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IW-Report Nr. 28 19. Juni 2026 Jürgen Matthes / Gero Kunath / Samina Sultan Globale Ungleichgewichte – Wo liegen die größten Anpassungslasten?

Die globalen Ungleichgewichte haben in den letzten Jahren zugenommen. Das gilt vor allem für den zuletzt deutlich gestiegenen Leistungsüberschuss Chinas und das höhere Leistungsbilanzdefizit der USA.

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Wo liegen die größten Anpassungslasten? Gefördert vom Auswärtigen Amt
IW-Report Nr. 28 19. Juni 2026 Jürgen Matthes / Gero Kunath / Samina Sultan

Globale Ungleichgewichte – Wo liegen die größten Anpassungslasten?

Gutachten gefördert vom Auswärtigen Amt

Jürgen Matthes / Gero Kunath / Samina Sultan Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Die globalen Ungleichgewichte haben in den letzten Jahren zugenommen. Das gilt vor allem für den zuletzt deutlich gestiegenen Leistungsüberschuss Chinas und das höhere Leistungsbilanzdefizit der USA.

In der EU und im Euroraum ist eher eine Seitwärtsbewegung auf moderat hohem Niveau festzustellen, zuletzt mit sinkender Tendenz. Der lange hohe Leistungsüberschuss Deutschlands hat seit 2020 und am aktuellen Rand auch deutlich abgenommen. Auch bei der Beurteilung der strukturellen und wirtschaftspolitischen Ursachen zeigen sich ähnliche Unterschiede zwischen den betrachteten Ländern, an denen alle jeweiligen Regierungen gemeinsam ansetzen müssen, um die gestiegenen globalen Ungleichgewichte zu mindern:

  • EU und Euroraum bewegen sich in den letzten Jahren in die richtige Richtung mit Blick auf die Hauptursache des Leistungsbilanzüberschusses, die in einer zuvor mangelnden Investitionstätigkeit liegt. Das gilt etwa für den Corona-Aufbaufonds, der vor allem gemeinschaftlich finanzierte Investitionen in die digitale und grüne Transformation fördert. Private Investitionen werden stärker angereizt durch aktuell laufende Bürokratiereformen der EU sowie eine ernsthafte Initiative wichtiger Mitgliedstaaten für eine Spar- und Investitionsunion. Hier kommt es auf eine konsequente Umsetzung dieser Vorhaben an. Auch der Draghi-Bericht zeigt vielfältige Wege zur Steigerung von privaten und öffentlichen Investitionen vor, denen EU und Mitgliedstaaten freilich noch stärker folgen sollten. 
  • Deutschland hat zwar weiterhin einen relativ hohen Leistungsbilanzüberschuss. Doch sowohl dessen merklich sinkende Tendenz als auch die deutliche Steigerung der staatlichen Investitionen weisen klar in die richtige Richtung, wobei auf eine effektive Umsetzung zu achten ist. Zudem sollte die Bundesregierung die begonnenen Reformen für eine Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und für mehr private Investitionsanreize noch verstärken. 
  • In den USA ist der Handlungsbedarf dagegen anhaltend hoch. Es geht vor allem um die Reduzierung des Staatsdefizits, etwa durch eine Stärkung der Staatseinnahmen, da hier die wesentliche Ursache des hohen Leistungsbilanzdefizits liegt. Importzölle sind dagegen keine geeignete Maßnahme zur nachhaltigen Minderung des Leistungsbilanzdefizits. Aufgrund der deutlich höheren Nettoauslandsverschuldung kommen sogar erste Sorgen vor einer potenziellen Finanzkrise auf, da die Finanzierungsstruktur der Auslandsschuld fragiler geworden ist und die erratische Politik der US-Administration für Verunsicherung sorgt. 
  • In China ist der Handlungsbedarf am größten, vor allem weil der Leistungsbilanzüberschuss zuletzt deutlich gestiegen ist und weil die Politik den weiter gestiegenen großen Reformanforderungen bislang, wenn überhaupt, nur in zaghaften Ansätzen nachkommt. Zudem ist das Ausmaß des nötigen Rebalancing in China immens, vielfältig und systemisch. 


Das Währungsmanagement der chinesischen Zentralbank spielt ebenfalls eine relevante und teils noch unterschätzte Rolle für den hohen und weiter steigenden Leistungsbilanzüberschuss Chinas. Denn Chinas Währung gilt als deutlich unterbewertet, was Exporte fördert, Importe und Konsum dagegen mindert. Das Ausmaß der Unterbewertung wird auf zwischen 20 und 30 Prozent geschätzt, was einen Aufwertungsbedarf von 25 bis 43 Prozent impliziert. Doch die Gründe dafür werden oft nicht ausreichend klar benannt. Die wesentliche Ursache für die Unterbewertung des Yuan ist weniger seine moderate nominale Abwertung gegenüber dem Euro im Jahr 2025, sondern vor allem die mangelnde Reaktion des Yuan auf sehr stark gestiegene Preisdivergenzen seit 2020. In den Jahren 2021 und 2022 stiegen die industriellen Erzeugerpreise in Europa und den USA infolge von Lieferkettenengpässen während der Coronakrise stark an; in der EU zusätzlich auch aufgrund der Energiekrise, was in China deutlich weniger der Fall war. Dieser weitgehend exogene Kostenschock hat industrielle Produkte aus dem Euroraum im Vergleich zu chinesischen Industriewaren im Zeitraum zwischen Januar 2020 und Januar 2025 um über 40 Prozent verteuert. Das ist ein in der Wirtschaftshistorie ungewöhnlich großes Ausmaß. Parallel zu dieser massiven Verschlechterung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit europäischer Produkte hat das Handelsbilanzdefizit gegenüber China erwartungsgemäß stark zugenommen und es kam vor allem für die Exportnation Deutschland zu erheblichen Anteilsverlusten gegenüber China auf dem Weltmarkt.

