IW-Senior Economist Thomas Obst erklärt in einem Gastbeitrag für den Blog politische Ökonomie vom Wirtschaftsforum der SPD, welche makroökonomischen Auswirkungen die Entwicklung der Energiepreise seit 2020 auf die deutsche Wirtschaft und industrielle Wettbewerbsfähigkeit haben.
Energiemärkte getrieben von geopolitischen Krisen
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
IW-Senior Economist Thomas Obst erklärt in einem Gastbeitrag für den Blog politische Ökonomie vom Wirtschaftsforum der SPD, welche makroökonomischen Auswirkungen die Entwicklung der Energiepreise seit 2020 auf die deutsche Wirtschaft und industrielle Wettbewerbsfähigkeit haben.
1. Entwicklungen der Energiepreise seit Anfang 2020
Die Kriege in Nahost und in der Ukraine haben für einen historischen Angebotsschock auf dem globalen Öl- und Gasmarkt gesorgt. Sie führten zu seit Jahrzehnten nicht gesehenen Preisspitzen bei Öl- und Gas (siehe Abbildung). Zum Start der Pandemie lag der Preis für Erdgas in Europa bei unter 4 USD je Million British Thermal Units (BTU). Bis zum Dezember 2021 verzehnfachte sich dieser aufgrund von Lieferengpässen und Nachholeffekten nach diversen Lockdowns während der Pandemie auf fast 40 USD. In den USA verdoppelte sich der Gaspreis auf niedrigem Niveau auf rund 4 USD und in Japan stieg der Gaspreis von knapp 10 USD auf etwas mehr als 15 USD an. Auffällig ist auch der im Zuge einer wieder anlaufenden Weltwirtschaft steigende Ölpreis. Dieser fiel pandemiebedingt im Frühjahr 2020 auf unter 30 USD je Barrel und steig dann kontinuierlich auf deutlich mehr als 70 USD bis Ende 2021.
Die Energiekrise kam somit zu den bereits bestehenden Störungen aus Pandemie, Materialmangel und Lieferkettenproblemen Anfang 2022 hinzu. In diesem Umfeld steigender Energiepreise löste der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine regelrechte Energiepreisschocks aus. Der Höchststand bei den Gas- und Ölpreisen wurde im August 2022 erreicht, als Russland die Gasexporte nach Deutschland stoppte. Aufgrund der hohen Versorgungsunsicherheit und der Neusortierung der Lieferketten hatten die europäischen Gaspreise zwischenzeitliche astronomische Höhen erreicht und führten zu einer deutlichen Drosselung der Industrieproduktion in Deutschland und Europa. Europa schaffte es aber, die Gaslieferungen schrittweise umzustellen. Der Gaspreis sank wieder auf ein Niveau von etwa 10 USD im Frühjahr 2023. Seitdem gab es eine Seitwärtsbewegung in Europa, Japan und USA mit persistent hohen Niveauunterschieden. So lag der Gaspreis in Europa in den Jahren 2023 bis 2025 mehr als fünfmal so hoch wie in den USA. Dieser Unterschied weitete sich erneut mit dem Ausbruch des Iran-Krieges im Februar 2026 aus. Auch wenn es zwischenzeitliche Preissprünge beim Erdgas in den USA gab, liegt der durchschnittliche Preis im August 2026 wieder bei unter 3 USD, in Europa siebenmal so hoch mit rund 21 USD und in Japan bei knapp 14 USD. Auch beim Strompreis haben europäische Unternehmen somit einen großen Wettbewerbsnachteil, da der Anteil von Gas in der Stromproduktion vergleichsweise hoch ist. Laut dem bekannten Draghi Report1 liegen die Industriestrompreise zwei bis dreimal so hoch als in den USA und China.
Am aktuellen Rand kommt es aufgrund der Eskalation im Irankrieg und die dadurch gesperrte Straße von Hormus immer wieder zu Preissprüngen beim Öl- und Gaspreis. Durch die Seestraße waren vor Februar 2026 jeweils rund 20 Prozent der weltweit gehandelten Mengen von Erdöl und Flüssiggas (LNG) transportiert worden.
Der globale Ölpreis verteuerte sich um über 60 Prozent auf den bisherigen Höchststand von fast 120 Dollar im April 2022 und schwankt seitdem um die magische Grenze von 100 USD. Der Gaspreis steigt aktuell besonders in Europa, da die Füllstände historisch niedrig liegen und weiter bis zum Winter verstärkt eingekauft werden muss. Damit hat sich der Gaspreis in Europa seit Anfang des Jahres mehr als verdoppelt. Bei Diesel liegt der Preisanstieg (hier nicht dargestellt) auf dem Weltmarkt seit Ausbruch des Irankrieges bei fast 85 Prozent. Solange das strategisch wichtige Nadelöhr geschlossen bleibt, wird die globale Energieversorgung stark beeinträchtigt und die Aussichten bleiben unsicher.
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