Früher haben Digitalisierungstechnologien eher Helfer und Fachkräfte ersetzt als Höherqualifizierte. Durch die Fortschritte der künstlichen Intelligenz (KI) sind zunehmend Spezialisten und Experten betroffen.
Experten sind besonders nah an KI
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Früher haben Digitalisierungstechnologien eher Helfer und Fachkräfte ersetzt als Höherqualifizierte. Durch die Fortschritte der künstlichen Intelligenz (KI) sind zunehmend Spezialisten und Experten betroffen.
Der Verbreitungsgrad von KI-Anwendungen in Deutschland ist noch überschaubar, stieg aber zuletzt kräftig (Büchel/Monsef, 2024; Hammermann/Stettes, 2024; Kerkhof et al., 2024; Rusche et al., 2022). Auch die Auswertung von Stellenanzeigen zeigt, dass Betriebe im Jahr 2023 mehr Personal mit KI-Kompetenzen nachfragten als 2019 (Büchel et al., 2023). Bisher machen die Stellenanzeigen mit KI-Nachfrage jedoch einen Bruchteil aller vakanten Stellen aus. Offen geblieben ist dabei, welche Beschäftigten von der Einführung von KI-Technologien in ihrem Arbeitsumfeld heute oder künftig betroffen sein könnten.
Um die Folgen von KI auf die Arbeitswelt abschätzen zu können, ist es hilfreich, auf das Merkmal der potenziellen KI-Nähe von Berufen zurückzugreifen. Der Indikator beschreibt, ob Beschäftigte im jeweiligen Beruf potenziell Berührungspunkte mit KI-Technologien haben. Er zeigt jedoch erstens nicht, ob Beschäftigte die KI-Anwendungen schon nutzen. Zweitens ist offen, ob die KI-Technologien die menschliche Arbeit ersetzen oder diese ergänzen und damit potenziell die Arbeitsproduktivität und Innovationsfähigkeit der Beschäftigten steigern könnten.
Felten et al. (2021) vergleichen die Tätigkeiten von US-amerikanischen Berufsgruppen mit den technolo-gischen Möglichkeiten des Jahres 2021 von zehn unterschiedlichen KI-Anwendungen (siehe Seite 3).
Daraus entwickelten die Forscher die KI-Nähe für den US-Arbeitsmarkt. Dieser Indikator wurde nun vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) auf deutsche Berufsgruppen mit unterschiedlichen Anforderungsniveaus übertragen (Bundesagentur für Arbeit, 2021; Bureau of Labor Statistics, 2012) und in eine Skala von null (KI-fern) bis eins (KI-nah) überführt. Der Median der KI-Nähe unter den deutschen Berufsgruppen liegt bei 0,67 mit einer Standardabweichung von 0,21. Bis 0,57 sind Berufsgruppen KI-fern und ab 0,77 KI-nah. Demnach ergeben sich die Grenzen zu KI-nah (KI-fern) aus dem Median der KI-Distanz plus (minus) einer halben Standardabweichung.
Vor allem höher qualifizierte Beschäftigte setzten KI-Anwendungen ein (Büchel/Monsef, 2024). Auch der Indikator KI-Nähe steigt mit dem beruflichen Anforderungsniveau. Im Durchschnitt sind Helfer KI-fern, gefolgt von den Fachkräften sowie Spezialisten mit mittlerer KI-Distanz. Experten sind im Durchschnitt KI-nah. So waren im Dezember 2023 7 Prozent der Helfer und fast 90 Prozent der Experten KI-nah. Zudem war jede vierte Fachkraft und knapp jeder zweite Spezialist KI-nah.
Der Vergleich der beiden linken Säulen in der Abbildung zeigt, dass der Indikator KI-Nähe bis Dezember 2023 leicht zunahm. Denn gegenüber Dezember 2019 nahm der Beschäftigungsanteil der KI-nahen Berufsgruppen um 1,4 Prozentpunkte zu, während der KI-ferne Beschäftigungsanteil um 1,2 Prozentpunkte abnahm.
