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Michael Hüther im Handelsblatt Gastbeitrag 27. März 2023

Krise ist, wenn die Anleger glauben, dass Krise ist

Die Notenbanken müssen bei den Zinserhöhungen Maß halten, um die Anleger zu beruhigen. Und die Schweiz muss die UBS verkleinern oder gar geordnet zerlegen, fordert IW-Direktor Michael Hüther in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt.

Finanzkrisen beginnen in den Vereinigten Staaten: 2007 durch die Fehlnutzung der Verbriefungstechnologie und das darauf beruhende dynamische Geschäftsmodell, Kredite zu vergeben, zu verkaufen und zu vergessen.

2023 sind es die US-Regionalbanken, die als erste am Bankgeschäft – der Fristen-, Losgrößen- und Risikotransformation – scheiterten. Es geht nicht um Kreditrisiken, die sich gesamtwirtschaftlich angesichts tiefer Rezession oder branchenspezifisch angesichts struktureller Probleme verschlechtern und Abschreibungsbedarf begründen. Es geht um das Management des Zinsänderungsrisikos und damit um die Einschätzung der Geldpolitik.

Zeitpunkt der Bankenprobleme und Ausmaß der Verunsicherung sind insofern überraschend, als die Notenbanken nicht erst gestern mit Zinserhöhungen begonnen haben.

Seit März 2022 hat die Fed ihren Leitzins um 475 Basispunkte erhöht; die Bank of England seit Dezember 2021 um 415 Basispunkte und die EZB seit Juli 2022 um 350 Basispunkte.

Unterschiede im Inflationsdruck und bei der geldpolitischen Deutung der Inflationsursachen erklären die divergierenden Zeitpfade. Doch im Ergebnis war seit Ende 2021 klar, dass die Zeit expansiver Geldpolitik erst einmal vorbei sein würde, allerdings nach zwanzig Jahren der Gewöhnung an Niedrigzinsen.

Zögen Anleger in den USA die Hälfte der ungesicherten Einlagen ab, wären 190 US-Banken existenziell bedroht

Die Silicon Valley Bank, die jetzt von der First Citizens Bank übernommen wird, ist auf der Größenrangliste der USA die Nummer 16. Sie war nicht nur regional begrenzt tätig, sondern branchenmäßig auch hochspezialisiert. Das erfordert ein besonders gutes und umfassendes Risikomanagement, da intern weniger Kompensationsmöglichkeiten für das Handling der eingegangenen Risiken bestehen.

Allerdings sind Banken mittlerer Größe (bis mindestens 250 Milliarden US-Dollar an Assets statt zuvor 50 Milliarden US-Dollar) im Jahr 2017 unter Trump mit dem „Financial Choice Act“ von den nach der Finanzkrise verschärften Regulierungen ausgenommen worden.

Für die Anleger geht es diesmal nicht darum, eine nicht durchschaubare Vernetzung der Bankbilanzen argwöhnisch zu vermuten, sondern es geht darum, angesichts des prinzipiellen zinspolitischen Gleichlaufs zu fragen, wie ihre Bank das Zinsänderungsrisiko bewältigt haben könnte.

US-Ökonomen haben berechnet, was es bedeuten würde, wenn dann die unbesicherten Einlagen (über 250.000 US-Dollar) zur Hälfte abgezogen würden: 190 Banken (von insgesamt rund 4000 Instituten in den USA) gerieten durch Impairment-Risiken existenziell in Gefahr.

Die Notenbanken sollten zinspolitische Übertreibungen unterlassen

Was muss getan werden? Kurzfristig sollten die verschiedenen Akteure der Finanzaufsicht ihre Kräfte bündeln und den Austausch intensivieren, um vorbereitet zu sein, eine Bankenstabilisierung über ein Wochenende organisieren zu können.

Die Patientenverfügungen der Banken (Living Will) helfen offenbar dann nicht, es bleibt schlicht keine Zeit für die Palliativstation. Die makroprudenzielle Aufsicht (auf das gesamte Finanzsystem) muss gestärkt werden.

Die Notenbanken sollten zinspolitische Übertreibungen unterlassen und transparent machen, was bei der Inflationsbekämpfung erreicht worden und was noch zu beachten ist. Tempo und Ausmaß der Zinserhöhungen lassen sich daran gemessen deutlich moderieren. Für die EZB beispielsweise lassen ihre Inflationsprognosen (3,4 Prozent 2024 und 2,3 Prozent 2025) erkennen, dass der Zinserhöhungsdruck abnimmt.

Die Schweiz bleibt herausgefordert: Die Bilanzsumme der UBS ist mit rund 1,5 Billionen Euro jetzt doppelt so groß wie das Bruttoinlandsprodukt des Landes. Bei einer Schieflage wird die Schweiz die Bank gar nicht retten können.

So führt kein Weg daran vorbei, diese Bank zu verkleinern oder gar geordnet zu zerlegen. Oder will man auf andere hoffen, etwa auf Hilfe der Euro-Zone?

Die Banken müssen ihr Eigenkapital neu strukturieren

Für die Prävention künftiger Krisen sollte die Eigenkapitalregulierung für Banken weiterentwickelt werden. Das betrifft die Bevorzugung von Staatsanleihen.

Generell gilt, dass die feinjustierte risikoadäquate Kalibrierung der Eigenkapitalunterlegung ihre Wirksamkeit verliert, wenn die Ausstattung der Banken mit unbeschränkt risikoabsorbierendem Eigenkapital nicht erhöht wird.

Zu überlegen wäre auch, ob der Vorschlag einer klar definierten Haftungskaskade unter Einbeziehung von Bail-in-Anleihen, wie im Liikanen-Report angelegt, nicht hilfreich sein könnte. Das würde die Reaktionsfähigkeit der Banken in einer Krise erhöhen.

Das Abweichen von der üblichen Haftungsrangfolge (erst Aktionäre, dann Gläubiger) wie im Fall der Credit Suisse ist sehr problematisch. Die Zusage der EZB, das im Euro-Raum zu unterlassen, muss befolgt werden. Denn auch hier gilt: Der Argwohn der Anleger sollte nicht weiter erregt werden.

Zum Gastbeitrag auf handelsblatt.com

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