Die verlängerte Bezugsdauer von Arbeitslosengeld für Ältere führt zu einer längeren Dauer der Arbeitslosigkeit. Eine Vereinheitlichung auf 12 Monate ist gerecht, könnte den Haushalt der Bundesagentur für Arbeit um über 2 Milliarden Euro entlasten und schafft einen Anreiz, bis zur Regelaltersgrenze am Arbeitsmarkt aktiv zu bleiben.
Arbeitslosenversicherung: Einheitliche Bezugsdauer spart Milliarden
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Die verlängerte Bezugsdauer von Arbeitslosengeld für Ältere führt zu einer längeren Dauer der Arbeitslosigkeit. Eine Vereinheitlichung auf 12 Monate ist gerecht, könnte den Haushalt der Bundesagentur für Arbeit um über 2 Milliarden Euro entlasten und schafft einen Anreiz, bis zur Regelaltersgrenze am Arbeitsmarkt aktiv zu bleiben.
Wirkung des Arbeitslosengeldes
Wer länger Arbeitslosengeld bezieht, lässt sich bei der Arbeitsuche mehr Zeit. Dementsprechend verlängert sich die Dauer der Arbeitslosigkeit. Denn die Arbeitsuchenden bewerten den Wert einer angebotenen Arbeit einerseits anhand der Wahrscheinlichkeit, eine noch besser entlohnte Beschäftigung zu finden und andererseits anhand des Einkommens während der Arbeitsuche – in der Regel also dem Arbeitslosengeld. Dieser theoretische Effekt ist in zahlreichen Studien empirisch gut belegt, zum Beispiel von Riphahn/Schrader (2021) sowie Lichter/Schiprowski (2021) für Deutschland, aber auch für diverse andere Länder (Lopes, 2021). Wer also Arbeitslosen etwas Gutes tun will, indem er die Bezugsdauer verlängert, produziert am Ende mehr Langzeitarbeitslosigkeit.
Eine lange Bezugsdauer ist auch keine Frage der Gerechtigkeit für Arbeitnehmer, die lange eingezahlt und gegebenenfalls keine oder wenige Leistungen in Anspruch genommen haben. Wer langjährig versichert war, hat dementsprechend lange den sozialen Schutz der Arbeitslosenversicherung erhalten – auch wenn der Leistungsfall Arbeitslosigkeit nicht eintrat. Die Arbeitslosenversicherung deckt wie die Krankenversicherung ein laufendes Risiko ab, sie ist kein Sparvertrag.
Auf der anderen Seite eröffnet das Arbeitslosengeld neben der sozialen Schutzfunktion den Arbeitslosen die Möglichkeit, nach einer Beschäftigung zu suchen, die gut zu den eigenen Fähigkeiten passt. Von einem solchen „guten Match“ kann am Ende auch die Arbeitslosenversicherung selbst profitieren, weil ein höherer Lohn in höheren Beiträgen resultiert. In einer guten Arbeitslosenversicherung sind beide Aspekte gegeneinander abgewogen.
Bezugsdauer in Deutschland
In Deutschland beträgt die Bezugsdauer von Arbeitslosengeld 12 Monate. Das ist sinnvoll, weil Erfahrungen gezeigt haben, dass es für Langzeitarbeitslose, die ein Jahr oder länger arbeitslos sind, erheblich schwerer ist, eine neue Beschäftigung zu finden (Statistik der Bundesagentur für Arbeit, 2024). Eine Ursache liegt darin, dass im Laufe einer längeren Phase der Inaktivität berufliche Kenntnisse und Fähigkeiten erodieren. Im schlimmsten Fall gehen sogar soziale Kompetenzen verloren. Die Bezugsdauer sollte also einen Anreiz geben, vor Ablauf eines Jahres eine neue Beschäftigung zu finden. Nach Ablauf der zwölfmonatigen Bezugsdauer kann bei Vorliegen von Bedürftigkeit ein Anspruch auf Bürgergeld bestehen.
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Abweichend haben jedoch ältere Arbeitslose Anspruch auf verlängerte Bezugsdauern: Ab einem Alter von 50 Jahren beträgt sie 15 Monate, ab 55 Jahren 18 Monate und ab 58 Jahren sogar 24 Monate. Einerseits soll dies der Tatsache Rechnung tragen, dass Ältere zwar seltener arbeitslos werden, im Falle einer dennoch eingetretenen Arbeitslosigkeit aber langsamer wieder in Beschäftigung zurückfinden. Andererseits kann nicht ausgeschlossen werden, dass diese Problematik durch die verlängerte Bezugsdauer – zumindest zum Teil – überhaupt erst hervorgerufen wird. Mit einer Abfindung oder einer Übergangsphase in einer Transfergesellschaft sowie anschließendem zweijährigen Arbeitslosengeldbezug – gegebenenfalls durch Weiterbildungsphasen noch weiter verlängert – kann sich sogar ein Weg in den vorgezogenen Ruhestand eröffnen. Im Ergebnis sind Ältere nicht nennenswert häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen als Jüngere. Die Arbeitslosenquote der Personen im Alter von 55 und mehr war im Mai 2025 mit 6,4 Prozent kaum höher als die Quote insgesamt, die bei 6,2 Prozent lag.
