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Jürgen Matthes auf Focus Online Gastbeitrag 5. Dezember 2016

Kapitalflucht aus Italien? "Diese Ängste sind überzogen"

Italien steht am Scheideweg: Verliert Matteo Renzi am Sonntag das Referendum, drohen Rücktritt, Neuwahlen und eine Bankenkrise. Angeblich bringen die Italiener bereits Geld außer Landes. Doch die Interpretation ist falsch, schreibt IW-Experte Jürgen Matthes in seinem Gastkommentar für Focus Online.

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Aktuell werden die gestiegenen Target2-Schulden Italiens gegenüber dem Eurosystem von Experten und Medien als vermeintlicher Beleg dafür angeführt, dass dort eine gefährliche Kapitalflucht stattfinde. Das ist problematisch, weil Anleger durch diese Panikmache zusätzlich nervös werden und wirklich Kapital in größeren Mengen abziehen könnten. Bedeutsame Argumente sprechen jedoch dagegen, dass die Zunahme des italienischen Target2-Defizits eine massive Kapitalflucht signalisiert, die durch die Sorge um die ökonomischen und politischen Perspektiven Italiens angetrieben wird.

EZB-Anleihenkäufe spielen eine Rolle

Zunächst argumentiert die EZB recht plausibel, dass durch das aktuell laufende umfangreiche Staatsanleihekaufprogramm (PSPP) quasi automatisch die Target2-Salden wieder steigen. Dafür spricht, dass das italienische Target2-Defizit (nach einem zwischenzeitlichen Tiefpunkt Anfang 2015) parallel mit dem im März gestarteten PSPP unter Schwankungen wieder anhaltend zu steigen begann. Da war von einem Nein zum Referendum noch lange nicht die Rede.

Dahinter steht folgender Mechanismus, der eben nicht als Kapitalflucht zu interpretieren ist: Wenn die italienische Notenbank italienische Staatsanleihen kauft, tut sie dies auch außerhalb Italiens, vor allem in London, wo der Handel überwiegend stattfindet. Die Verkäufer der Staatsanleihen platzieren die Erlöse als Guthaben über das Banksystem offensichtlich nicht selten in Frankfurt. Damit fließt letztlich Zentralbankgeld von Italien nach Deutschland – das erhöht das italienische Target2-Defizit und den deutschen Target2-Überschuss.

Krisenindikatoren im grünen Bereich

Gegen eine nennenswerte Kapitalflucht spricht auch, dass andere Krisenindikatoren nicht parallel zum Anstieg des italienischen Target2-Defizits angesprungen sind.

  • Das gilt erstens und vor allem für die Einlagen bei italienischen Banken. Sowohl Haushalte wie auch Firmen haben ihr Geld nicht abgezogen. Vielmehr sind die Bankeinlagen dieser Wirtschafsakteure im gesamten Jahr 2016 bis Anfang November in der Tendenz weiter gestiegen, wie Daten der EZB belegen.
  • Auch Finanzinstitute haben ihre Guthaben bei italienischen Banken im gleichen Zeitraum erhöht und nicht vermindert. Damit sind erweist sich die heute verbreitete These als fragwürdig, dass gerade die italienischen Banken ihr Geld immer weniger in Italien halten wollen und sichere Häfen in Nordeuropa suchen.
  • Drittens sind zwar die Risikoprämien auf italienische Staatsanleihen zuletzt stärker gestiegen als auf deutsche Staatsanleihen, die Risikospreads haben also für Italien zugelegt. Beides geschah in Reaktion auf die Wahl in den USA. Hierin kann man tatsächlich ein gewisses Zeichen von Verunsicherung sehen. Doch es fehlt die Parallelität zum Anstieg des Target2-Defizits. Daher ist auch in dieser Hinsicht die Interpretation der Target-Zahlen als Kapitalfluchtindikator wenig plausibel.

Die Situation in Italien ist politisch und wirtschaftlich ernst genug. Da sind schlecht begründete Hiobsbotschaften nicht nur fehl am Platz, sondern auch fahrlässig und schädlich.

Zum Gastbeitrag auf focus.de

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