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IW-Kurzbericht Nr. 66 23. September 2026 Stefanie Seele Frankreich und Deutschland: Mehr Arbeitsvolumen bringt Wachstum

Frankreich holt nach Reformen bei der Aktivierung von Jüngeren und Älteren aus der Nicht-Erwerbstätigkeit im Vergleich zu Deutschland auf. In Frankreich wuchs das Arbeitsvolumen und das Bruttoinlandsprodukt legte deutlich stärker zu als hierzulande.

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IW-Kurzbericht 66/2026
IW-Kurzbericht Nr. 66 23. September 2026 Stefanie Seele

Frankreich und Deutschland: Mehr Arbeitsvolumen bringt Wachstum

Stefanie Seele Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Frankreich holt nach Reformen bei der Aktivierung von Jüngeren und Älteren aus der Nicht-Erwerbstätigkeit im Vergleich zu Deutschland auf. In Frankreich wuchs das Arbeitsvolumen und das Bruttoinlandsprodukt legte deutlich stärker zu als hierzulande.

Die wirtschaftliche Entwicklung ist in Frankreich und Deutschland seit 1970 meist ähnlich verlaufen. Auch die soziale Sicherung, beispielsweise bei Arbeitslosigkeit, war laut OECD-Indikatoren bis 2005 in beiden Ländern auf einem ähnlich hohen Niveau (Seele, 2023). Ab Mitte der Nullerjahre nahmen auf dem deutschen Arbeitsmarkt im Zuge der Hartz-Reformen viele Erwerbslose und Nicht-Erwerbspersonen eine Arbeit auf, was zu einem starken Anstieg der Erwerbstätigkeit mit seinem Höhepunkt im Jahr 2024 führte. 

In Frankreich steigt die Erwerbstätigkeit seit Mitte der 2010er Jahre dynamisch an. Die Aktivierung von Erwerbslosen spielte dafür zuletzt nicht die Hauptrolle. Zwar sank in Frankreich die Anzahl der Erwerbslosen zwischen 2015 und 2019 um gut eine halbe Million, zwischen 2019 und 2025 jedoch nur noch um 68.000 Erwerbslose.

Das Wirtschaftswachstum und das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen der beiden Nachbarländer haben sich seit 2019 auseinanderentwickelt, wie die Abbildung zeigt. Während die deutsche Wirtschaft real nur leicht um 0,8 Prozent gewachsen ist und das hiesige Arbeitsvolumen sank, sind in Frankreich Arbeitsvolumen und Wirtschaftswachstum merklich gestiegen. Die Veränderung des Bruttoinlandsprodukts abzüglich der Veränderung des Arbeitsvolumens ergibt die Veränderung der Produktivität je Erwerbstätigenstunde. In Deutschland ist die Produktivität demnach seit 2019 um 2,2 Prozent gestiegen, während sie in Frankreich um 0,9 Prozent gesunken ist.

Das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen ergibt sich aus der durchschnittlichen Arbeitszeit multipliziert mit der Anzahl der Erwerbstätigen. In Frankreich hat die Arbeitszeit je Erwerbstätigen seit 2019 geringfügig um kumulativ 0,3 Prozent abgenommen. Jedoch wächst seitdem die französische Erwerbstätigkeit kräftig um 2 Millionen Personen, was kumulativ einem Beschäftigungsplus von 6,9 Prozent entspricht. In Deutschland sind 0,6 Millionen Personen mehr erwerbstätig als 2019, ein Anstieg von 1,3 Prozent, während die deutsche Arbeitszeit je Erwerbstätigen um 2,6 Prozent gesunken ist.

Um die Erwerbstätigenniveaus der unterschiedlich großen Nachbarn zu vergleichen, wird die Erwerbstätigkeit relativ zur erwerbsfähigen Bevölkerung im Alter von 15 bis 64 Jahren – also als Erwerbstätigenquote – betrachtet. Frankreich kann mit der dynamisch wachsenden Erwerbstätigkeit den Niveauunterschied bei der Erwerbstätigenquote zu Deutschland etwas verringern, indem seit 2019 vor allem Nicht-Erwerbspersonen eine Erwerbstätigkeit im französischen Arbeitsmarkt aufnehmen.

