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Ralph Henger / Christian Oberst IW-Kurzbericht Nr. 16 4. März 2019 Alterung der Gesellschaft im Stadt-Land Vergleich

Die Alterung der Gesellschaft in den Großstädten ist vorrübergehend durch die Zuwanderung aus dem In- und Ausland gestoppt. Dabei verstärken die Wanderungen junger Bevölkerungsschichten in die Großstädte die Alterungsprozesse in den Abwanderungsregionen. Auf die zunehmenden regionalen Unterschiede in der demografischen Entwicklung bedarf es fallbezogene und abgestimmte Antworten von Bund, Ländern und Kommunen.

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Die Alterung der Gesellschaft in den Großstädten ist vorrübergehend durch die Zuwanderung aus dem In- und Ausland gestoppt. Dabei verstärken die Wanderungen junger Bevölkerungsschichten in die Großstädte die Alterungsprozesse in den Abwanderungsregionen. Auf die zunehmenden regionalen Unterschiede in der demografischen Entwicklung bedarf es fallbezogene und abgestimmte Antworten von Bund, Ländern und Kommunen.

In den letzten Jahren haben die regionalen Unterschiede in der demografischen Entwicklung durch die hohe Anzahl von Zuzügen junger Zuwanderer aus dem In- und Ausland in die Großstädte deutlich zugenommen. Themen wie die soziale Daseinsvorsorge, gleichwertige Lebensverhältnisse oder eine Neuausrichtung der Regionalpolitik rücken daher wieder stärker in den Fokus der Politik.

Divergenzen in der Bevölkerungsentwicklung und Altersstruktur sind mit weitreichenden Konsequenzen für die Daseinsvorsorge, öffentliche Infrastruktur und regionale Wirtschaftsentwicklung verbunden. Hierzu zählen unter anderem beim Infrastrukturbedarf die regionalen Bedarfe im Gesundheits- und Bildungswesen und der Fachkräftebedarf zum Erhalt der regionalen Wettbewerbsfähigkeit. Denn je höher der Anteil älterer Menschen, desto höher sind tendenziell Bedarfe im Gesundheitswesen und bei der Pflege. Da diese weitestgehend die Allgemeinheit über die Sozialversicherungen trägt, wird auch die regionale Versorgungslage in der übergeordneten Bundespolitik diskutiert. Zudem sind Auswirkungen auf die Fachkräftesicherung, Technologiediffusion und Einwohnerrückgänge zu erwarten. Letztere sind wiederum mit steigenden durchschnittlichen Versorgungskosten und Anpassungskosten verbunden. Andererseits sind höhere Anteile junger Menschen mit höheren Bedarfen bei Bildungseinrichtungen (Kindertagesstätten und Schulen) verbunden, dessen Bereitstellung in erster Linie von den Kommunen erfolgt.

In diesem Beitrag stehen langfristige und regionstypische Trends der Alterungsprozesse im Fokus. Dazu werden die 401 Kreise in Deutschland in zwei Kategorien aufgeteilt, die 71 kreisfreien Großstädte und die restlichen 330 sonstigen Kreise. Zu den kreisfreien Großstädten gehören alle kreisfreien Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern (Stand 2017) sowie die Region Hannover und die Städteregion Aachen. Die Abbildung vergleicht die Altersentwicklung mit den Wanderungen nach Zielort für die zwei untersuchten Regionskategorien für den Zeitraum 1995 bis 2016. Die Altersentwicklung wird anhand des mittleren Alters der Bevölkerung gezeigt, die für die beiden Regionskategorien über die regionale Verteilung der Altersklassen mit einwohnergewichteten Durchschnittswerten ermittelt wurde (siehe Statistisches Bundesamt, 2018). In den kreisfreien Großstädten nahm das mittlere Alter von 40,7 im Jahr 1995 auf 42,7 im Jahr 2016 zu. Anzumerken ist allerdings, dass dieser Anstieg bis zum Jahr 2009 stattfand. Seitdem blieb das mittlere Alter in den kreisfreien Großstädten konstant, sodass die Alterung der Gesellschaft in diesem Regionstyp zumindest vorrübergehend gestoppt wurde. In den sonstigen Kreisen stieg das mittlere Alter im Untersuchungszeitrum von 39,5 auf 44,8 deutlich stärker. Seit 2006 ist das Durchschnittsalter in den kreisfreien Großstädten niedriger als in den anderen Regionen des Landes. Ursprünglich war die Bevölkerung in den Großstädten älter, da vor allem kinderreiche Familien häufiger auf dem Land wohnten. Dies hat sich seither umgekehrt, zumindest im Durchschnitt über alle Alters- und Bevölkerungsgruppen. In einigen Großstädten fand sogar eine Verjüngung statt. Am deutlichsten war dies in Frankfurt am Main zu beobachten, wo das mittlere Bevölkerungsalter im Zeitraum 1995 bis 2016 von 41,3 auf 40,6 Jahre sank.

