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Michael Hüther / Jasmina Kirchhoff in der Welt Gastbeitrag 7. Oktober 2022

Innovation statt Markteingriff: Nur Unternehmen führen uns aus der Krise

Die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands scheint ungewiss wie selten zuvor – die Stichworte sind hinreichend bekannt, die Wirkung offenkundig: wir erleben einen Wohlstandsverlust. Aber selbst angesichts so extremer Herausforderungen gibt es für unsere innovative Volkswirtschaft Chancen, schreiben IW-Direktor Michael Hüther und Jasmina Kirchhoff, Projektleiterin der Forschungsstelle Pharmastandort Deutschland am IW, in einem Gastbeitrag für die Welt.

Auch lassen sich die vielfach thematisierten Abhängigkeiten – einseitiger Energiebezug, überdehnte globale Lieferketten, übertriebene Verflechtung mit China – überwinden, wenn es gelingt, Wachstumsmärkte zu erschließen.

So verständlich der politische Reflex ist, die realen Wohlstandseinbußen der Bevölkerung kompensieren zu wollen, die wirtschaftspolitisch relevante Frage lautet aber: Wer, wenn nicht die Unternehmen in Deutschland, soll die anstehenden Herausforderungen meistern, um auch künftig Wohlstand zu sichern? Denn dies wird kaum mit bewährten Technologien und Geschäftsmodellen gelingen, erforderlich sind vielmehr innovative Lösungen.

Wie das gelingen kann, zeigt zum Beispiel die in Deutschland ansässige Pharmaindustrie, deren Unternehmen Spitzenpositionen im globalen Wettbewerb bei Schlüsseltechnologien besetzen – etwa im Bereich der mRNA-basierten Impfstoffe gegen Sars-CoV-2. Arzneimittelhersteller finden hierzulande Standortbedingungen, die ihnen die Entwicklung und Produktion innovativer, komplexer Wirkstoffe und Arzneimittel ermöglichen.

Im Durchschnitt geben die pharmazeutischen Unternehmen ein Neuntel ihres Umsatzes für die eigene Forschung und Entwicklung aus – Forschungsaufträge an Dritte nicht eingerechnet. Sie arbeiten im Durchschnitt mehr als zehn Jahre an der Entwicklung eines neuen Medikaments, um es dann – noch im Ungewissen, unter welchen Absatzbedingungen – auf dem deutschen Ankermarkt einzuführen und all das in der Hoffnung, damit im globalen Wettbewerb Marktchancen erschließen zu können.

Wenn in einer wachsenden Weltbevölkerung und in alternden Industriegesellschaften die Gesundheitsmärkte hohe Wachstumschancen versprechen, dann entstehen an einem prosperierenden Standort für die pharmazeutische Industrie hochwertige Arbeitsplätze und eine hohe Wertschöpfung. Doch gerade in zukunftsträchtigen Therapiegebieten wie der Gen- und Zelltherapie steigt der Wettbewerb – in Europa sind aktuell 230 Entwickler von Gen- und Zelltherapien angesiedelt, in Nordamerika 651 und in China bereits 236.

Deshalb braucht es eine kluge Industriepolitik mit freiem Warenverkehr und verlässlichen sowie investitions- und innovationsfreundlichen Bedingungen auch für die Arzneimittelhersteller. Dabei gilt Walter Euckens Hinweis auf die Interdependenz der Ordnungen mehr denn je. Ausgerechnet mit dem GKV-Finanzstabilisierungsgesetz droht der Pharmastandort Deutschland nachhaltig geschwächt zu werden; die vielfach im Zuge der COVID-Pandemie erklärte politische Absicht, die Branche stärken zu wollen, wird geradezu konterkariert.

Und auch die Hoffnung, damit die Branche an der Finanzierung der demografisch bedingt steigenden Gesundheitsausgaben beteiligen zu wollen, wird sich nicht erfüllen. Wenn überhaupt, werden die Beitragszahler lediglich vorübergehend entlastet.

Jetzt droht die Abwanderung als letzter Schritt einer verhängnisvollen Entwicklung

Ob rückwirkende Erstattung bei Markteinführung eines innovativen Medikaments, Senkung der Umsatzschwelle für Orphan Drugs, Einführung eines zusätzlichen Kombinationsabschlags oder neue Vorgaben für die Verhandlung des finalen Erstattungsbetrags im Zuge des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes – die geplanten Eingriffe verschlechtern nicht nur die unternehmerischen Perspektiven bei Einführung neuer Medikamente auf dem deutschen Markt.

Für die Unternehmen ist es entscheidend, ihre in Deutschland erforschten, entwickelten und in klinischen Studien getesteten innovativen Arzneimittel auch hierzulande auf den Markt zu bringen. Verschlechtern sich die Bedingungen der Markteinführung aber erheblich, werden Unternehmen ihre Investitionen in Deutschland infrage stellen und Standorte in Länder mit ähnlich guten Forschungs- und Produktionsbedingungen verlagern. Dann ist die Abwanderung der letzte Schritt einer verhängnisvollen Entwicklung. Doch genau dies droht jetzt.

Mit Blick auf die Versorgungssicherheit deutscher Patienten könnte zwar eingewendet werden, dass innovative Arzneimittel ebenso gut importiert werden können. Aber nicht nur die viel zitierten Lieferengpässe bei Generika zeigen, dass das nur bei ausreichender Zahlungsbereitschaft gelingen kann. Tatsächlich zeigen Studien, dass die Erstattungspreise für Medikamente in Deutschland überwiegend unter dem europäischen Durchschnitt liegen. Wer da hofft, dass bei einem knappen Angebot die erforderlichen Medikamente ausgerechnet zuerst nach Deutschland verkauft würden, der verkennt, dass dies nur bei einer höheren Zahlungsbereitschaft zu erwarten ist.

Umgekehrt wird ein Schuh draus: Die Investitionen innovativer Branchen am Standort helfen, Beschäftigungs- und Einkommenschancen zu sichern – das gilt für die Wirtschaft insgesamt, ebenso für die industrielle Gesundheitswirtschaft und namentlich für die Unternehmen der forschenden Arzneimittelindustrie. Erst ein hoher Beschäftigungsstand und eine günstige Einkommensentwicklung schaffen die Voraussetzung dafür, die demografischen Herausforderungen in den beitragsfinanzierten Systemen der sozialen Sicherung zu meistern.

Zum Gastbeitrag auf welt.de

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