In Reaktion auf die immensen Preisdivergenzen und den steigenden chinesischen Leistungsbilanzüberschuss hätte der Yuan deutlich aufwerten müssen, wenn sich der Wechselkurs am Markt frei und flexibel bilden könnte. Das ist jedoch nicht der Fall, weil die chinesische Zentralbank den Wechselkurs steuert, indem sie den Yuan eng am US-Dollar orientiert. Damit hat China die normale Anpassungsfunktion des Wechselkurses an Ungleichgewichte bei Kosten und Zahlungsbilanz weitgehend ausgeschaltet und sich anhaltende Kostenvorteile gesichert, mit denen chinesische Exporte überall auf der Welt unfaire Preisvorteile gegenüber europäischen Produkten genießen. Preisnachteile von rund 40 Prozent lassen sich mit betriebswirtschaftlichen Effizienzmaßnahmen und wirtschaftspolitischen Reformen hierzulande nur geringfügig mindern. Durch die gestiegenen Defizite im Handel mit China sowie vor allem durch die Anteilsverluste auf den globalen Exportmärkten trägt der zu erheblichen Teilen unfaire Konkurrenzdruck Chinas damit maßgeblich zur De-Industrialisierung in Europa und Deutschland bei.

Vor diesem Hintergrund wurde die Wirkung einer substanziellen Aufwertung des Yuan gegenüber seinen Handelspartnern mit dem makroökonometrischen Global Economic Model von Oxford Economics simuliert. Wie bei jeder Modellschätzung sind die Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren, bieten jedoch eine grobe Orientierung. In Reaktion auf eine Yuan-Aufwertung von 43 Prozent kommt es in China zu einem Rebalancing: Der Handelsbilanzüberschuss sinkt, während der private Konsum zunimmt, vor allem weil Importpreise und Zinsen in der Simulation sinken. Nach einem kurzen Einbruch der realen Wirtschaftsleistung im ersten Jahr kommt es zu einem Rebound, sodass der Rückgang des realen BIP-Niveaus im Jahr 2028 gegenüber dem Basisszenario nur noch auf rund 0,2 Prozent geschätzt wird. Diese leichte Einbuße lässt sich durch fiskalische Maßnahmen Chinas wie Konsumgutscheine oder Einkommen- beziehungsweise Verbrauchsteuersenkungen weiter vermindern. Demgegenüber nimmt das reale BIP-Niveau im Euroraum, Deutschland, Frankreich und den USA im Jahr 2028 gemäß der Simulation einer 43-prozentigen Aufwertung jeweils zwischen 0,2 bis 0,3 Prozent gegenüber dem Basisszenario zu. Kumuliert über die Jahre 2026 bis 2028 ergibt sich daraus für Deutschland eine höhere reale Wirtschaftsleistung von schätzungsweise gut 40 Milliarden Euro in Preisen von 2025.

Die EU und Deutschland sollten daher versuchen, auf China einzuwirken, damit es die nötigen Reformen für ein Rebalancing vornimmt. Dazu gehört neben einer deutlichen Währungsaufwertung auch eine Verminderung der industriepolitischen Subventionen und deren Umschichtung hin zu einer stärkeren Förderung des privaten Konsums, etwa durch Steuersenkungen und einen Ausbau des Sozialsystems, um die Anreize der privaten Haushalte zum Vorsichtssparen zu mindern. Wenn China darauf nicht mit ausreichender Konsequenz reagiert, sollte die EU Ausgleichszölle erheben, die sich nur gegen ausreichend nachgewiesene chinesische Wettbewerbsverzerrungen durch Subventionen und die Yuan-Unterbewertung richten, sofern Importe aus China die Produktion in Europa bedrohen. Mit fairen Wettbewerbsvorteilen Chinas muss die europäische Wirtschaft zurechtkommen; dabei sollte die heimische Politik durch die oben genannten Reformen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit unterstützen. Richtig kalibrierte Ausgleichszölle sind kein Protektionismus, sondern sollen lediglich wieder faire Wettbewerbsbedingungen herstellen, also ein Level-Playing Field. Damit sind sie im Sinne einer globalen Ordnungs- und Wettbewerbspolitik ein Ersatzinstrument für eine nicht existente starke globale Wettbewerbsbehörde.

DOI: 10.67087/12.21268

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