Im Zeitvergleich 2019 und 2023 hat die Höherqualifikation die KI-Nähe im deutschen Arbeitsmarkt gesteigert. Experten und Spezialisten gewannen absolut (als Anteil an der Gesamtbeschäftigung) an Bedeutung und relativ nahm so die KI-Nähe im gesamten Arbeitsmarkt zu, während die Fachkräfte absolut und relativ KI-Nähe verloren, unter anderem auch weil sich Fachkräfte zu Spezialisten weiterqualifizierten. Die KI-nahe Beschäftigung von Experten legte um 1,4 Prozentpunkte zu, KI-nahe Spezialisten um 0,6 Prozentpunkte. Gleichzeitig sank die KI-Nähe der Fachkräfte und Helfer, weil die Fachkräfte mit mittlerer KI-Distanz um 1,1 Prozentpunkte, die KI-fernen Fachkräfte um 1,7 Prozentpunkte und die KI-fernen Helfer um 0,6 Prozentpunkte zulegten.
KI-nahe Berufsgruppen mit großen Beschäftigungsanteilen sind etwa Helfer und Fachkräfte im „Büro und Sekretariat“ sowie Fachkräfte und Spezialisten in der „Unternehmensorganisation und -strategie“. Auch Spezialisten im „Einkauf/Vertrieb“ und im „Rechnungswesen“ sind KI-nah. Experten in „Lehre und Forschung an Hochschulen“,in „Forschung und Entwicklung“ sowie in der „Geschäftsführung bzw. im Vorstand“ sind ebenfalls KI-nah.
KI-ferne Berufsgruppen mit hohem Beschäftigungsanteil sind Helfer in der „Lagerwirtschaft/Zustellung“, „Gastronomie“ und „Reinigung“. Auch Fachkräfte in der „Fahrzeugführung in Eisenbahn und Straßenbahn“, in „Maschinenbau und Betriebstechnik“ sowie „Gebäudetechnik“ gehören dazu. KI-ferne Spezialisten arbeiten in der „Veranstaltungstechnik“ und in der „Forst-/Jagdwirtschaft“. Auch Experten, die im „Schauspiel/Tanz“ oder in den „bildenden Künsten“ arbeiten, sind eher KI-fern.
Berufsgruppen mit mittlerer KI-Distanz und mit relevantem Beschäftigungsanteil sind zum Beispiel Fachkräfte, Spezialisten und Experten im „Verkauf ohne Produktspezialisierung“. Auch Fachkräfte in der „Krankenpflege, bei Rettungsdiensten und der Geburtshilfe“ haben eine mittlere KI-Distanz. Spezialisten weisen in den Berufsgruppen „Erziehung und Sozialarbeit“ sowie in der „technischen Produktionsplanung“ eine mittlere KI-Distanz auf.
Mit technologischem Fortschritt ändern sich die Anforderungen an Beschäftigte und Betriebe. Beide Seiten sollten sich auf den Wandel einlassen, um die KI-Potenziale im beruflichen Alltag auszuschöpfen.
KI-Anwendungen aus Felten et al., 2021
Folgende zehn KI-Anwendungen mit dem Technologiestand 2021 sind in den Index KI-Betroffenheit geflossen:
(1) Abstrakte Strategiespiele,
(2) Videospiele in Echtzeit,
(3) Bilderkennung,
(4) visuelle Beantwortung von Fragen,
(5) Bilderzeugung,
(6) Leseverständnis,
(7) Modellierung von Sprache,
(8) Übersetzung,
(9) Spracherkennung und
(10) Erkennung von Instrumentalstücken.
<iframe class="everviz-iframe" src="https://app.everviz.com/embed/hk7BcKu8C/?v=7" title="Chart: Untitled project" style="border: 0; width: 100%; height: 500px"></iframe>
Experten sind besonders nah an KI
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
KI-Nähe des Berufs bisher kein Nachteil auf dem Arbeitsmarkt
Die KI-nahe Beschäftigung gewinnt in Deutschland an Bedeutung. Dies liegt auch daran, dass der Beschäftigungsanteil von Fachkräften sinkt und jener von Experten und Spezialisten zunimmt.
IW
Frankreich und Deutschland: Mehr Arbeitsvolumen bringt Wachstum
Frankreich holt nach Reformen bei der Aktivierung von Jüngeren und Älteren aus der Nicht-Erwerbstätigkeit im Vergleich zu Deutschland auf. In Frankreich wuchs das Arbeitsvolumen und das Bruttoinlandsprodukt legte deutlich stärker zu als hierzulande.
IW