Lieferketten in der Industrie waren gestört, einige Wirtschaftsbereiche – wie die Automobilbranche – mussten vorübergehend die Produktion vollständig stilllegen. Viele Branchen konnten sich nach Ende des Lockdowns erstaunlich zügig erholen. Trotzdem droht eine Insolvenzwelle, die nachfolgend den Finanzsektor gefährden könnte. Die Gefahren sind aber kontrollierbar.

Der Bankensektor ist bislang von der Corona-Krise kaum betroffen, da die Wirtschaftspolitik schnell handelte und einen Schutzschirm für Unternehmen aufgespannt hat. Doch nun stellt sich die Frage, ob es im weiteren Verlauf der Krise über eine Insolvenzwelle oder steigende Staatsschulden zu Belastungen des Bankensystems kommen kann. Drei Transmissionskanäle sind dabei besonders im Blick zu halten:

Breite Betroffenheit im Dienstleistungssektor

Anders als in der scharfen Rezession von 2009, die weitgehend auf die Industrie beschränkt blieb, sind 2020 aufgrund der Kontaktbeschränkungen viele Dienstleistungen stark betroffen. Im Service-Sektor gibt es eine große Anzahl kleiner und mittlerer Unternehmen in Gastgewerbe, Tourismus, Freizeitbranchen und persönlichen Dienstleistungen. Hier dürften viele Betriebe trotz Staatshilfen nicht lange durchhalten, wenn die Nachfrage über ein Jahr oder länger gedämpft bleibt. Kreditgeber dieser Mittelständler sind vor allem Sparkassen und Genossenschaftsbanken.

Flugzeug- und Schiffsfinanzierungen

Das Reiseverhalten dürfte sich infolge der Pandemie dauerhaft verändern; eine schnelle Erholung des Luftverkehrs ist nicht zu erwarten. Auch die Kreuzfahrtbranche wird nicht schnell zu früheren Buchungszahlen zurückkehren. In der Folge stehen Flugzeug- und Schiffsfinanzierungen unter Druck. Daher kann es sein, dass Banken die Kreditausfallraten bei der Flugzeugfinanzierung und der Schiffsfinanzierung unterschätzt haben. Bei einer zu geringen Eigenkapitalunterlegung drohen Bilanzprobleme, die aber vor allem auf diese Finanzierungen spezialisierte Großbanken und Anleihegläubiger betreffen dürften.

Wachende Staatsverschuldung

Sinkende Steuereinnahmen und die Ausgaben für Hilfspakete führen in dieser historisch einmaligen Krise zu einem kräftigen Anstieg der Staatsschulden. In der Folge wäre ein Rating-Downgrade für bestimmte europäische Staaten (z.B. Italien oder Griechenland) möglich. Da unverändert Staatsanleihen nicht mit Eigenkapital zu unterlegen sind kann dies zu einer Wiederkehr der Banken- und Staatsschuldenkrise im Euroraum führen. Das dürfte vor allem Großbanken betreffen. Anders als vor knapp zehn Jahren wirkt dem aber die zwischenzeitlich etablierte Bankenunion mit entsprechenden Eingriffs- und Stabilisierungsmöglichkeiten entgegen. Auch der europäische „Aufbaufonds“ erhöht die Schuldentragfähigkeit der am stärksten betroffenen EU-Länder.

Alle drei Transmissionswege sind im Auge zu behalten, doch erscheint die Betroffenheit des Finanzsektors jeweils begrenzt und kontrollierbar. Im Gegensatz zur Globalen Finanzmarktkrise sind die Bankbilanzen aktuell nicht vernetzt. Damals hielten die Banken ähnliche Wertpapiere in ihren Bilanzen, so dass der Wertverlust eines Wertpapieres zu Wertverlusten bei ähnlichen Wertpapieren führte. Die Verluste übertrugen sich in das gesamte Bankensystem. Für die aktuell befürchteten Insolvenzen und ihre Auswirkungen auf die Kreditgeber ist dies nicht der Fall.

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