viel höher, wenn es die Rente mit 63 nicht gegeben hätte. In der Industrie fehlen uns daher sicher 400 000 Leute.  Die Knappheit am Arbeitsmarkt ist da. Bei einer Erwerbstätigenquote von 80 Prozent gibt es kaum noch Reserven.