Spaniens liberale Migrationspolitik wird auch in Deutschland teils kritisch beäugt. Arbeitsmarkt- und Wachstumsdaten zeigen aber, dass Zuwanderung wesentlich zur Ausweitung des Arbeitskräfteangebots beiträgt. Nur so konnte Spaniens Wirtschaft starke Wachstumszahlen erreichen.
Warum Migration für Spanien unverzichtbar ist
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Spaniens liberale Migrationspolitik wird auch in Deutschland teils kritisch beäugt. Arbeitsmarkt- und Wachstumsdaten zeigen aber, dass Zuwanderung wesentlich zur Ausweitung des Arbeitskräfteangebots beiträgt. Nur so konnte Spaniens Wirtschaft starke Wachstumszahlen erreichen.
Spaniens Migrationspolitik steht nach den Ereignissen in Ceuta Ende Juli dieses Jahres im Mittelpunkt einer politischen Debatte um die richtige Migrationspolitik in der EU. Verschärft wird die Diskussion durch die von der spanischen Regierung geplante und bereits begonnene Regularisierung von mehr als 500.000 irregulär in Spanien lebenden Migranten. Die spanische Regierung unter Pedro Sánchez führte im April 2026 ein Verfahren ein, das diesen Migranten einen legalen Aufenthaltsstatus ermöglichen soll. Voraussetzung dafür ist ein Nachweis eines Aufenthalts in Spanien von mindestens fünf Monaten vor dem 31. Dezember 2025. Kritiker sehen darin einen Pull-Effekt für irreguläre Einwanderung (Sahuquillo/Gómez, 2026).
Legalisierung als Leistungsanerkennung
Entgegen der verbreiteten Annahme ist die irreguläre ausländische Beschäftigung kein homogener Strom neu ankommender Personen. Schätzungen von Funcas (2026) beziffern die irreguläre Bevölkerung Anfang 2025 auf etwa 840.000 Personen; 91 Prozent der Betroffenen stammen aus amerikanischen Herkunftsländern, insbesondere aus Mittel- und Südamerika. Lateinamerikaner sind in der Regel spanischsprachig, was die Integration in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft erheblich erleichtert. Die Einreise der allermeisten Migranten erfolgt per Flugzeug, indem sie mit Touristenvisa einreisen und nach Ablauf des Visums mit prekärem Status im Land verbleiben (Chavez-González/Terrón Cusí, 2026).
Das ist für Spanien zentral: Irreguläre Migration kommt überwiegend über legale Einreisekanäle zustande, nicht primär über die südlichen Landgrenzen. Die Außengrenzen in Andalusien sowie bei den spanischen Enklaven Ceuta und Melilla in Nordafrika sind vergleichsweise stark gesichert. Die dortige Praxis mit Berichten über strenge Grenzkontrollen und Pushbacks erschwert unkontrollierte Einreisen erheblich. Die Praxis ist menschenrechtlich umstritten, zeigt aber zugleich, dass Spanien eine wichtige Funktion bei der Sicherung der europäischen Außengrenze übernimmt, was für das Funktionieren des Schengenraums zentral ist.
Ökonomisch gesehen spricht mehr dafür, die Legalisierung als nachträgliche Absicherung eines bereits bestehenden Arbeitsangebots und realer Wertschöpfungsleistung zu verstehen.
Migration als Wachstumstreiber
Spaniens Wirtschaft wächst seit der Corona-Pandemie deutlich schneller als die der europäischen Nachbarn. Das BIP legte 2024 nach Eurostat-Angaben um 3,5 Prozent zu und 2025 um weitere 2,8 Prozent. Migration ist ein zentraler Treiber dieses Wachstums. Migranten erklären 47 Prozent des kumulierten BIP-Wachstums zwischen 2022 und 2025 – vor allem durch eine Angebotserweiterung auf dem Arbeitsmarkt: Die ausländische Erwerbsbevölkerung wuchs seit 2019 von 3,8 auf 5,5 Millionen Personen, während die spanische Erwerbsbevölkerung stagnierte (Fernández/Torres, 2026). Auf Migranten entfielen zwischen Januar 2024 und März 2025 90 Prozent der neu geschaffenen Arbeitsplätze (González Enríquez/Martínez, 2025). Laut OECD trug Migration zwischen 2022 und 2024 rund 0,7 Prozentpunkte pro Jahr zum BIP-pro-Kopf-Wachstum bei (OECD, 2025); die spanische Zentralbank schätzt für denselben Zeitraum zwischen 0,4 und 0,7 Prozentpunkte Zuwachs (Cuadrado/Regil, 2025).
