Unternehmen setzen Künstliche Intelligenz (KI) für verschiedene Zwecke ein. Ressourceneffizienz und Kreislaufführung gehören für die meisten Unternehmen bislang nicht dazu. Das ist zu kurzsichtig, weil neue EU-Regeln Kreislauffähigkeit und damit belastbare Produktdaten zur Pflicht machen.
Kreislaufwirtschaft durch KI: vom Randthema zur Pflicht
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Unternehmen setzen Künstliche Intelligenz (KI) für verschiedene Zwecke ein. Ressourceneffizienz und Kreislaufführung gehören für die meisten Unternehmen bislang nicht dazu. Das ist zu kurzsichtig, weil neue EU-Regeln Kreislauffähigkeit und damit belastbare Produktdaten zur Pflicht machen.
KI kommt bei Deutschlands Unternehmen an: 37 Prozent nutzten Ende 2024 bereits KI, weitere 21 Prozent planten den Einsatz (Engels et al., 2025). Besonders gefragt ist KI dort, wo ihre Effekte in der täglichen Arbeit kurzfristig spürbar werden, etwa bei der Erledigung von Routinetätigkeiten. Mehr als 80 Prozent der im Rahmen des IW-Zukunftspanels repräsentativ befragten Unternehmen aus Industrie und industrienahen Dienstleistungsbranchen, die KI nutzen oder dies planen, geben dieses Ziel des KI-Einsatzes an (ebd.). Dahinter folgen die Unterstützung bei der Erledigung komplexer Aufgaben sowie Qualitätsverbesserungen.
Zirkuläre Ziele Randthema bei KI-Einsatz
Nur wenige Unternehmen nutzen KI für die Kreislaufwirtschaft: Gerade mal 9 Prozent der KI-Nutzer setzen die Technologie ein, um ihre Produkte reparier-, recycle- oder wiederverwendbar zu machen (vgl. Abbildung). Fast die Hälfte (47 Prozent) hält dieses Ziel sogar für nicht relevant. Auch Rohstoff- und Energieeinsparungen spielen eine geringe Rolle: Nur 14 Prozent nennen dies als KI-Ziel, 39 Prozent sehen es als irrelevant an. Größere Unternehmen nutzen KI zwar häufiger für zirkuläre Ziele, doch selbst dort bleibt das die Ausnahme: Bei Unternehmen mit 50 bis 249 Mitarbeitenden sind es 12 Prozent (Kreislauffähigkeit) und 20 Prozent (Ressourceneinsparung), bei noch größeren Firmen 19 und 32 Prozent. Das Verarbeitende Gewerbe zeigt deutlich mehr Interesse. Mit 29 Prozent sehen weniger Unternehmen das Ziel der Kreislauffähigkeit als irrelevant an. Jedes vierte KI-nutzende Industrieunternehmen setzt KI für Ressourceneinsparungen ein, nur 18 Prozent halten dies für irrelevant. Zwar sollen in Zukunft zirkuläre Ziele eine etwas größere Rolle spielen, jedoch ist der Anteil der Unternehmen, die mit dem geplanten Einsatz von KI die Kreislauffähigkeit ihrer Produkte unterstützen wollen, mit 16 Prozent immer noch niedrig. Mehr Ressourceneinsparpotenzial sieht knapp ein Drittel der Unternehmen durch den geplanten Einsatz von KI. Die Anteile im Verarbeitenden Gewerbe sind etwas höher.
Viele Unternehmen unterschätzen die Relevanz zirkulärer Ziele und das Potenzial der KI zur Erreichung dieser – zumindest relativ zum Ziel der Produktivitätsgewinne. Das ist problematisch, denn Zirkularität eröffnet ökonomische Chancen wie effizientere Prozesse, geringere Material- und Energiekosten, neue Umsatzquellen durch neue Geschäftsmodelle, Produkte oder Dienste sowie resilientere Lieferketten. Zudem wird Nachhaltigkeit mit dem Green Deal in der EU zum regulatorischen Muss.
Nachhaltigkeit wird Pflicht
Die EU legt mit der EU-Ökodesign-Verordnung neue Anforderungen an die Kreislauffähigkeit vieler Produkte fest – etwa Wiederverwendbarkeit, Nachrüstbarkeit und Recyclingfähigkeit. Wie bei der EU-Batterie- und Spielzeugverordnung ist auch ein Digitaler Produkt Pass (DPP) als digitale Produktidentität entlang des Lebenszyklus zur Verbesserung der Markttransparenz vorgesehen (EU, 2024). Damit werden zirkuläre Produktdaten zu einer Compliance-Anforderung, die sukzessive auf mehr Produktgruppen ausgeweitet wird. Viele zirkuläre Produkteigenschaften sind in Unternehmen bislang unzureichend umgesetzt (Neligan et al., 2023). Zusätzlich setzt die EU-Verpackungsverordnung verbindliche Vorgaben wie Rezyklatquoten, Design-for-Recycling-Kriterien und Kennzeichnungspflichten, die größtenteils ab August 2026 anwendbar werden (EU, 2025). Unternehmen benötigen hierfür belastbare, prüffähige Material- und Prozessdaten. Mit der EU-Richtlinie zur Förderung der Reparatur, die bis Ende Juli 2026 in nationales Recht umzusetzen ist, stärkt die EU Reparatur-ansprüche. Hersteller und Händler müssen Reparaturinformationen vorhalten, Ersatzteil- und Serviceprozesse organisieren sowie transparente, fristgebundene Angebote bereitstellen. Auch im Rahmen der EU-Richtlinie zur unternehmerischen Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD) werden Informationspflichten zu Ressourceneinsätzen, Abfällen, Wiederverwendung, Remanufacturing und zum Einsatz sekundärer Materialien spezifiziert. Die konkreten Berichtsstandards werden derzeit noch verhandelt.
