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IW-Kurzbericht Nr. 73 19. Oktober 2026 Judith Niehues / Maximilian Stockhausen Soziodemografie: Wer steht wo in der Einkommensverteilung?

Der Median der bedarfsgewichteten Haushaltsnettoeinkommen in Deutschland lag im Jahr 2024 bei 2.419 Euro im Monat.

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IW-Kurzbericht 73/2026
IW-Kurzbericht Nr. 73 19. Oktober 2026 Judith Niehues / Maximilian Stockhausen

Soziodemografie: Wer steht wo in der Einkommensverteilung?

Judith Niehues / Maximilian Stockhausen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Der Median der bedarfsgewichteten Haushaltsnettoeinkommen in Deutschland lag im Jahr 2024 bei 2.419 Euro im Monat.

Gemäß IW-Abgrenzung zählte ein Alleinlebender demnach mit einem monatlichen Einkommen zwischen 1.940 Euro und 3.630 Euro zur Mittelschicht im engen Sinn, ab einem Einkommen von mehr als 6.050 Euro zur Gruppe der relativ Einkommensreichen, und damit zu den einkommensreichsten vier Prozent der Bevölkerung. Wie wahrscheinlich sich eine Person zum unteren oder oberen Einkommensbereich sortiert, hängt besonders von ihrer Bildung, Haushaltszusammensetzung und Erwerbstätigkeit ab.

Die Einkommensverteilung wird in Deutschland emotional und kontrovers diskutiert. Dabei weicht die subjektive Wahrnehmung häufig von der statistisch gemessenen Verteilung ab. So ordnen sich typischerweise die meisten Menschen selbst der Mitte zu, während sich nur wenige an den Rändern verorten (Busemeyer et al., 2023). Ein möglicher Grund ist, dass sie sich vor allem mit Personen vergleichen, die ihnen hinsichtlich ihrer sozioökonomischen Merkmale ähneln. Eine mittlere Position in der eigenen Referenzgruppe kann dann bereits eine hohe Position in der Einkommensverteilung insgesamt bedeuten.

Wo sich eine Person in der Einkommensverteilung befindet, lässt sich mit dem IW-Einkommensrechner (2026) ermitteln. Datengrundlage sind die Mikrodaten der Statistik der Europäischen Union über Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC), welche die Verteilung der bedarfsgewichteten Haushaltsnettoeinkommen im Einkommensjahr 2024 abbilden. Der Rechner berücksichtigt häufig vorkommende soziodemografische Gruppen. Kombinationen mehrerer Merkmale werden betrachtet, sofern ausreichend große Fallzahlen für eine belastbare statistische Auswertung vorliegen.

Besonders hervorzuhebende Einkommensunterschiede ergeben sich nach dem Bildungshintergrund, was angesichts der schwachen PISA-Ergebnisse für Deutschland auch aus verteilungspolitischer Sicht aufhorchen lässt. Denn Bildung ist ein wesentlicher Faktor für Einkommenschancen und sozialen Aufstieg. Im Jahr 2024 verfügten Personen mit Hochschulabschluss über ein mittleres bedarfsgewichtetes Haushaltsnettoeinkommen von 3.140 Euro im Monat. Mit diesem Einkommen zählte man bereits zum oberen Drittel der Einkommensverteilung der Gesamtbevölkerung. In der oberen Mittelschicht verfügten über die Hälfte über einen Hochschulabschluss, unter den relativen Einkommensreichen sogar mehr als zwei Drittel. Ihre Armutsgefährdungsquote lag mit 9,2 Prozent deutlich unter dem Wert der Gesamtbevölkerung von 16,2 Prozent. Als armutsgefährdet gilt eine Person, wenn sie über weniger als 60 Prozent des mittleren bedarfsgewichteten Haushaltsnettoeinkommens verfügt. 2024 lag die Schwelle bei rund 1.450 Euro für einen Single. Auch mit Abitur oder Fachabitur war das Armutsrisiko mit 15,4 Prozent leicht unterdurchschnittlich.

Zur Einordnung: Im EU-SILC hatten 42 Prozent der Bevölkerung Abitur oder Fachabitur als höchsten Abschluss, weitere 25 Prozent einen Hochschulabschluss. Dagegen wiesen die 17 Prozent mit höchstens mittlerer Reife eine deutlich erhöhte Armutsgefährdungsquote von 29,3 Prozent auf (Rest: noch in Ausbildung oder keine Angabe). Die beobachteten Einkommensunterschiede sind allerdings nicht allein auf den Bildungsabschluss zurückzuführen. Neben anderen Merkmalen stellen die Haushaltsstruktur und die Erwerbssituation für sich genommen wichtige Einflussfaktoren der Einkommenshöhe dar.