Arbeitslose mit langer Bezugsdauer
Im Bestand der registrierten Arbeitslosen sind jahresdurchschnittlich gut 80.000 Leistungsempfänger, die schon mehr als ein Jahr Arbeitslosengeld beziehen. Das entspricht einem knappen Zehntel aller Bezieher von Arbeitslosengeld. Die Anzahl der Langzeitarbeitslosen – also Personen jeden Alters, die ein Jahr oder länger ohne Unterbrechung arbeitslos sind – liegt mit rund einer Million weitaus höher. Die meisten Langzeitarbeitslosen erhalten jedoch Bürgergeld und haben keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld.
Durchschnittlich wendet die Bundesagentur je Bezieher über 12 Monate 2.282 Euro Arbeitslosengeld im Monat einschließlich der darauf gezahlten Sozialversicherungsbeiträge auf. Im Durchschnitt aller Leistungsempfänger liegt das Arbeitslosengeld bei 2.040 Euro – die älteren Arbeitslosen mit längerer Bezugsdauer hatten vor Eintritt der Arbeitslosigkeit folglich überdurchschnittliche Nettolöhne. Ursächlich dafür ist, dass über den Lebenszyklus mit dem Alter das Einkommen nominal steigt. Berufseinsteiger verdienen in der Regel deutlich weniger als ihre berufserfahrenen Kollegen.
Einheitliche Anspruchsdauer spart Geld …
In den jüngsten Erhebungsjahren 2023 und 2024 beliefen sich die Ausgaben der Bundesagentur für Arbeit für Arbeitslosengeldempfänger jenseits einer Bezugsdauer von einem Jahr auf gut zwei Milliarden Euro (Grafik). Eine Vereinheitlichung der maximalen Anspruchsdauer für alle Altersgruppen auf ein Jahr könnte im Haushalt der Bundesagentur für Arbeit diese Summe einsparen. Ins Verhältnis gesetzt zum aktuellen Beitragssatz der Arbeitslosenversicherung in Höhe von 2,6 Prozent für Arbeitnehmer und Arbeitgeber zusammengenommen und den Beitragseinnahmen von 38,1 Milliarden Euro im Jahr 2024, könnte damit der Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung rechnerisch um 0,16 Beitragspunkte gesenkt werden.
Dem Einsparpotenzial im Haushalt der Arbeitslosenversicherung stehen Mehrausgaben, gegebenenfalls aber auch Mehreinnahmen an anderen Stellen gegenüber. Die günstigste Annahme wäre, dass alle Arbeitslosen, die keinen Anspruch mehr auf Arbeitslosengeld über 12 Monate hinaus haben, eine neue Beschäftigung aufnehmen. In diesem Fall würde nicht nur das Arbeitslosengeld eingespart, sondern es fielen auch zusätzliche Einnahmen bei Steuern und Sozialversicherungen an. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, dass Betroffene bei Vorliegen der Voraussetzungen in den vorgezogenen Ruhestand wechseln – in den meisten Fällen wohl mit Abschlägen. In diesem Fall entstünden Opportunitätskosten bei der Rentenversicherung, die durch die Abschläge aber abgemildert würden.
Die ungünstigste Annahme wäre, wenn alle Arbeitslosengeldempfänger über 12 Monate im Falle einer Vereinheitlichung der Bezugsdauer arbeitslos blieben und ins Bürgergeld fielen. In diesem Fall würden Mehrausgaben bei Bund und Kommunen anfallen, die das Bürgergeld finanzieren. Die Mehrausgaben wären aber geringer als der eingesparte Betrag bei der Arbeitslosenversicherung. Denn die Gesamtkosten je Arbeitslosen fallen im Rechtskreis SGB 3 rund 22,5 Prozent höher aus als im Rechtskreis SGB 2 (Hausner et al., 2025), sodass rund 400 Millionen Euro Nettoeinsparung verblieben. Dieses Szenario ist indes eher unwahrscheinlich, weil eine Voraussetzung für den Anspruch auf Bürgergeld Bedürftigkeit ist. Diese ist zum Beispiel nicht gegeben, wenn der Partner ein ausreichendes Einkommen bezieht.
… und dämpft den Fachkräftemangel
Eine Vereinheitlichung der Bezugsdauer von Arbeitslosengeld ist gerecht, entlastet den angespannten Haushalt der Arbeitslosenversicherung und schafft einen Anreiz für die schnellere Rückkehr in Beschäftigung. Letzteres ist vor dem Hintergrund der demografischen Alterung von besonderer Bedeutung. Brücken in den Vorruhestand würden reduziert und die Wahrscheinlichkeit einer Beschäftigung bis zur Regelaltersgrenze erhöht. Damit kann im Hinblick auf die Verrentung der geburtenstarken Jahrgänge auch ein Beitrag zur Milderung des Fachkräftemangels geleistet werden.
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