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Andreas Fischer auf Focus Online Interview 6. August 2022

„Der Lösungsbeitrag der Atomkraft wird häufig überschätzt“

Deutschland im Gas-Dilemma: Der Winter ist nur noch wenige Monate entfernt, Russland dreht den Gashahn immer weiter zu. Schaffen wir es durch den Winter? Jetzt kommt es auf drei Dinge an, sagt IW-Ökonom Andreas Fischer - und erklärt im Interview mit Focus Online, warum die Atomkraft nur bedingt zur Lösung beiträgt.

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Herr Fischer, der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sagte am Montag dem „Handelsblatt”, die „Energiewende mit Gas als Grundlast” sei gescheitert. Sehen Sie das genauso?

Dem kann ich so nicht zustimmen. Die Antwort auf die gegenwärtigen Probleme muss sein, die Energiewende hin zu Erneuerbaren Energien nun wirklich konsequent voranzutreiben. Und auch auf den Einsatz von Erdgas werden wir mittelfristig nicht einfach verzichten können. Allerdings wiegt es jetzt natürlich noch schwerer, dass man in den letzten Jahren bei der Energiewende zu wenig vorangekommen ist.

Im Rückblick hat sich die gesamte deutsche Gesellschaft allerdings zu sehr auf billiges russisches Gas verlassen, oder? Selbst das Design unserer Energiewende geht ja von Gaskraftwerken als Backup aus.

Da muss man differenzieren, zwischen „Gas als Brücke für die Energiewende” und „russischen Gaslieferungen”. Auf Gas zu setzen, auch als Bestandteil der Energiewende, ist durchaus sinnvoll, unter anderem weil sich Gaskraftwerke flexibel in der Spitzenlast einsetzen lassen, als Ergänzung zu Erneuerbaren Energien und beim Übergang zum Einsatz von Wasserstoff helfen können. Da wird Gas auch weiterhin eine Rolle haben in der Energiewende.

Weniger sinnvoll war es natürlich, sich so abhängig zu machen vom russischen Gas, statt auch Alternativen einzubeziehen wie etwa LNG. Hier lag die Priorität lange auf den verhältnismäßig günstigen Importen und die entstandene Abhängigkeit wurde nicht ausreichend eingepreist.

Was passiert, wenn der Gashahn ganz zugedreht wird? Unter Ökonomen kursieren ja unterschiedliche Prognosen, was die Konsequenzen für die deutsche Wirtschaft angeht.

Ja, es gab einige Studien zu diesem Thema, und einige weisen mittlerweile auf immense Kosten durch einen potenziellen Gasmangel hin. Es ist auch zu befürchten, dass eine wirkliche Mangellage große wirtschaftliche Schäden mit sich bringt. Beispielsweise bei Corona waren mehr die letzten Abschnitte der Wertschöpfungsketten betroffen. Hier träfe es gerade auch die ersten Stufen, das hat natürlich auch Folgen auf den Rest der Wertschöpfungsketten.

Ob es aber wirklich zu einer Mangellage kommt, hängt von zu vielen verschiedenen Faktoren ab, um dies genau abzusehen. Ein wichtiger Faktor wird natürlich sein, wie schnell wir es schaffen, uns mit Ersatz einzudecken und die Speicher zu füllen. Dazu braucht es neue Lieferpartner und Deals, etwa mit Katar oder auch Ländern wie Algerien, die ihre Kapazitäten ausbauen wollen. Grundsätzlich gilt: Je größer sich die Abhängigkeit von Russland noch im Winter gestaltet, desto schwieriger wird es natürlich.

Was ist das wichtigste, was die deutsche Politik und die deutsche Gesellschaft tun müssen, um über diesen Winter zu kommen?

Es kommt auf drei Dinge an. Erstens: Suche nach alternativen Bezugsquellen. Zweitens: Einsparpotenziale nutzen, sowohl in der Wirtschaft als auch in Privathaushalten. Hier können auch alle einen Beitrag leisten. Drittens: Den Ausbau der Erneuerbaren Energien nicht schleifen lassen. Auch hier gibt es noch einiges zu tun. Ich bin aber froh, dass das Wirtschaftsministerium Dinge wie das Osterpaket und das Wind-an-Land-Gesetz auf den Weg gebracht hat, obwohl man dort mit der aktuellen Lage bestimmt alle Hände voll zu tun hatte.

Das vermutlich größte Streitthema der letzten Wochen war das Thema Atomkraft. Kann eine Laufzeitverlängerung einen Beitrag leisten in der Gaskrise?

Grundsätzlich kann die Atomkraft einen Teil der Stromerzeugung abdecken, zurzeit sind es etwa sechs Prozent. Aber gleichzeitig ist unser Problem ja eher ein Gas- als ein Stromproblem. Und auch beim Strom können Atomkraftwerke nicht den flexiblen Ausgleich eines Gaskraftwerkes ersetzen.

Sollte im Stresstest des Wirtschaftsministeriums jetzt herauskommen, dass zum Beispiel Bayern eine Stromlücke droht, dann kann die Atomkraft für einen kurzzeitigen Übergangszeitraum hilfreich sein. Oder wenn herauskommt, dass wir dringend Ersatz brauchen für die ausfallenden Kernkraftwerke in Frankreich, wo ja zurzeit ein Großteil des Kraftwerksparks ausfällt. Hinzu kommt natürlich noch eine politische Komponente: Welche Schritte müssen dafür in die Wege geleitet werden? Welche zusätzlichen Kosten kommen auf uns zu, wenn der bisherige Ausstieg wieder aufgeschnürt wird?

Also, Atomkraft könnte zwar eine gewisse Rolle spielen, aber der konkrete Beitrag zur Lösung der aktuellen Situation wird in der öffentlichen Debatte häufig überschätzt.

Finanzminister Christian Lindner forderte Wirtschaftsminister Robert Habeck unlängst dazu auf, die Verstromung von Gas zu verbieten. Ist das überhaupt realistisch?

Zu großen Teilen ließe sich das sicherlich machen – vorausgesetzt, es wird an Stelle der Gaskraftwerke dann wieder mehr Kohle eingesetzt. Allerdings gibt es auch Gaskraftwerke, die gekoppelt Strom und Wärme produzieren, daher werden diese zumindest teilweise weiterhin für die Wärmeversorgung benötigt. Man müsste auch sehen, ob sich die Lage regional unterscheidet - ist etwa ein Land wie Bayern, wo es weniger fossile Alternativen gibt, stärker auf die Verstromung von Gas angewiesen? Das ist alles nicht so einfach.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob sich so ein Verbot politisch und rechtlich so einfach umsetzen lässt. Hinzu kommt: Es laufen ja schon Bestrebungen, die Verstromung von Gas zu beenden, erst diese Woche ging das erste reaktivierte Kohlekraftwerk wieder ans Netz. Im Herbst folgen dann auch Braunkohlekraftwerke. Da wird also schon was getan.

Zum Interview auf focus.de.

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