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In der öffentlichen und politischen Debatte spielen Einkommensverteilung und Ungleichheit eine wichtige Rolle. Auch Ökonomen tragen hierzu immer wieder maßgeblich bei (Haucap et al., 2015). Obwohl Schichtanalysen – unabhängig von der jeweiligen Abgrenzung – immer wieder darauf hinweisen, dass die Mittelschicht die größte Bevölkerungsgruppe in Deutschland stellt, verorten mehr als die Hälfte der Bundesbürger die meisten Menschen hierzulande im unteren Bereich der Gesellschaft. Zudem werden die Einkommensunterschiede als zu groß und wachsend wahrgenommen, auch wenn sich in den letzten zehn Jahren an der Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland wenig verändert hat und die Ungleichheit im Vergleich zu anderen Industrienationen unterdurchschnittlich ausfällt. So zeichnen sich beispielsweise die USA durch eine im Vergleich zu Deutschland stark polarisierte Einkommensverteilung aus – dort stellt die Mittelschicht keineswegs eindeutig die größte Bevölkerungsgruppe. Trotzdem glauben mehr US-Amerikaner als Deutsche in einer Mittelschichtsgesellschaft zu leben. Insgesamt besteht über Ländergrenzen hinweg kein Zusammenhang zwischen wahrgenommener Ungleichheit und tatsächlicher Einkommensungleichheit, und zur Ungleichheit der Vermögensverteilung zeigt sich sogar ein entgegengesetzter Zusammenhang (Niehues, 2016). Da die politischen Präferenzen der Wähler eher durch subjektive Einschätzungen als durch tatsächliche Entwicklungen geprägt werden (Gimpelson/Treisman, 2015), ist das Auseinanderdriften von wahrgenommener und tatsächlicher Entwicklung von besonderer Bedeutung, insbesondere für die Wirtschafts- und Sozialpolitik.

Auffällig ist das gestiegene Interesse der deutschen Medien an mit dem Thema Ungleichheit verwandten Inhalten. Nahmen diese vom Jahr 2001 bis zum Jahr 2012 noch durchschnittlich 0,45 Prozent aller Medienberichte ein, machten sie ab dem Jahr 2013 im Durchschnitt ganze 0,8 Prozent aus. Insgesamt verdreifachte sich zwischen 2001 und 2015 der Anteil an Berichten zum Thema Ungleichheit (siehe Abbildung). Bemerkenswert ist vor allem, dass auch ab 2005 der Anteil der Berichterstattung zum Thema Ungleichheit nahezu kontinuierlich ansteigt, auch wenn sich weder die Ungleichheit vor noch nach staatlicher Umverteilung durch Steuern und Sozialtransfers verändert hat. Da „soziale Gerechtigkeit“ im aktuellen Bundestagswahlkampf ebenfalls ein zentrales Thema ist, dürfte die mediale Bedeutung ungleichheitsnaher Themen aktuell eher noch weiter zunehmen.

Durch Kombination tagesgenauer Mediendaten zur Ungleichheitsberichterstattung mit den Datumsangaben und Antworten von 303.100 Interviews von 30.700 Personen im Zeitraum von 2001 bis 2015 des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) untersuchen Wissenschaftler des IW Köln und EcoAustria den Zusammenhang zwischen Medienberichterstattung und subjektiven Sorgen und Einstellungen der Bevölkerung (Diermeier et al., 2017). Die Forscher werten hierfür aus, wie sich eine vermehrte Berichterstattung in deutschen Leitmedien sowohl auf die Sorgen über die generelle wirtschaftliche Lage als auch auf die Zufriedenheit mit der Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit in Deutschland auswirken.

