Die deutsche Bildungslandschaft befindet sich in einem tief greifenden Wandel. Besuchten in der Vergangenheit nur die leistungsstärksten Schülerinnen und Schüler ein Gymnasium und erreichten die Hochschulreife, steht dieser Weg in den letzten Jahren immer mehr jungen Menschen offen. Dies zeigt sich nicht zuletzt daran, dass deutschlandweit nur rund ein Viertel der 60- bis 64-Jährigen, aber über die Hälfte der 20- bis 24-Jährigen die Hochschul- oder Fachhochschulreife haben.

An sich ist diese Entwicklung sehr positiv zu bewerten, da vor dem Hintergrund von Digitalisierung, Automatisierung und Globalisierung eine profunde Schulbildung sowohl in der Arbeitswelt als auch im familiären Alltag in der Tendenz immer stärker an Bedeutung gewinnt. Allerdings darf die höhere Zahl junger Menschen mit gymnasialer Bildung nicht mit einem Absenken der Leistungsanforderungen erkauft werden.

Kommt es hierzu, kann dies nicht nur zu einem Wertverlust für die Hochschulreife führen, sondern auch eine schlechtere Förderung für die leistungsstärksten Schüler zur Folge haben. Erreichen diese bereits mit überschaubarem Lernaufwand sehr gute Noten, haben sie gegebenenfalls wenig Anreiz, sich noch stärker anzustrengen und ihre Potenziale voll auszuschöpfen. Außerunterrichtliche Angebote wie „Jugend forscht“ und die Bundeswettbewerbe in den verschiedenen Fächern können zwar einen wichtigen Beitrag zur gezielten Förderung dieser jungen Menschen leisten. Allerdings hängt die Teilnahme an solchen Aktivitäten immer auch von den äußeren Rahmenbedingungen, wie dem Engagement der Lehrer und Eltern, ab. Daher muss sichergestellt werden, dass die Spitzenschülerinnen und -schüler, die vielfach die Leistungsträger von morgen in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft sind, auch im regulären Unterricht ausreichend gefordert und gefördert werden.

Wie sich die Leistungsanforderungen für das Abitur über die Zeit tatsächlich verändern, lässt sich kaum messen. Allerdings lässt sich nachvollziehen, wie sich die Zahl der Abiturienten mit Spitzennoten entwickelt hat. In Hessen ist die Zahl derer mit einem Notenschnitt von 1,4 und besser in den Jahren zwischen 2006 und 2017 von rund 1200 auf 2200 gestiegen und hat sich damit nahezu verdoppelt. Betrachtet man die Anteile an der Bevölkerung im Alter, in dem typischerweise die Abiturprüfungen abgelegt werden, ist ein Anstieg um 1,4 Prozentpunkte von 1,9 Prozent auf 3,3 Prozent zu verzeichnen. Damit liegen die Werte auch sehr nahe am Bundesschnitt. Nimmt man nur die Abiturienten mit der Bestnote 1,0 in den Blick, ist ihre Zahl sogar von 183 auf 498 und ihr Bevölkerungsanteil von 0,3 Prozent auf 0,8 Prozent gestiegen.

Daraus lässt sich noch nicht ableiten, dass es einfacher geworden ist, ein Spitzenabitur zu erreichen. So könnte die Entwicklung im Prinzip auch darauf zurückgehen, dass tatsächlich immer mehr junge Menschen ein besonders hohes schulisches Leistungsniveau erreichen. Allerdings müsste sich dies dann auch in Untersuchungen zum Leistungsstand von Schülern, wie den Pisa-Studien, zeigen. Hier ist die Spitzengruppe in Mathematik und Naturwissenschaften deutschlandweit im vergangenen Jahrzehnt allerdings sogar kleiner geworden. Auch gibt es keinen Hinweis darauf, dass sich die Zahl der Schüler mit Topleistungen in den Ländern tatsächlich so stark unterscheiden, wie dies die Abiturprüfungen nahelegen. Im Jahr 2017 lag der Anteil der Abiturienten mit 1,4 und besser an der Bevölkerung im entsprechenden Alter in Thüringen und Brandenburg bei über fünf und in Niedersachsen bei unter zwei Prozent. Dies kann zu starken Verwerfungen führen, wenn die Studienplatzvergabe in begehrten Fächern über einen Numerus Clausus erfolgt. Daher muss die Bildungspolitik nicht nur darauf hinwirken, dass es nicht zu einem weiteren Absinken der Leistungsanforderungen kommt, sondern auch dass die Abiturnoten aus den verschiedenen Bundesländern in Zukunft weitgehend dasselbe Leistungsniveau dokumentieren.