Die Übernahme-Strategie Pekings und der damit verbundene Zugang zu deutscher Schlüsseltechnologie wie beim Roboter-Bauer Kuka treibt die Politik um, wie gestern die Digitalisierungs-Konferenz „Die Zukunft von Made in Europe“ mit Wirtschaftsbossen und Kanzlerin Angela Merkel zeigte. Die tz sprach mit dem China-Experten Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft.

War es ein Fehler, den Roboter- Hersteller Kuka an China zu verkaufen?

Sicherlich hat Kuka so den Zugang zum lukrativen chinesischen Markt bekommen. Aber es steht auch der Verdacht im Raum, dass sich China so das hier über Jahre entwickelte technologische Wissen aneignet und damit am Ende über einen forcierten Technologietransfer seine Wirtschaft aufpeppt.

Denken die Chinesen da in längeren Zeiträumen, während unsere Unternehmen nur kurzfristig planen, getrieben vom Aktienkurs?

Das ist in der Tat ein Grundproblem. Börsennotierte deutsche Konzerne kommen nicht umhin, auf dem chinesischen Markt präsent zu sein. Der Druck der Anleger ist einfach zu groß, weil dort gegenwärtig viel Geld zu verdienen ist. Aber mittel- und langfristig stellt sich die Frage, inwieweit deutsche Unternehmen dabei ihre Technologien offenlegen müssen. Lange Zeit hieß es, wir gehen nur mit der zweiten oder dritten Generation der Technologie nach China, weil wir wissen, dass dort abgekupfert wird. Mittlerweile hört man, dass das kaum noch möglich ist. Wenn große deutsche Technologiefirmen ihre moderne Roboterforschung in China aufbauen, um dort neueste Technologien zu entwickeln, kommt man schon ins Nachdenken.

Sollte die Politik so etwas verbieten?

Die USA verpflichten jetzt Unternehmen gesetzlich, den US-Behörden zu melden, falls sie in China aufgefordert werden, Technologie offenzulegen. Das ist ein erster Schritt, um mehr Transparenz zu bekommen. Mittelfristig stellt sich aber die strategische Frage, wie sehr man sich in Abhängigkeit von China begeben soll.

Steckt hinter all dem eine politische Strategie Pekings?

Ja, zum einen gibt es die Strategie Made in China 2025, wonach das Land in wichtigen modernen Branchen aufholen will, in denen wir bislang führend waren. Wenn man sich anschaut, welche Firmen die Chinesen in Europa aufkaufen, scheint dieser Plankonsequent abgearbeitet zu werden. Zum anderen müssen wir erkennen, dass sich der chinesische Staatskapitalismus nicht in Richtung Marktwirtschaft und Demokratie entwickelt, wie wir es lange erwartet haben. Stattdessen laufen wir in einen neuen polit-ökonomischen Systemwettbewerb mit China hinein. Und da spielen am Ende auch geopolitische Überlegungen eine Rolle, etwa: Inwieweit droht uns durch Huawei-Technologie Spionagegefahr.

Photovoltaik wurde vom chinesischen Staat massiv gefördert, sodass deutsche Photovoltaik-Hersteller vom Markt gefegt wurden …

Das ist das Grundproblem! Die Chinesen subventionieren ihre Industrie in einer ganz anderen Größenordnung als Europäer, Amerikaner oder Südkoreaner. Damit verzerren sie den weltweiten Wettbewerb.

Sollten wir also auch mehr subventionieren?

Diese Forderungen kommen im Moment in der Tat auf. Bisher haben sich die etablierten Industrieländer im Großen und Ganzen an die Welthandels-Regeln gehalten. China nutzt dagegen geschickt Lücken im internationalen Regelwerk mit seiner hoch subventionierten Staatswirtschaft. Und weil das Land immer größer wird, können wir das nicht länger ignorieren. Letztlich stellt sich die Frage: Zwingt China uns irgendwann dazu, auch unfair zu spielen? Oder können wir China dazu bringen, fairer zu agieren? Diese Diskussion findet derzeit in der Welthandelsorganisation WTO statt. Auch der Druck des US-Präsidenten auf Peking geht in diese Richtung.

Ist der Aufstieg der chinesischen Wirtschaft eine Bedrohung für unseren Wohlstand?

Wenn der technologische Aufstieg zu schnell erfolgt und wir nicht ausreichend Zeit haben, uns anzupassen, dann ist es nicht auszuschließen, dass es am Ende unseren Wohlstand gefährden könnte. Man sollte sich dieser Gefahr bewusst sein.