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Junge Franzosen häufiger in Ausbildung

Seit 2019 steigt die Erwerbstätigenquote insbesondere von französischen Männern im Alter von 15 bis 24 Jahren dynamisch von 33 auf 37 Prozent. Damit ist die Quote zwar weit entfernt vom deutschen Niveau mit zuletzt 52 Prozent, aber der Abstand zwischen den Nachbarn hat sich verkleinert und liegt mittlerweile leicht oberhalb des EU27-Durchschnitts.

Die OECD sieht die Ausbildungsreform im Jahr 2018 sowie die Ausbildungsprämie von 2020 als wichtige Hebel für diese Entwicklung. Der starke Anstieg der Ausbildungsverträge trägt zur guten Beschäftigungsentwicklung in Frankreich bei. Rund ein Drittel der zwischen Ende 2019 und Mitte 2023 zusätzlich entstandenen Beschäftigungsverhältnisse entfällt auf Ausbildungsverhältnisse (OECD, 2024). Damit verbunden ist direkt ein höheres Arbeitsvolumen und mehr Wirtschaftswachstum in Frankreich.

Ältere Franzosen länger im Erwerbsleben

Auch die französischen Rentenreformen zeigen erste Wirkungen in Bezug auf die steigende Erwerbstätigkeit Älterer (OECD, 2024; 2025): Sie heben die Regelaltersgrenze ab dem Reformjahr 2010 von 60 auf 62 Jahre, ab 2023 auf 64 Jahre an und verlängern ab 2014 und ab 2023 beschleunigt die Versicherungsdauer für abschlagsfreie Frührenten auf 43 Jahre (Husmann, 2023).

Ältere Franzosen arbeiten seltener als in anderen EU-Mitgliedstaaten. Zuletzt waren in Frankreich 62 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung zwischen 55 und 64 Jahren erwerbstätig, in Deutschland waren es 75 Prozent und in der EU27 66 Prozent. 2019 lag die Quote in Frankreich noch bei 55 Prozent, in Deutschland bei 72 Prozent und in der EU27 bei 59 Prozent. Demzufolge verkleinerte sich auch bei den Älteren der Abstand zwischen deutscher und französischer Erwerbstätigenquote um 5 Prozentpunkte.

Französinnen arbeiten im EU-Vergleich oft

Die Frauenerwerbsbeteiligung ist in Frankreich traditionell höher als im EU27-Durchschnitt, aber etwas niedriger als in Deutschland. Bemerkenswert ist, dass der Teilzeitanteil unter französischen Frauen langfristig sinkt – auf zuletzt 25 Prozent, während der vergleichbare Anteil unter deutschen Frauen zuletzt auf 49 Prozent gestiegen ist. Das geleistete Arbeitsvolumen der Französinnen ist damit seit 2019 gewachsen, während das der deutschen Frauen sank. Bei der Erwerbstätigenquote von jungen und älteren Französinnen ist der Aufholprozess jedoch weniger ausgeprägt als bei den französischen Männern. Die jüngeren sowie älteren Französinnen weisen demnach eine ansteigende Erwerbstätigenquote vergleichbar mit der von deutschen Frauen auf.

Ableitungen für Deutschland

Deutschland hat bereits eine im OECD-Vergleich sehr hohe Erwerbstätigenquote. Frankreich nähert sich dem seit 2019 an.

Die deutsche Jugendarbeitslosigkeit ist trotz des jüngsten Anstiegs weiterhin auf niedrigem Niveau und die Erwerbstätigkeit von Älteren ist ebenfalls hoch. Parallel steht es vor der demografischen Herausforderung, dass geburtenstarke Jahrgänge vorzeitig das Erwerbsleben verlassen.

Potenzial zur Ausweitung des deutschen Arbeitsvolumens besteht in der Erhöhung des individuellen Arbeitsangebots beispielsweise von teilzeitbeschäftigten Frauen und Älteren. Entscheidend ist außerdem, Beschäftigung im höheren Alter zu sichern und Fehlanreize für einen frühen Renteneintritt abzubauen (Schüler/Seele, 2026; Beznoska et al., 2025; Pimpertz, 2024). Ohne Stabilisierung des Arbeitsvolumens ist in Deutschland das Wirtschaftswachstum und der Wohlstand gefährdet.

DOI: 10.67087/19.21552

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