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Der Alterungsprozess der kreisfreien Großstädte verlangsamte sich bereits in einer Konzentrationsphase in den Jahren 2005 bis 2010, die gekennzeichnet war durch moderate Gesamtwanderungsüberschüsse in den kreisfreien Großstädten und negativen Gesamtwanderungssalden der sonstigen Kreise. Der anschließende Stopp des Alterungsprozess der kreisfreien Großstädten fällt zeitlich zusammen mit dem Zuzugs-Boom und hohen Wanderungsüberschüssen, die seit dem Jahr 2011 beobachtet werden können. Die Großstädte profitieren dabei sowohl von der internationalen Zuwanderung als auch von Zuzügen jüngerer Menschen (18 bis 30-jährigen) aus dem Inland. Das Binnenwanderungssaldo für Inländer ist jedoch bereits seit 2014 wieder negativ. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass auch die sonstigen Kreise in der Gesamtheit Wanderungsüberschüsse verzeichnen. Davon profitieren jedoch vor allem die Kreise im Umland der Ballungszentren und weniger die ländlich geprägten Regionen. Seit 2014 wird das Wachstum der Großstädte vorrangig von der Zuwanderung aus dem Ausland getragen. Ein besonderes Jahr war das Jahr 2015 und der Flüchtlingskrise mit einer Nettozuwanderung von 1,16 Mio. Menschen. Die außergewöhnlich hohe Gesamtwanderungen in die sonstigen Regionen in dieser Zeit sind auf die Verteilung der Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge zurückzuführen. Insgesamt hat Deutschland in den Jahren 2012 bis 2016 im Saldo jährlich 643.000 ausländische Einwohner hinzugewonnen wovon letztlich 42 Prozent in die kreisfreien Großstädte zog.

Der vorübergehend gestoppte Alterungsprozess der kreisfreien Großstädte ist zum einen auf den Zuzug junger Bevölkerungsschichten aus dem In- und Ausland zurückzuführen. So ist zum einen ein in Deutschland lebender Ausländer 37,7 Jahre alt (Stand 2017, Statisches Bundesamt, 2018) und damit deutlich jünger als die Bevölkerung in Deutschland allgemein (44,2) und insbesondere in den sonstigen Kreisen (44,9). Zudem führt der Zuzug junger Bevölkerungsschichten auch zu gestiegenen Geburtenzahlen (vgl. Bujard/Scheller, 2017). So ist die Fertilitätsrate der Ausländerinnen in Deutschland höher als die der Inländerinnen. Die Geburtenziffer der Inländerinnen liegt im Jahr 2016 bei 1,46 Kindern je Frau (Pötzsch, 2018). Bei ausländischen Frauen in Deutschland liegt die Geburtenziffer bei 2,28 Kindern je Frau. Auch zwischen den kreisfreien Großstädten und den sonstigen Kreisen bestehen hinsichtlich der Geburtenzahl Differenzen. Im Jahr 1995 lag die Fertilität in den kreisfreien Großstädten bei 1,19 und in den sonstigen Kreisen bei 1,30. Bis zum Jahr 2015 hat die Geburtenzahl flächendeckend zugenommen (1,44 in den kreisfreien Großstädten, 1,57 in den sonstigen Kreisen, BBSR, 2019). Dabei ist zu beachten, dass zwischen der regionalen Fertilität und den Wanderungen erhebliche Wechselwirkungen bestehen.

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Die Bevölkerungsstruktur hängt zudem eng mit der Geburtenhäufigkeit zusammen. Bei Betrachtung der regionalen Altersverteilungen fällt auf, dass der Anteil der 25 bis 45-jährigen in den sieben größten Großstädten besonders hoch ist. Zu den so genannten A-Städten, gehören Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hamburg, Köln, München und Stuttgart. In den sonstigen kreisfreien Großstädten ist hingegen der Anteil der 20 bis 25-jährigen hoch. Die Unterschiede liegen mitunter daran, dass es sich bei den mittleren Großstädten öfter um die traditionellen Universitätsstandorte mit hohen Studentenzahlen handelt (z. B. Freiburg, Heidelberg, Münster).

Bei der regionalen Altersverteilung zeigen sich auch innerhalb der Regionstypen relevante Unterschiede und überlagernde Strukturunterschiede. Erwartungsgemäß ist Heidelberg mit 40,1 Jahren in 2017 der jüngste Kreis, eine klassische Universitätsstadt. Aufgrund des hohen Zuzugs junger Bevölkerungsschichten war auch zu erwarten, dass die zehn jüngsten Regionen mit Altersdurchschnitten von 40,1 bis 41,1 Jahren alle in Westdeutschland liegen. Gleichzeitig liegen die zehn ältesten Regionen mit Altersdurchschnitten von 49,1 bis 50,3 Jahre alle in Ostdeutschland. Diese Beispiele verdeutlichen anschaulich den Handlungsbedarf in Ostdeutschland, aber auch die Vielfältigkeit der demografischen Entwicklungen selbst innerhalb vergleichbarer Regionstypen. Die Regionalpolitik muss daher fallbezogene Antworten finden. Dazu sind grundsätzlich die Länder oder die Ebene der Regionalplanung am besten geeignet, da sie das Vor-Ort-Wissen im überörtlichen Kontext zum Ausgleich bringen können. Doch die diskutierten Konsequenzen der divergierenden Bevölkerungsentwicklung verdeutlichen den Einfluss und Betroffenheit aller staatlicher Ebenen von den Gemeinden bis zum Bund.

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