Diese Regulierungen haben eine gemeinsame operative Konsequenz: Transparenz und Rückverfolgbarkeit werden zentrale Elemente der Kreislaufwirtschaft. Entlang des gesamten Produktlebenszyklus – von Rohstoffentnahme, der Entwicklung über die Nutzung bis zur Rücknahme – müssen heterogene Daten unternehmensübergreifend harmonisiert, verifiziert und auditierbar gemacht werden. Ohne datengetriebene Methoden, insbesondere KI, steigen Erhebungs-, Prüf- und Abstimmungsaufwände sowie das Fehlerrisiko deutlich. Kreislauffähigkeit ist ohne KI nicht effizient skalierbar.
KI macht zirkuläre Ziele skalierbar
KI kann in allen Phasen des Produktlebenszyklus eine wichtige Rolle spielen. Insbesondere beschleunigt KI Datenextraktion, Datenabgleich und Anomalie-Erkennung in Dokumentenströmen (zum Beispiel Sicherheitsdatenblätter, Stücklisten, Reparatur-/Serviceberichte) und erleichtert so eine rechtskonforme Berichterstattung. Gerade beim DPP sind strukturierte, maschinenlesbare Produkt- und Prozessdaten ein Engpass. KI adressiert diesen, indem sie unstrukturierte Daten automatisiert erschließt und Qualität sichert. Nur die Hälfte der Unternehmen stellt ihren Kunden, Lieferanten oder anderen Partnern digitale Produktdaten bereit – davon nur 18 Prozent standardisiert (Büchel/Neligan, 2025).
Die Design- und Konstruktionsphase ist entscheidend für die Kreislauffähigkeit eines Produkts. KI-basierte Design- und Optimierungsverfahren unterstützen die Auswahl von Materialien, Reparierbarkeit und Einsatzfähigkeit für Rezyklate. So kann KI-gestützte Multi-Kriteriums-Optimierung (etwa nach Kosten, CO₂-Ausstoß, Reparierbarkeit, Rezyklatgehalt) Produktentscheidungen messbar verbessern (Zhou, 2025). KI-basierte Verfahren der vorausschauenden Wartung (Predictive Maintenance) verlängern die Nutzungsdauer von Anlagen, reduzieren Ersatzteileinsätze und senken Energieverluste, was Rohstoffe und Emissionen spart (Benhanifia et al., 2025). Überdies kann KI die Reinheit und den Durchsatz bei der Abfallsortierung durch Computer Vision erhöhen (Fotovvatikhah et al., 2025). KI kann auch die Logistik bei Rückführungsprozessen und bei Sharing- und Mietgeschäftsmodellen optimieren (Leitl et al., 2025).
Was Unternehmen jetzt tun sollten
Unternehmen sollten den KI-Einsatz systematisch mit ihrer (teilweise noch zu erstellenden) Nachhaltigkeits-agenda verknüpfen. Für viele KMU bedeutet das zunächst, überhaupt erste Schritte in Richtung KI-Nutzung zu gehen. Die praxisnahe Unterstützung von Unternehmen, KI für Zirkularität zu nutzen, ist auch Teil der Digitalisierungsinitiative zur Umsetzung der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie.
Ein sinnvoller Einstieg in die Verknüpfung von KI und Nachhaltigkeit besteht darin, die Datenanforderungen des DPP in die eigenen Produkt- und IT-Systeme zu integrieren, also Material-, Stücklisten-, Chemikalien- und Reparaturdaten zu harmonisieren und mit KI-Verfahren zur Datenextraktion, zum Dublettenabgleich und zur Anomalie-Erkennung zu sichern. In der Produktion empfiehlt es sich, Predictive Maintenance insbesondere an energie- und materialintensiven Anlagen zu implementieren. Für Rücknahme, Wiederverwendung und Recycling sind Pilotanwendungen mit KI-gestützter Erkennung und Sortierung ein Hebel, um regulatorisch geforderte Reinheiten und Quoten zu erreichen. Das hilft nicht nur bei der Compliance, sondern reduziert auch Kosten und stärkt resiliente Lieferketten.

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