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Michael Hüther Gastbeitrag 21. September 2006

Die beste aller möglichen Welten

Was Gottfried Wilhelm Leibniz in der Philosophie als Ansporn für Reformen meinte, gilt erst recht für die Weltwirtschaft

durch das Leistungsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten getrieben werden, einer Immobilienpreisblase ebendort bis zu dramatischen Ölpreisszenarien, geldpolitischen Übertreibungen und Finanzmarktturbulenzen. Diese Themen begleiten uns nun schon eine ganze Weile, genauer gesagt seit dem Widererstarken der Weltwirtschaft im zweiten Halbjahr 2003. Sie waren auch Gegenstand der Erörterung auf der gerade beendeten Jahrestagung von Weltbank und Internationalem Währungsfonds in Singapur.

Erstaunlich ist nicht die Debatte über Risiken, die zu einem verantwortlichen Abwägen der weltwirtschaftlichen Perspektiven gehört, erstaunlich ist aber, dass die positiven Aspekte der gegenwärtigen Entwicklung weder angemessen gewürdigt noch auf ihre Bedeutung für künftige Chancen hin überprüft werden. Um ganz deutlich zu sein: Leben wir ökonomisch gesehen nicht "in der besten aller möglichen Welten"?

Seit dem Jahr 2004 vollzieht sich die Expansion der Weltwirtschaft mit rund fünf Prozent, auch für das kommende Jahr erwartet der Internationale Währungsfonds ein ähnliches Wachstum.

Eine Expansion auf diesem Niveau und mit dieser Stetigkeit hat die Weltwirtschaft in den vergangenen 35 Jahren nicht gesehen. Allein das ist ein Grund zur Freude, mehr noch die Tatsache, dass ein abruptes Abbrechen dieser Entwicklung derzeit nicht wahrscheinlich erscheint. Das Entwicklungspotenzial ist gewaltig, die Chance, den gegebenen Zustand weiter zu verbessern, ungeheuer groß. Dies entspricht der Vorstellung von Gottfried Wilhelm Leibniz, der die "beste aller möglichen Welten" als jene beschrieb, welche bei allen bestehenden Übeln die Chance zur Verbesserung bietet.

Doch der Blick auf die Tatsachen und die damit sich verbindenden Perspektiven scheint versperrt. Es passt nicht in die dominierende Vorurteilsstruktur, dass die Weltwirtschaft – zumal in Zeiten des globalen Standortwettbewerbs – bei allen Risiken früher ungekannte Chancen bietet.

Wir verlieren so die Möglichkeit der nüchternen Analyse, ob und wie nachhaltig diese Entwicklung ist, sowie des angemessenen Abwagens der Risiken. Was also treibt die globale Ökonomie auf ihren Höhenflug? Wie stark sind die strukturellen Bedingungen, die über den Tag hinaus weisen? Die Weltwirtschaft hat zunächst mit der Liberalisierung des internationalen Kapitalverkehrs zu Beginn der achtziger Jahre, dann durch die sich intensivierende Deregulierung der Gütermärkte wie mit dem Binnenmarktprojekt in der Europäischen Union und schließlich infolge der Öffnung früher abgeschotteter Regionen enorme Effizienzgewinne realisieren können. Nicht unbedeutend war dabei auch die wirtschaftspolitische Begleitung: die weltweit wachsende Stabilitätsorientierung der Geldpolitik und die Weiterentwicklung der Welthandelsordnung. Die Effizienzgewinne erreichen alle bedeutsamen ökonomischen Strukturen.

Erstens haben Liberalisierung und Deregulierung die Effizienz der Märkte deutlich erhöht. Volkswirtschaftliche Anpassungsprozesse vollziehen sich reibungsloser, wenn Restriktionen für einzelwirtschaftliche Entscheidungen abgebaut werden. Die Nutzung vorhandener Ressourcen, Kenntnisse und Fähigkeiten gelingt weitaus besser, wenn man es der Findigkeit der Individuen überlässt, Lösungen für Probleme, Antworten auf Fragen und Produkte zur Befriedigung von Wünschen zu entwickeln. Kein System ist schneller im Erkennen neuer Potenziale und bei der Umwidmung vorhandener Kräfte als die Marktwirtschaft.

Zweitens hat die, Globalisierung die Effizienz der Arbeitsteilung spürbar verbessert. Was die öffentliche Meinung als Bedrohung goutiert, erweist sich bei genauerem Hinsehen als Gewinn. Der Strukturwandel verläuft reibungsloser, wenn die Handlungsoptionen zunehmen. Die Bundesbank hat in ihrem gerade veröffentlichten Monatsbericht empirisch unterlegen können, dass die Auslandsinvestitionen deutscher Unternehmen langfristig nicht zu Lasten heimischer Investitionen und Beschäftigung gehen. Vielmehr haben diese Aktivitäten die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft gestärkt, zum einen über die effizientere Struktur der Wertschöpfung, zum anderen über die Mobilisierung von Exportchancen.

Drittens hat schließlich die gewachsene Stabilitätsorientierung die Effizienz des Preissystems nachhaltig gestärkt. Die Inflation, die Preissignale verzerrt, hat in den großen Wirtschaftsräumen seit langem nicht mehr die Bedeutung wie noch vor wenigen Jahrzehnten. Die Hoffnung, durch Inflation den Verteilungsstreit in die Zukunft vertagen zu können, fasziniert nach allen Erfahrungen und im Angesicht freier Kapitalmärkte heute niemanden mehr.

So wie die beste aller möglichen Welten nicht frei von Übeln ist, so weist die Weltwirtschaft Risiken auf. Doch diese gefährden die strukturellen Verbesserungen nicht. Die größte Belastung wären ein definitives Scheitern der Doha-Runde und eine Rückkehr zum Protektionismus. In den einzelnen Volkswirtschaften muss es hingegen darum gehen, die globale Dynamik zu nutzen. Die Expansion der deutschen Volkswirtschaft ist trotz gut zwei Prozent Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt enttäuschend. Insofern hat der Währungsfonds mit seiner Kritik an der unsoliden Finanzpolitik und den mangelnden Reformanstrengungen Recht. Die harsche Reaktion darauf seitens des Bundesfinanzministers kann man geradezu als Gütesiegel verstehen.

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