Alleinlebende weisen in unterschiedlichen Lebenslagen ein erhöhtes Armutsrisiko auf. Das mittlere bedarfsgewichtete Haushaltsnettoeinkommen von Single-Haushalten lag bei 1.950 Euro und damit deutlich unter dem Median der Gesamtbevölkerung. Ein Single mit diesem Einkommen befindet sich innerhalb seiner Vergleichsgruppe genau in der Mitte, in der Gesamtverteilung jedoch nur knapp oberhalb des unteren Drittels. Die Armutsgefährdungsquote von Single-Haushalten betrug entsprechend knapp 31 Prozent.

Paare ohne im Haushalt lebende Kinder erreichen dagegen häufiger den oberen Einkommensbereich. Dabei spielen Einspareffekte des gemeinsamen Wirtschaftens eine wichtige Rolle. Nach der verwendeten Bedarfsgewichtung benötigt ein Paar nur das 1,5-Fache des Einkommens eines Singles, um einen vergleichbaren Lebensstandard zu erreichen. Viele Ausgaben, etwa für Wohnzimmer, Küche oder Haushaltsgeräte, fallen nicht doppelt an. Das mittlere bedarfsgewichtete Einkommen dieser Paare betrug 2.667 Euro. Dies entspricht einem gemeinsamen Haushaltsnettoeinkommen von 4.000 Euro beziehungsweise 2.000 Euro je Haushaltsmitglied – und lag damit nur geringfügig oberhalb des Medianeinkommens eines Singlehaushalts von 1.950 Euro. Unter Berücksichtigung der Einspareffekte lag der Lebensstandard von Paaren jedoch rund 37 Prozent höher. Dies zeigt: Ein ähnliches Pro-Kopf-Einkommen kann je nach Haushaltszusammensetzung einen deutlich unterschiedlichen Lebensstandard ermöglichen.

Besonders günstig stellt sich die Einkommensposition von Paaren ohne im Haushalt lebende Kinder dar, wenn beide Partner erwerbstätig sind. Ihr bedarfsgewichtetes Medianeinkommen lag bei 3.558 Euro. Beinahe die Hälfte dieser Gruppe gehörte mindestens zur oberen Mittelschicht, knapp 12 Prozent der Doppelverdienerpaare ohne Kinder im Haushalt erzielten ein gemeinsames Haushaltsnettoeinkommen von mindestens 9.070 Euro – was bedarfsgewichtet je Äquivalenzperson der Schwelle von rund 6.050 Euro im Monat entspricht – und gehörten damit zur Gruppe der relativ Einkommensreichen. Ihr Anteil unter den obersten 4 Prozent der Einkommensverteilung war damit beinahe dreimal so hoch wie im Durchschnitt der Bevölkerung.

Auch bei anderen Haushaltstypen ist die Erwerbstätigkeit entscheidend. Werden ausschließlich erwerbstätige Singles betrachtet, liegt ihr Medianeinkommen nahe am Wert der Gesamtbevölkerung. Ihre Armutsgefährdungsquote fiel mit 13,9 Prozent unterdurchschnittlich aus. Bei Alleinerziehenden zeigt sich ebenfalls ein Zusammenhang mit der Erwerbstätigkeit: Insgesamt betrug ihre Armutsgefährdungsquote im untersuchten EU-SILC 26,5 Prozent. Unter den erwerbstätigen Alleinerziehenden, die rund zwei Drittel dieser Gruppe ausmachten, lag sie bei 15,6 Prozent und damit leicht unter dem Wert der Gesamtbevölkerung.

Auch das Alter stellt einen bedeutenden Faktor für die Einkommenshöhe dar. So fällt das durchschnittliche und mittlere Einkommen sowohl in jungen als auch älteren Jahrgängen geringer aus als in den mittleren, die entsprechend häufiger in oberen Einkommensbereichen anzutreffen sind. Über vier Fünftel der Gruppe der relativ Einkommensreichen waren zwischen 25 bis 64 Jahre alt, während der Bevölkerungsanteil dieser Altersgruppen bei 54 Prozent lag. Dieses Muster lässt sich vor allem durch den typischen Einkommensverlauf über den Lebenszyklus erklären. Während junge Heranwachsende ihre Ausbildung noch nicht abgeschlossen haben oder sich im Job erst noch etablieren müssen, befinden sich ältere Menschen bereits im Ruhestand, in dem das Einkommen typischerweise niedriger ausfällt als während der Erwerbsphase. Ältere Haushalte können jedoch oftmals auf höhere Vermögenswerte zurückgreifen als jüngere, die sie für die Altersvorsorge gebildet haben und durch deren Auflösung sie in vielen Fällen niedrige Einkommen kompensieren und ihr materielles Armutsrisiko senken können (Pimpertz/Stockhausen, 2026).

