Deutschland im Vorleistungsschock

Die Corona-Epidemie belastet die deutsche Wirtschaft. Zum einen kommt es infolge der Krise in China, der globalen Ausbreitung des Corona-Virus und der deutlich nachlassenden Weltwirtschaft zu Nachfrageausfällen. Die Absage von Veranstaltungen in Deutschland verstärkt dies. Zum anderen beeinträchtigen fehlende Mitarbeiter und ausbleibende Vorleistungen die Produktionsprozesse von Industrie- und Dienstleistungsunternehmen (Grömling, 2020). Fehlende Zulieferungen werfen die Frage nach der Tragfähigkeit internationaler Wertschöpfungsketten auf. Im Fokus stehen die in hohem Maß arbeitsteilig aufgestellten Produktionsprozesse der Industrie. Es stellt sich die Frage, wie arbeitsteilig die deutsche Industrie überhaupt ist.

Determinanten der Arbeitsteilung

Industrieunternehmen bieten Kompaktgüter aus Waren und produktbegleitenden Dienstleistungen an. Wettbewerbsvorteile gegenüber in- und ausländischen Konkurrenten entstehen gerade durch diese Dienste – etwa die gemeinsame Forschung und Entwicklung von Kunde und Hersteller. Die Verbraucher in komplexen Gesellschaften fordern mit wachsendem Wohlstand differenzierte Produkte und eine höhere Serviceorientierung. Auch die Veränderungen der Produktionsweise in den Unternehmen und der organisatorische Wandel machen den Produktionsprozess dienstleistungsintensiver.

Dieser Trend hin zu Kompaktgütern bedeutet nicht, dass Industriefirmen die einzelnen Komponenten selbst erstellen. Denn neben der Strategie einer Ausweitung des betrieblichen Leistungsangebots ist zu beobachten, dass sich Industrieunternehmen auf der Produktions­ebene auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und bestimmte Leistungen an Spezialunternehmen auslagern. Es gibt eine Vielzahl von Gründen für einen höheren Fremd­bezug von Produktkomponenten im In- und Ausland: Verfügbarkeit von Wissen, Qualitätsdifferenzen, Kostenunterschiede, Fixkostenflexibilisierung, Risikostreuung und Kapa­zitätsengpässe beeinflussen die „make-or-buy“-Entscheidung von Unternehmen.

Ausmaß der industriellen Arbeitsteilung

Arbeitsteilung kann anhand von Vorleistungsquoten gemessen werden (Grömling, 2010). Der Produktionswert eines Unternehmens oder eines Wirtschaftsbereichs setzt sich aus den eigenen Leistungen (Bruttowertschöpfung) und den Vorleistungen aus anderen Unternehmen zusammen. Ein steigender Anteil von Vorleistungen am Produktionswert kann als eine intensivere Arbeitsteilung interpretiert werden. Auf Basis nominaler Werte hatten zuletzt die Vorleistungen aus anderen Industrie- und Dienstleistungsunternehmen ein Gewicht von knapp zwei Drittel des Produktionswerts der deutschen Industrie. Nur ein Drittel der Industrieproduktion stammte 2019 aus eigener Wertschöpfung.

Eine Messung des Outsourcings auf Basis nominaler Produktions- und Vorleistungswerte kann allerdings eine eingeschränkte Aussagekraft haben (Grömling, 2010). Das ist der Fall, wenn sich die Preise für Vorleistungen und die eigene Wertschöpfung unterschiedlich ent­wickeln. So können einerseits die Preise für Vorleistungen infolge der Spezialisierung des Zulieferers niedriger sein als bei Eigenfertigung. Andererseits können stark ansteigende Rohstoffpreise die Vorleistungen verteuern. Solche Preiseffekte können das realwirtschaf­tliche Ausmaß der Vorleistungsverflechtung verzerrt wiedergeben. Die Abbildung veranschaulicht diese Effekte für die deutsche Industrie im Zeitraum 1991 bis 2019:

  • Zunächst zeigte sich in den 1990er Jahren, dass die industrielle Vorleistungsintensivierung sich auf Basis von preisbereinigten Werten – und damit die gütermäßige Arbeitsteilung – stärker erhöhte als auf Basis nominaler Werte. Die Vorleistungspreise stiegen weniger stark als die Preise für die eigene Bruttowertschöpfung und dies dämpfte die anhand von nominalen Werten gemessene Arbeitsteilung.
  • Seit dem Ende der 1990er Jahre war keine Veränderung der Vorleistungsquote auf Basis preisbereinigter Werte zu beobachten. Gemäß nominaler Werte stieg die Vorleistungsquote dagegen bis zum Jahr 2008 auf knapp 70 Prozent weiter an. Dies war in erster Linie das Ergebnis stark angestiegener Rohstoffpreise.
  • Der Anstieg der realen Vorleistungsquote während der Finanzmarktkrise 2009 erklärt sich daraus, dass die Industrieunternehmen kurzfristig – unter Anwendung von Kurzarbeit – die eigene Wertschöpfung stärker anpassten als die der Zulieferungen.
  • Die reale Vorleistungsquote geht seit der globalen Finanzmarktkrise tendenziell sogar zurück. Dieses rückläufige Outsourcing zeigt sich auch anhand der nominalen Quote, wobei sich hier auch der zeitweise starke Rückgang der Rohstoffpreise niederschlägt.