Das früher alles besser war, ist eine sehr nostalgisch geprägte Sichtweise, die zumindest nicht in allen Bereichen einer Überprüfung standhält. Besonders augenfällig ist dies bei der Entwicklung der Kaufkraft. Denn heute kann man sich von dem Nettolohn einer Stunde Arbeit deutlich mehr leisten als früher. Zwar sind heute die Preise für die Lebenshaltung im Durchschnitt 4,3-mal so hoch wie 1960. Gleichzeitig sind aber die Nettoverdienste je geleisteter Stunde auf den 14-fachen Wert von 1960 gestiegen. Die Kaufkraft hat sich somit verdreifacht. Oder anders ausgedrückt: Der Warenkorb, für den man 1960 noch eine Stunde arbeiten musste, ist heute bereits nach 19 Minuten verdient.

Diese recht abstrakte Rechnung lässt jedoch außer Acht, dass sich die Preise für einzelne Produkte oder Warengruppen höchst unterschiedlich entwickelt haben. Besonders stark ist die Kaufkraft dort gestiegen, wo der technische Fortschritt einen großen Einfluss hat. Dies zeigt sich am Beispiel Fernseher: Musste man 1960 für einen einfachen Schwarz-Weiß-Fernseher noch mehr als 339 Stunden arbeiten, bekommt man heute für den Einsatz von gut 24 Nettostundenverdiensten einen Smart-TV mit hochauflösendem 40-Zoll-Bildschirm. Der Preis für den Flachbildfernseher liegt heute mit knapp 440 Euro etwa so hoch wie damals für das Röhrengerät.

Gerade bei den persönlichen Dienstleistungen ist die Produktivität dagegen kaum gestiegen. Da dort aber die Verdienste ebenfalls gestiegen sind, hat sich die Kaufkraft kaum erhöht oder ist im Einzelfall sogar gesunken. So muss für ein Zeitungsabo heute länger gearbeitet werden als 1960. Hier spielt nicht nur eine Rolle, dass die Journalisten ihre Denkgeschwindigkeit nicht beliebig steigern können, sondern auch der Druck im Anzeigengeschäft wirkt sich aus. Anders als früher gibt es die Fotos dafür heute in Farbe. Für einen Herren-Haarschnitt in einem einfachen Friseurgeschäft musste 1960 noch 42 Minuten gearbeitet werden. Heute ist es mit 1:16 Stunden sogar gut eine halbe Stunde mehr. Allerdings gilt die Einschränkung „einfaches Friseurgeschäft“ nicht mehr und die Haare werden vor dem Schneiden auch gewaschen. Der Wohlstandszuwachs zeigt sich auch in solchen Details.