Energieintensive Branchen stehen zwischen schwacher Nachfrage, globalen Überkapazitäten und handelspolitischen Hindernissen. Obendrauf muss der klimaneutrale Umbau gelingen – bislang massiv erschwert durch fehlende Voraussetzungen. Die Stahlindustrie zeigt das besonders deutlich.
Industrietransformation im laufenden Betrieb
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Energieintensive Branchen stehen zwischen schwacher Nachfrage, globalen Überkapazitäten und handelspolitischen Hindernissen. Obendrauf muss der klimaneutrale Umbau gelingen – bislang massiv erschwert durch fehlende Voraussetzungen. Die Stahlindustrie zeigt das besonders deutlich.
Die deutsche Industrie in ihrer Breite und Tiefe bleibt eine zentrale Säule des Wirtschaftsstandorts. Doch die Wachstumsdynamik hat in den vergangenen Jahren deutlich nachgelassen. Multiple Standortprobleme sowie Protektionismus und Geopolitik verändern die internationalen Wettbewerbsbedingungen. Der Standort Deutschland wird für die Grundstoffproduktion daher immer wieder von einigen Seiten angezweifelt.
Dabei sind deutsche Industriestandorte geprägt von der engen Verflechtung zwischen den einzelnen Sektoren, die zur Exportstärke beiträgt. Dies trifft auch auf die Stahlindustrie zu. Die Roheisen- und Stahlherstellung produzierte 2023 Vorleistungswerte von über 80 Milliarden Euro (Destatis). Der Großteil für die Stahlveredelung, aber auch über 22 Milliarden für Metallerzeugnisse, den Automobilbau, Maschinenbau und andere Anwendungen. Zudem ist die Stahlherstellung selbst exportstark. Diese enge lokalisierte Verbundwertschöpfung wird auch künftig ein zentraler Erfolgsfaktor sein, um Effizienzvorteile und Innovationszyklen voranzutreiben. Zugleich birgt dies ein Risiko: Schwächelt eine Branche, wirkt sich das unmittelbar auf die übrigen Industrien im Verbund aus – in Deutschland wie in der EU. Die Gefahr der Abwanderung betrifft damit ganze Wertschöpfungsgewebe.
Transformation im laufenden Betrieb
Mit den weiteren Emissionsminderungen in der Energiewirtschaft wird sich ein größerer Teil der notwendigen Einsparungen im EU-ETS-1 auf die Industrie verlagern. Anders als Kraftwerke können deren kapitalintensive Anlagen jedoch nicht kurzfristig auf veränderte CO₂-Preise reagieren. Sie müssen mit hoher Auslastung betrieben werden, während größere Investitionen meist nur alle zehn bis 20 Jahre im Zuge von Modernisierungen erfolgen. Anders als in der Stromerzeugung, wo erneuerbare Energien seit Jahren wettbewerbsfähig sind, fehlen die klimafreundlichen Alternativen noch. Viele energieintensive Prozesse benötigen Technologien wie Wassertoff oder Abscheidung und Transport von CO₂. Dabei fehlt es aber noch an den infrastrukturellen Grundlagen und einem tragfähigen Geschäftsmodell. Es klafft eine Lücke zwischen Transformationsdruck durch steigende CO₂-Preise und Transformationsfähigkeit durch technische und regulatorische Rahmenbedingungen (Matthes et al., 2026).
Für die kommenden zehn bis 15 Jahre entsteht daraus ein schwieriges Spannungsfeld: Der CO2-Preis muss hoch genug sein, damit sich kapitalintensive Investitionen in klimafreundliche Verfahren lohnen. Gleichzeitig darf er bestehende Anlagen nicht so stark unter Druck setzen, dass diese schließen, bevor eine Umstellung auf klimafreundliche Prozesse möglich ist. Denn die deutsche Industrie transformiert sich im laufenden Betrieb und wird nicht auf der grünen Wiese neugebaut: Die bestehenden Kapazitäten müssen laufen, um die Finanzierung klimafreundlicher neuer Anlagen überhaupt zu ermöglichen. Ansonsten könnten mit dem Standort nicht nur Kapazitäten, sondern auch Infrastruktur, Fachkräfte und wichtige Verbindungen zu Zulieferern und Abnehmern verloren gehen.
Schlüsselbranche Stahl
Die Stahlindustrie steht exemplarisch für die aktuellen Herausforderungen der energieintensiven deutschen Industrie. Rund 605.000 Arbeitsplätze in Deutschland hängen unmittelbar von der Stahlindustrie ab, etwa als Zulieferer oder Kunden. Entlang der gesamten Wertschöpfungskette sind rund 5,5 Millionen Arbeitsplätze mit ihr verbunden (Hönig et al., 2025). Vor der Energiepreiskrise waren in Deutschland sowohl die Primär- als auch die Sekundärstahlproduktion wettbewerbsfähig. Kostennachteile wurden durch eine stärkere Nähe zu Abnehmern, hohe Qualität, Produktspezifizierung für Kunden und die Fähigkeit zur Just-in-Time-Produktion aufgewogen. Das reflektiert auch die Exportposition der deutschen Stahlhersteller. Nun aber steht die Branche unter Druck: 2025 lag die deutsche Rohstahlproduktion das vierte Jahr in Folge deutlich unter der Marke von 40 Millionen Tonnen.
