Die Vereinigten Staaten sind auf viele EU-Güter angewiesen. Die Abhängigkeit vom US-Markt sollte gerade Deutschland nicht zu hoch einschätzen, schreiben IW-Außenhandelsexperten Jürgen Matthes und Samina Sultan in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt.
Im Zollstreit mit den USA ist Europa stärker, als es scheint
Trump erhöht mal wieder den Einsatz im Zoll-Poker und droht der EU mit 30 Prozent Zöllen auf die Wareneinfuhr in die USA. Anfang April hatte er noch 20 Prozent gefordert und vor Kurzem erklärt, die Verhandlungen stünden kurz vor dem Abschluss. Vermutlich blufft der skrupellose Verhandlungstaktiker, schließlich signalisiert er selbst gleichzeitig weitere Verhandlungsbereitschaft. Aber bei Donald Trump weiß man nie. So scheint er durchaus bereit zu sein, der US-Bevölkerung Einbußen zuzumuten, und agiert wirtschaftlich vermeintlich aus einer Position der Stärke: Die US-Aktienmärkte haben jüngst erst wieder Höchststände erreicht.
Doch spricht vieles dafür, dass er seine Position überschätzt:
- Es ist zwar richtig, dass die EU einen Überschuss im Warenhandel aufweist und daher tendenziell verletzlicher ist als die USA. Aber die transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen sind so intensiv, dass auch die USA unter Zollsätzen von 20 und 30 Prozent stark leiden würden. Die EU ist als Lieferant in vielen Bereichen sehr wichtig: Bei nahezu 2000 von gut 23.000 Warengruppen liegt der US-Importanteil aus der EU bei mindestens zwei Dritteln. Das entspricht einem Warenwert von knapp 200 Milliarden US-Dollar (171 Milliarden Euro).
- Über die Hälfte der US-Importe besteht aus Vorleistungsgütern. Gerade für viele deutsche Investitionsgüter und anspruchsvolle Industrieprodukte gibt es in den USA kaum adäquaten Ersatz. Da Trump auf Reindustrialisierung setzt, braucht er diese Güter.
Damit dürften gerade viele deutsche Maschinenbauer und Elektrotechnikhersteller die höheren US-Zölle weitgehend in ihren Preisen weitergeben können - zulasten der US-Wirtschaft. Im Pharma- und Chemiesektor sind die USA ebenfalls von EU-Zulieferungen abhängig aufgrund der sehr engen Verflechtung der Wertschöpfungsketten. Hier gefährdet Trump sogar die US-Gesundheitsversorgung.
- Auch die Finanzmärkte dürften Trump abstrafen, wenn er wirklich Ernst macht. Dass das bislang noch nicht geschieht, liegt wohl daran, dass Investoren glauben, es würde erneut das TACO-Prinzip gelten. Die Abkürzung steht für "Trump always chickens out" und bedeutet so viel wie "Trump kneift immer".
Auch Deutschland sollte seine Abhängigkeit von den USA nicht überschätzen:
- Die USA sind zwar unser mit Abstand wichtigster Exportpartner: In den ersten fünf Monaten dieses Jahres gingen 10,4 Prozent aller deutschen Exporte in die USA. Das heißt umgekehrt aber, dass fast 90 Prozent eben nicht dorthin fließen.
65 Prozent der deutschen Ausfuhren gehen allein in die EU 27 und andere wichtige europäische Staaten wie das Vereinigte Königreich, die Schweiz und Norwegen. Ein simpler Dreisatz zeigt: Selbst wenn Deutschlands Ausfuhren in die USA um etwa 25 Prozent sänken, würde es zum Ausgleich dieser Einbußen ausreichen, wenn unsere Warenexporte in den europäischen Raum um rund vier Prozent steigen.
Deshalb ist es so wichtig, das Wachstum in Europa zu stärken und die verbleibenden Handelshemmnisse innerhalb der EU stärker abzubauen und neue Freihandelsabkommen zu schließen. Das scheint inzwischen auch politisch besser durchsetzbar. Insofern liegt in der Krise auch eine Chance.
- Selbst bei Deutschlands größtem Schwachpunkt, der fehlenden Verteidigungsfähigkeit, kamen jüngst konstruktivere Signale aus der US-Administration. Der US-Finanzminister Scott Bessent hat Deutschland explizit für den Plan gelobt, schon im Jahr 2029 und damit früher als mit der Nato vereinbart fünf Prozent seiner Wirtschaftsleistung für die Verteidigung auszugeben. Trotz verbleibender Restunsicherheit scheint Trump nun doch zur Nato zu stehen, er kritisierte Russland zuletzt scharf und unterstützt die Ukraine wieder stärker.
Trump könnte es als Schwäche auslegen, dass die EU die eigenen Vergeltungszölle auf US-Importe im Wert von 21 Milliarden Euro aufgeschoben hat, die eigentlich seit diesem Montag als Maßnahme gegen bereits geltende US-Strafzölle vorgesehen waren. Die EU wollte damit vermeiden, die laufenden Verhandlungen zu belasten. Das zeigt aber auch, dass sich Brüssel von Trump zu sehr unter Druck setzen lässt und die Mitgliedstaaten nicht einig genug sind.
Ohne glaubwürdiges eigenes Drohpotenzial und eine starke Gegenposition wird sich die EU in den Verhandlungen nicht durchsetzen können. Daher sollte Brüssel wenigstens die verschobenen Gegenzölle bindend und quasi als Automatismus für Anfang August beschließen, falls die Verhandlungen mit den USA scheitern und Trump pauschale Zölle von mehr als zehn Prozent erhebt sowie auch die Zölle auf bestimmte Branchen wie die Autoindustrie nicht senkt. Zudem muss die EU sich jetzt wie avisiert schnell auf die zweite umfangreichere Liste von Zöllen im Wert von gut 70 Milliarden Euro einigen. Für den Fall, dass Trump Anfang August tatsächlich weiter eskaliert, sollte Brüssel verbindlich ankündigen, diese Zölle in Monatsabständen nach und nach einzuführen und zu erhöhen.
Trump hat zwar gedroht, seinerseits wieder Vergeltung zu üben und die US-Zölle entsprechend den EU-Gegenzöllen weiter zu erhöhen. Doch wegen der intensiven transatlantischen Verflechtungen in den Wertschöpfungsketten können sich die USA eine Zolleskalation mit der EU genauso wenig leisten wie mit China. TACO dürfte auch hier gelten.
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