Bei Haushalten im Ruhestand kommt es zudem besonders auf die Haushaltszusammensetzung an. In Paarhaushalten, in denen mindestens eine Person bereits verrentet ist, lag die Armutsgefährdungsquote bei rund 14 Prozent und damit unter dem Durchschnitt. Unter alleinlebenden Rentnern betrug sie dagegen rund 30 Prozent. Sie entsprach damit etwa dem erhöhten Armutsrisiko von Singlehaushalten insgesamt.

Größere Einkommensunterschiede zeigen sich auch zwischen Mietern und Wohneigentümern. Rund 53 Prozent der Bevölkerung in Privathaushalten lebten 2024 hierzulande in einem Mietverhältnis, womit Deutschland als Mieternation gilt. Während das mittlere bedarfsgewichtete Haushaltsnettoeinkommen unter Mietern bei 2.083 Euro im Monat lag, erreichten Wohneigentümer einen Wert von 2.800 Euro. Wenig überraschend sind Personen in Eigentum im oberen Bereich der Verteilung überrepräsentiert: Über 70 Prozent der Gruppe der relativ Einkommensreichen lebten im Eigentum. Die bessere finanzielle Ausstattung der Wohneigentümer führt zudem zu einem deutlich unterdurchschnittlichen Armutsrisiko, welches in dieser Gruppe bei lediglich 7,5 Prozent lag.

Nicht zuletzt lassen sich auch regionale Unterschiede in der Einkommenshöhe beobachten. So lag das mittlere bedarfsgewichtete Haushaltsnettoeinkommen im Osten mit 2.274 Euro im Monat knapp 200 Euro unterhalb des Niveaus im Westen (2.482 Euro). Regionale Preisunterschiede werden bei der Betrachtung nicht berücksichtigt. Kaufkraftvergleiche würden die Unterschiede zwischen den Regionen verringern.  

Die dargestellten Einkommensunterschiede zeichnen insgesamt ein heterogenes Bild der materiellen Lebensbedingungen in Deutschland und spiegeln vielfältige Lebensentwürfe wider. Sie unterstreichen zudem die Bedeutung von Bildung und Erwerbstätigkeit zur Vermeidung von Armutsrisiken. Ebenso zeigt sich, dass die gegenseitige Absicherung in Paarhaushalten zu einer besseren materiellen Lage beiträgt.

Methodisches

Das monatliche Haushaltsnettoeinkommen umfasst die Bruttoeinkommen aller Haushaltsmitglieder abzüglich der Sozialversicherungsbeiträge und direkter Steuern wie der Einkommensteuer. Zum Einkommen zählen Löhne, Einkommen aus selbstständiger Arbeit, Zinsen, Mieteinnahmen, Renten und staatliche Transferleistungen wie beispielsweise Arbeitslosen- und Kindergeld.  Einkommensvorteile aus selbstgenutztem Wohneigentum bleiben unberücksichtigt, da notwendige Informationen zur Schätzung unterstellter Mieten im EU-SILC 2025 nicht erhoben wurden.

Die Bedarfsgewichtung berücksichtigt, dass Kinder einen geringeren Bedarf haben und Zusammenleben Kosten spart. Dazu wird das Haushaltsnettoeinkommen durch die bedarfsgewichtete Personenzahl geteilt: Der erste Erwachsene erhält den Faktor 1, weitere Personen ab 14 Jahren den Faktor 0,5 und Kinder unter 14 Jahren den Faktor 0,3 (modifizierte OECD-Skala).

Die IW-Einkommensschichten wurden ausgehend von einer soziokulturell definierten Mitte und den Einkommenslagen mittelschichtstypischer Haushalte abgeleitet (Niehues/Stockhausen, 2022). Sie umfassen „relativ Arme“ (unter 60 Prozent), die „untere Mitte“ (60 bis unter 80 Prozent), die „Mitte im engeren Sinne“ (80 bis unter 150 Prozent), die „obere Mitte“ (150 bis 250 Prozent) und „relativ Reiche“ (mehr als 250 Prozent des bedarfsgewichteten Medianeinkommens).
 

Inhaltselement mit der ID 15714

DOI: 10.67087/19.21599

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IW-Kurzbericht Nr. 73 19. Oktober 2026 Judith Niehues / Maximilian Stockhausen

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