Für die Analyse des Einflusses der Berichterstattung zum Thema Ungleichheit im weiteren Sinne wurden neben Themenbereichen wie „Armut“, „soziale Schere“ und „Gerechtigkeit“ auch Themen wie „soziale Versorgung“ und „Sozialleistungen“, „private Verschuldung“ sowie die „soziale Lage“ bestimmter Bevölkerungsgruppen beleuchtet – und zwar unabhängig davon, ob über Geschehnisse im In- oder Ausland berichtet wird. Sämtliche Medienberichte der Jahre 2001 bis 2016 aus den TV-Nachrichten ARD Tagesschau, ARD Tagesthemen, ZDF heute und ZDF heutejournal, den wöchentlich erscheinenden Magazinen Focus und Spiegel sowie der Bild-Zeitung wurden vom schweizerischen Medienanalyse-Institut Media Tenor codiert und den jeweiligen Themen zugewiesen. 3.867 der insgesamt 644.443 Medienberichte befassen sich mit dem Thema Ungleichheit im weiteren Sinne.

Die Regressionsanalysen der Wissenschaftler des IW Köln und EcoAustria auf Basis der über 640.000 Medienberichte und über 300.000 Interviews zeigen, dass sich eine stärkere Berichterstattung ab einem Zeitraum von drei aufeinanderfolgenden Tagen vor dem jeweiligen Interview signifikant negativ auf die Sorgen der Befragten ausübt. Liegt der Anteil der Berichterstattung zur Ungleichheit an der gesamten Berichterstattung einer Woche um einen Prozentpunkt höher, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit um rund 4 Prozent, dass ein Befragter angibt, sich Sorgen um die wirtschaftliche Lage zu machen. Ebenfalls sind die Befragten weniger zufrieden mit der Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit, wenn im Zeitraum vor ihrem Interview intensiver über Ungleichheit berichtet wird. Steigt der Anteil der wöchentlichen Berichterstattung über Ungleichheit im weiteren Sinne um einen Prozentpunkt, so verschiebt sich die Bewertung der Befragten auf einer 10-Punkte-Skala um 0,11 Punkte hin zu weniger Zufriedenheit mit der sozialen Gerechtigkeit. Erhöht sich wiederum der Anteil der Berichterstattung zu Ungleichheitsthemen im engeren Sinne (zum Beispiel Armut, soziale Schere und Gerechtigkeit) und werden nur Berichte über Geschehnisse im Inland berücksichtigt, dann ist der Einfluss auf die (Un-)Zufriedenheit beinahe doppelt so groß.

Die Analysen zeigen zudem, dass die Berichterstattung zum Thema Ungleichheit nach Überschreiten eines Schwellenwertes von 0,75 Prozent einen signifikanten Einfluss auf die Sorgen und Zufriedenheit der Bevölkerung hat. Prüft man testweise mit der Methode sogenannter Placebo-Regressionen den Einfluss der Ungleichheitsberichterstattung auf Umwelt- oder Gesundheitssorgen, zeigt sich hingegen kein signifikanter Einfluss. Dies bestärkt den identifizierten Wirkungszusammenhang.

Zur Einordnung der Effekte ist es sinnvoll, die Entwicklung der Sorgen im Zeitablauf zu betrachten. Innerhalb des letzten Jahrzehnts haben die Sorgen der Menschen um die allgemeine wirtschaftliche Lage zwischen 2005 und 2015 deutlich abgenommen. Waren es 2005 noch 54 Prozent der Befragten, die angaben, sich große Sorgen zu machen, so waren es 2015 nur noch 16 Prozent. Es kann demnach gezeigt werden, dass Ausschläge der Berichterstattung zum Thema Ungleichheit kurzfristig durchaus einen signifikanten Effekt auf die individuellen Sorgen der Befragten haben können, der grundsätzliche Trend der subjektiven Wahrnehmung allerdings durch andere Faktoren bestimmt wird – wie insbesondere durch die gute Entwicklung am Arbeitsmarkt.

IW-Kurzbericht

Matthias Diermeier / Henry Goecke / Judith Niehues / Tobias Thomas: Verzerrte Wahrnehmung: Wie Berichte über Ungleichheit verunsichern

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