Demografischer Wandel: Ohne Zuwanderung geht es nicht
Spanien steht vor einem demografischen Problem und ist damit nicht allein. Mit einer Fertilitätsrate von 1,12 Geburten pro Frau im Jahr 2023 gehört Spanien zu den Ländern mit den niedrigsten Geburtenraten in der EU. Ohne Zuwanderung würde die spanische Erwerbsbevölkerung schrumpfen. Nur 62 Prozent der spanischen Bevölkerung befinden sich laut Eurostat im erwerbsfähigen Alter, bei der nicht-spanischen Bevölkerung sind es 84 Prozent. Migranten füllen insbesondere Leerstellen in den Sektoren, in denen Unternehmen die größten Schwierigkeiten bei der Besetzung freier Stellen melden, etwa im Baugewerbe und im Gastgewerbe (Fernández/Torres, 2026). Damit reagiert die spanische Wirtschaft auf die gestiegene Nachfrage seit der Corona-Pandemie im Tourismus und im Wohnungsbau mit Kapazitätsausweitungen, weil das Arbeitskräfteangebot durch Migranten erhöht wurde. Dennoch zählt die Arbeitslosenquote in Spanien mit über 10 Prozent zu den höchsten in der EU (Consensus Forecast, 2026). Ein gewichtiger Grund dafür ist strukturelle Arbeitslosigkeit: Das Arbeitskräfteangebot passt nicht ausreichend zur Nachfrage in den wachsenden Sektoren wie dem Baugewerbe und dem Handel.
Ausländische Beschäftigte erwirtschaften ca. 190 Milliarden Euro des spanischen BIP
Auf Basis von Eurostat-Daten zur Bruttowertschöpfung und gemittelten Beschäftigtenzahlen der spanischen Sozialversicherung für 2025 ergibt sich folgende eigene Berechnung: Ausländische Beschäftigte erwirtschaften rechnerisch rund 189 Milliarden Euro der spanischen Bruttowertschöpfung, das entspricht knapp 12,4 Prozent. Die Berechnung erfolgt sektoral: Für jeden der zehn Wirtschaftssektoren wird der Anteil ausländischer Beschäftigter an den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten mit der sektoralen Bruttowertschöpfung multipliziert. Die Ergebnisse werden anschließend über alle Sektoren aufsummiert.
Der größte Teil der zugeordneten Bruttowertschöpfung entfällt auf drei Wirtschaftsbereiche: In den Bereichen Groß- und Einzelhandel, Transport und Gastgewerbe, in denen auch der für die spanische Wirtschaft wichtige Tourismus enthalten ist, sind 43,7 Prozent aller ausländischen Beschäftigten tätig. Rund ein Drittel aller Beschäftigten in diesem Sektor besitzt keine spanische Staatsangehörigkeit. Rund 67 Milliarden Euro werden dort von ausländischen Beschäftigten erwirtschaftet. Es folgen die Industrie mit 22 Milliarden Euro, einem Ausländeranteil von 9,3 Prozent, sowie das Baugewerbe mit 19 Milliarden Euro und einem Ausländeranteil von 21 Prozent.
Die vorliegende Berechnung beruht auf mehreren vereinfachenden Annahmen, die den tatsächlichen Beitrag von Migranten eher unter- als überschätzen. Erfasst werden ausschließlich Personen, die bei der spanischen Sozialversicherung angemeldet sind. Funcas (2026) schätzt, dass sich zum 1. Januar 2025 rund 840.000 Personen mit irregulärem Aufenthaltsstatus in Spanien befanden. Diese Personen arbeiten vielfach informell ohne gesetzliche Absicherung und leisten einen wirtschaftlichen Beitrag, der in unserer Berechnung unberücksichtigt bleibt. Der tatsächliche Beitrag von Migranten zum spanischen BIP dürfte also noch höher sein als hier ausgewiesen. Die Berechnung unterstellt außerdem, dass alle Beschäftigten innerhalb eines Sektors die gleiche Produktivität aufweisen. Die Bruttowertschöpfung wird in laufenden Preisen gemessen, während die Sozialversicherungsstatistik eine reine Personenzählung vornimmt. Wenn Migranten häufiger in Teilzeit arbeiten, würde ihr anteiliger Beitrag leicht überschätzt. Cuadrado und Regil (2025) zeigen jedoch, dass die durchschnittliche Wochenarbeitszeit von Migranten und Spaniern im Jahr 2024 nur um weniger als eine halbe Stunde voneinander abweicht und Migranten tendenziell sogar etwas länger arbeiten. Deshalb wird dieser Effekt hier vernachlässigt. Um saisonale Verzerrungen zu glätten, wurden die Sozialversicherungsdaten über das Jahr 2025 gemittelt.
Die wirtschaftliche Bedeutung der Zuwanderung zeigt sich vor allem am Arbeitsmarkt. Migration sichert das schrumpfende Arbeitskräfteangebot in kritischen Branchen und hilft den demografischen Wandel abzufedern. Darüber hinaus reduziert die Regularisierung die Schattenwirtschaft und erhöht perspektivisch auch die Tragfähigkeit der spanischen Sozialsysteme.
DOI: 10.67087/19.21581
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