1. Home
  2. Presse
  3. In den Medien
  4. Wie Studenten über Einwanderung denken
Teilen Sie diesen Artikel:

oder kopieren Sie den folgenden Link:

Der Link wurde zu Ihrer Zwischenablage hinzugefügt!

Niklas Potrafke / Björn Kauder Gastbeitrag 8. November 2021

Wie Studenten über Einwanderung denken

Im Osten ist Skepsis gegenüber Migranten größer als im Westen – aber Daten zeigen eine Annäherung, schreibt IW-Ökonom Björn Kauder in einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Teilen Sie diesen Artikel:

oder kopieren Sie den folgenden Link:

Der Link wurde zu Ihrer Zwischenablage hinzugefügt!

Warum schneidet die AfD bei Wahlen im Osten Deutschlands so viel besser ab als im Westen? Diese Frage ist nach der Bundestagswahl wieder sehr aktuell. Im Osten holte die AfD 19,1 Prozent, im Westen 8,2 Prozent der Zweitstimmen. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im Juni 2021 erhielt die AfD sogar 20,8 Prozent. Zum Vergleich: Bei den beiden vorangegangenen Landtagswahlen im März 2021 in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz betrugen die Stimmenanteile der AfD 9,7 und 8,3 Prozent. Das sind ganz andere Dimensionen als die AfD-Stimmenanteile im Osten.

Eine Erklärung für den deutlich höheren AfD-Stimmenanteil in den östlichen Bundesländern scheint die Einstellung der Bevölkerung gegenüber Einwanderern zu sein, die sich von der Einstellung im Westen deutlich unterscheidet. Eine neue Studie des ZEW-Kollegen Martin Lange aus Mannheim zeigt, dass Bürger, die in der damaligen DDR groß geworden sind, Einwanderung deutlich skeptischer gegenüberstehen als Bürger, die im Westen Deutschlands groß geworden sind. Ausgewertet hat Martin Lange Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) über den Zeitraum 1999–2016. Der Effekt ist numerisch bedeutsam: Wer im Osten Deutschlands groß wurde, lehnt Einwanderung mit einer um 15 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit ab als je­mand, der im Westen groß wurde.

Es gibt einige Gründe, warum der Sozialismus in der DDR Skepsis gegenüber Einwanderung schürte. Im Sozialismus soll alles und jeder gleich sein. Dazu gehört auch der Wunsch, dass sich Völker verständigen und man länderübergreifend freundschaftlich verbunden ist. In der Praxis zeichnete sich jedoch schnell ein Lager- und Gruppendenken ab: Die Sozialisten auf der einen und die Kapitalisten auf der anderen Seite. Das im Sozialismus gelebte Freund-Feind-Denken hat sich auf die Einstellungen der Leute gegenüber Einwanderung übertragen. Hinzu kommt das mangelnde Vertrauen in Mitmenschen (und den Staat). Man kann es niemandem verübeln, dass das Ausspionieren im Osten die Menschen hat misstrauisch werden lassen gegenüber Dritten, insbesondere Fremden. Ein dritter Grund könnte die mangelnde Erfahrung mit Wettbewerb im Osten gewesen sein. Wettbewerb war ein Attribut des kapitalistischen Westens. Am Arbeitsmarkt, vor allem im Niedriglohnbereich, fürchten viele Arbeitnehmer eine Zunahme des Wettbewerbs im Zuge von Einwanderung. Auch das mag einigen Bürgern in den östlichen Bundesländern ein Dorn im Auge sein.

Studenten in Westdeutschland sehen Migration positiver

In einer neuen Studie haben wir Daten aus dem Studierendensurvey der Universität Konstanz genutzt. Im Auftrag des Bundesbildungsministeriums wurden seit Anfang der 1980er Jahre in mittlerweile 13 Wellen jeweils rund 8000 Studenten an deutschen Universitäten und Fachhochschulen befragt. Diese Daten zeigen für die 1990er Jahre noch deutlich größere Unterschiede in den Einstellungen gegenüber Immigration zwischen Studenten aus Ost und West, als es die Daten für die Gesamtbevölkerung aus dem SOEP zeigen. Beispielsweise stimmten Studenten, die in Ostdeutschland groß geworden sind, mit einer um 109 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit völlig der Aussage zu, dass kulturelle Überfremdung abgewehrt werden solle, als Studenten, die in Westdeutschland groß geworden sind.

Die Unterschiede in der Beurteilung von Immigration zwischen im Osten und im Westen sozialisierten Studenten sind jedoch deutlich kleiner geworden, wenn im Osten groß gewordene junge Erwachsene zum Studium in den Westen gegangen sind. Dies zeigt sich wiederum bei der Wahrscheinlichkeit, mit der Studenten der Aussage zustimmten, dass kulturelle Überfremdung abgewehrt werden solle. Studenten, die im Osten aufwuchsen und dort studierten, stimmten der Aussage signifikant häufiger zu als Studenten, die im Osten aufwuchsen und im Westen studierten. Im Westen studiert zu haben reduziert den Effekt der Herkunft aus dem Osten um etwa 70 Prozent. Die Studenten waren jung (Anfang 20) und erlebten die neuen Lebensumstände im Westen in einer für ihre Persönlichkeitsfindung entscheidenden Lebensphase („impressionable years“). Das Umfeld im Westen hat prägende Eindrücke auf die jungen Erwachsenen aus dem Osten hinterlassen.

Über viele Jahre spielte Einwanderung im wiedervereinigten Deutschland keine große Rolle im politischen Geschehen. Das änderte sich – Corona mag auch dies zeitweise in Vergessenheit geraten lassen – mit der Flüchtlingskrise im Sommer 2015. Der AfD sind die Wähler zugelaufen. Vor allem in den östlichen Bundesländern. Es liegt nahe, dass sich die Nachwirkungen des Sozialismus in der DDR heute über Einstellungen zur Einwanderung im AfD-Wählen widerspiegeln.

Teilen Sie diesen Artikel:

oder kopieren Sie den folgenden Link:

Der Link wurde zu Ihrer Zwischenablage hinzugefügt!

Mehr zum Thema

Artikel lesen
Welchen Beitrag leisten Migrant_innen und Geflüchtete zur Sicherung der Arbeitskräftebedarfe in Fachkraftberufen in Deutschland?
Helen Hickmann/ Anika Jansen / Sarah Pierenkemper / Dirk Werner Gutachten 24. November 2021

Ohne sie geht nichts mehr: Welchen Beitrag leisten Migrant_innen und Geflüchtete zur Sicherung der Arbeitskräftebedarfe in Fachkraftberufen in Deutschland?

Deutschland befindet sich in der Anfangsphase eines rasant zunehmenden demografischen Wandels. Bis 2035 wird die Zahl an Personen über 67 Jahre um 22 Prozent steigen, Fachkräfte werden damit zunehmend knapp.

IW

Artikel lesen
Axel Plünnecke IW-Kurzbericht Nr. 83 31. Oktober 2021

Inder haben die höchsten Medianlöhne in Deutschland

Seit 2012 hat die qualifizierte Zuwanderung aus Drittstaaten stark zur Fachkräftesicherung in den akademischen Berufen beigetragen. In der Folge ist zu beobachten, dass der Medianmonatslohn von allen in Vollzeit sozialversicherungspflichtig beschäftigten ...

IW

Mehr zum Thema

Inhaltselement mit der ID 8880