Die erste Phase der akuten Krisenbekämpfung liegt hinter uns. An welchem Punkt steht die deutsche Wirtschaft?

Sie ist im Tal der Tränen angekommen nach einem sehr schweren Absturz. Es geht jetzt darum nach dieser unsanften Ankunft im Tal den Blick nach vorne zu richten. Deswegen ist das jetzt eine Phase, in der man einen Konjunkturimpuls setzen muss.

Kommt die deutsche Wirtschaft besser durch die Krise als ihre Pendants in Europa und der Welt? Welche Rolle spielt die Industrie dabei?

Die deutsche Industrie ist grundsätzlich hochgradig wettbewerbsfähig. Sie ist durch ihre Art, differenzierte und kundenorientierte Produkte auf hohem technologischem Niveau anzubieten, zurecht auf vielen Märkten der Welt erfolgreich. Sie ist dadurch natürlich gerade auch ganz besonders betroffen, weil die globalen Märkte alle durch den Lockdown in den jeweiligen Ländern belastet sind. Aber unsere Wirtschaft erweist sich in zwei Punkten als robust. Erstens: Wir haben ein hohes Maß an Beschäftigung. Im ersten Quartal gab es über 45 Millionen Erwerbstätige – das sind fünf Millionen mehr als vor zehn Jahren. Das ist ein wichtiges Stabilisierungselement. Zweitens: Aus dieser hohen Beschäftigungsquote resultiert eine Finanzierung des Staates, die ihn handlungsfähig macht. Eine wettbewerbsfähige Industrie, eine hohe Beschäftigungsintensität und ein handlungsfähiger Staat: Das ergibt einen Rahmen, in dem wir jetzt Potenziale mobilisieren können. Das ist ein Unterschied zu anderen Ländern.

Wie muss ein Gesamtpaket aussehen, um die Konjunktur in Deutschland wieder anzukurbeln?

Man muss erst einmal klarmachen, was Konjunkturpolitik überhaupt ist. Konjunkturpolitik ist keine Strukturpolitik. Es geht vielmehr darum, eine Trendwende der Konjunktur durch einen starken, aber befristeten Impuls in Gang zu setzen. Danach müssen wieder die marktgegebenen Bedingungen ihre Wirkung entfalten. Man darf nicht die Konjunkturpolitik überfrachten mit allen möglichen Zielen. Das funktioniert nicht. Wer Konjunkturpolitik machen will, muss das erstmal akzeptieren. Dafür gibt es jetzt Bedarf und dafür gibt es auch einen Spielraum.  Es ist auch von der ökonomischen Erfahrung und der Empirie her der richtige Zeitpunkt, denn die Unterauslastung ist dramatisch. Jetzt kann man mit einem starken Hebel etwas tun. Das sollten allgemeine Konsumelemente sein wie die befristete Senkung der Mehrwertsteuer und die befristete Senkung der EEG-Umlage. Man kann fragen, ob man mit einem Kinderbonus gezielt Wirkung entfaltet, weil Familien eine hohe Konsumneigung haben. Man kann über einen Ausbau des Umweltbonus in der Automobilbranche nachdenken, die ja eine Schlüsselrolle für Deutschland hat und hochinnovativ ist. Sodass wir gewissermaßen den Pfropfen aus dem Abfluss ziehen und das Wasser wieder abfließen kann.

Welche Chance liegt in der Krise für die Transformation der Wirtschaft?

In dieser Krise ging es erst einmal darum, wieder Handlungsfähigkeit zu erringen. Wenn wir die haben, dann können wir die Transformation auch in die gesellschaftlich und politisch gewünschten Bahnen lenken. Aber man muss das auseinanderhalten: Wir haben eine extreme Krise, sie ist ein symmetrischer Schock für die Weltwirtschaft. Es geht jetzt nicht darum, lange Programme aufzulegen unter der Überschrift „Konjunkturpolitik“, sondern es geht darum, einen Konjunkturimpuls zu organisieren. Zusätzlich kann man natürlich Investitionsprogramme auflegen, die über fünf, sechs Jahre geplant sind und jetzt beginnen. Diese würden dann den Konjunkturimpuls aufnehmen und die Transformation der Wirtschaft bewirken. Man muss es gedanklich und letztlich auch in den Instrumenten auseinanderhalten.

Gibt es Daten, die Ihnen Zuversicht für die wirtschaftliche Erholung vermitteln?

Wir sehen in allen vorlaufenden Indikatoren, dass wir das Tal der Tränen erreicht haben. Das Geschäftsklima ist wieder angestiegen, das Konsumklima, das Beschäftigungsbarometer. Zuversicht zeigt sich in der Breite der Indikatoren. Man sollte sich auch die Börsen einmal anschauen, die seit Ende März wieder zugelegt haben, wenn auch mit Schwankungen. Aber die Story, dass die schwerste Phase Ende 2021 durch ist, wird an den Börsen gespielt – und das sollte uns Mut machen.

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