Der Produktionsrückgang hat dabei mehrere Ursachen: Im Inland und auf den Auslandsmärkten belastet vor allem die schwache Nachfrage. Weltweit bestehen darüber hinaus enorme Überkapazitäten, die auf Preise und Margen drücken. Besonders die chinesische Stahlindustrie verfügt über erhebliche staatliche Unterstützung. Die aktuelle wirtschaftliche Lage verschlechtert damit die Voraussetzungen für die anstehende Transformation.
Transformation für Resilienz und Sicherheit
Der Hochlauf klimafreundlicher Stahlerzeugung vollzieht sich langsamer als ursprünglich erwartet, und zwar weltweit. Rund die Hälfte der angekündigten Projekte für grünen Stahl verzögert sich (Reuters, 2026). Auffällig ist, dass Standorte mit auf dem Papier günstigeren Voraussetzungen vor ähnlichen Herausforderungen stehen: Hohe Investitionskosten, unsichere Wasserstoffpreise und fehlende Abnahmeverträge erschweren die Finanzierung neuer Anlagen. Verzögerungen sind ein Zeichen für die schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen der Transformation, nicht für die grundsätzliche Unwirtschaftlichkeit einzelner Standorte. Zudem fehlt es in einigen internationalen Standorten mit potenziell geringen Energiekosten an Grundvoraussetzungen wie politischer Stabilität oder Transportinfrastrukturen.
Für die Bewertung der künftigen Wettbewerbsfähigkeit reicht ein Vergleich der reinen Produktionskosten nicht aus. Unternehmen entscheiden über Standorte auf Basis der Gesamtkosten und Risiken sowie der langfristig erzielbaren Rendite. Produktivität, Qualität, Lieferzuverlässigkeit und die Nähe zu Zulieferern und Abnehmern fließen ebenso in diese Entscheidung ein. Auch auf der Abnehmerseite kann ein günstiger Vormaterialpreis durch längere Lieferketten, höhere Lagerbestände oder längere Reaktionszeiten relativiert werden.
Neben den Kosten spricht auch die zunehmende Bedeutung der Resilienz für die Relevanz einer heimischen Produktion. Dagegen wird eingewandt, eine Verlagerung energieintensiver Produktionsschritte schaffe keine neuen Abhängigkeiten, sondern verschiebe lediglich bestehende: Eisenerz und Kokskohle werden schon heute nahezu vollständig importiert, entscheidend sei allein, die Lieferquellen breit zu streuen (PwC, 2026). Dieser Schluss greift zu kurz, weil Rohstoffabhängigkeit und Abhängigkeit von Produktionskapazitäten nicht dasselbe sind. Für Eisenerz besteht ein liquider Weltmarkt, einzelne Lieferausfälle lassen sich ausgleichen, ohne dass sich am Produkt oder am Prozess etwas ändert. Die Stahlproduktion selbst ist dagegen an konkrete Anlagen und Kapazitäten gebunden, die nicht kurzfristig ersetzt werden können. Für die sicherheitspolitischen Ziele Deutschlands ist das zentral.
Klimafreundliche Vorprodukte wie Eisenschwamm können perspektivisch international gehandelt werden; wann solche Märkte aber in ausreichender Größe und mit verlässlichen Lieferketten entstehen, ist jedoch offen. Hinzu kommt die Frage, ob potenzielle Lieferländer langfristig nur Vorprodukte exportieren oder zunehmend selbst höherwertige Wertschöpfungsstufen übernehmen. Importe von günstigem, klimafreundlichem Wasserstoff, Eisenschwamm oder anderen Vorprodukten können Teil einer wettbewerbsfähigen deutschen Stahlproduktion sein. Entscheidend ist, dass die deutschen Standorte die Möglichkeit erhalten, sich in dieser neuen Wertschöpfungskette zu positionieren.
Transformation politisch flankieren
Deutschland braucht auch zukünftig energieintensive Industrien, die wettbewerbsfähig bleiben und Teil einer klimaneutralen Wertschöpfung werden müssen. Die Reform des EU-ETS-1 ist dabei eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für den Erfolg der Industrietransformation. Zusätzlich ist ein Set begleitender Maßnahmen erforderlich, um die nötigen Investitionen und einen wirtschaftlichen Anlagenbetrieb zu ermöglichen – etwa Leitmärkte für klimafreundliche Produkte, wettbewerbsfähige Energiepreise und eine Absicherung der Übergangsphase, in der konventionelle und klimafreundliche Verfahren parallel betrieben werden. Die für die Transformation zur Verfügung stehenden Mittel, etwa aus dem Klima und Transformationsfonds müssen konsequent für die Industrietransformation genutzt werden. Zudem braucht es einen besseren Marktschutz vor unfairen Wettbewerbsverzerrungen aus dem nicht-EU-Ausland und eine Weiterentwicklung des CBAM.
DOI: 10.67087/19.21466
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