Die internationale Währungsordnung befindet sich in einer Phase des strukturellen Umbruchs, die durch geopolitische Spannungen, handelspolitische Fragmentierung und nationale Selbstgenügsamkeit der USA geprägt ist.
Der Euro als internationale Leitwährung
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Die internationale Währungsordnung befindet sich in einer Phase des strukturellen Umbruchs, die durch geopolitische Spannungen, handelspolitische Fragmentierung und nationale Selbstgenügsamkeit der USA geprägt ist.
Das exportbasierte europäische Geschäftsmodell steht massiv unter Druck. Gleichzeitig erodiert die bisher unangefochtene Dominanz des US-Dollars als globale Leitwährung. Ursächlich hierfür sind eine stetig wachsende Verschuldung von Staat und privaten Akteuren in den USA, politische Unwägbarkeiten sowie die willkürliche Instrumentalisierung des Dollars in internationalen Konflikten. Dies eröffnet der Europäischen Union (EU) eine historische Gelegenheit, den Euro in einem zunehmend multipolaren Währungssystem strategisch stärker zu positionieren.
Obwohl der Euro unbestritten die zweitwichtigste Reserve- und Transaktionswährung der Welt darstellt und die Europäische Zentralbank (EZB) eine hohe Reputation durch Unabhängigkeit und erfolgreiches Krisenmanagement erarbeiten konnte, stagniert sein globaler Bedeutungsanteil seit geraumer Zeit auf diesem Niveau. Eine wesentliche Ursache hierfür ist die anhaltende Fragmentierung der europäischen Finanzmärkte sowie das gravierende Fehlen eines tiefen, integrierten europäischen Marktes für sichere Anlageformen („Safe Assets“). Während der US-Kapitalmarkt durch seine enorme Liquidität und Markttiefe besticht, konkurrieren in der Eurozone weiterhin zahlreiche nationale Emittenten mit stark divergierenden Risikoprofilen, Emissionsstrategien und Emissionsinfrastrukturen, was internationale institutionelle Investoren weniger attraktiv ist.
Um die internationale Rolle des Euro zu stärken, müssen umfassende institutionelle Reformen umgesetzt werden. Zentral sind hierbei die Vollendung der europäischen Kapitalmarktunion sowie die Schaffung eines einheitlichen europäischen Referenzwerts durch gemeinsame Safe Assets (Eurobonds). Die vorliegende Studie skizziert hierfür einen pragmatischen, graduellen Pfad: In einer Übergangsphase könnten synthetische Währungskörbe aus bestehenden nationalen Staatsanleihen gebildet werden, um dem Markt erste standardisierte Liquidität zur Verfügung zu stellen. Langfristig ist jedoch eine echte gemeinsame Emissionsstruktur unabdingbar, das heißt eine gemeinsame europäische Emissionsinfrastruktur, die europäische Anleihen emittiert. Um politische Widerstände zu überwinden und das Moral-Hazard-Problem zu minimieren, sollten Eurobonds eng an eine europäische Investitions- und Verteidigungsunion gekoppelt werden.
Neben der finanziellen Architektur erfordert der Status einer Leitwährung unweigerlich die Stabilität der Institutionen in der Eurozone sowie den Ausbau der geoökonomischen und militärischen „Hard Power“. Historisch halten Staaten bevorzugt die Währungen jener Mächte, die glaubwürdig sicherheitspolitischen Schutz und territoriale Stabilität garantieren können.
Die internationale Stärkung des Euro ist kein politisches Prestigeprojekt, sondern ein unverzichtbares Resilienzprogramm zur Sicherung der strategischen Autonomie und finanziellen Souveränität Europas. Ein starker Euro würde die Finanzierungskosten durch Wohlstandseffekte senken und die geopolitische Handlungsfähigkeit der EU durch Relevanz signifikant erweitern.
DOI: 10.67087/12.21482
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