Mithilfe eines neuen Experiments sollen über einen Zeitraum von drei Jahren die Auswirkungen eines bedingungslosen Grundeinkommens getestet werden. Grundsätzlich ist es sinnvoll, die Effekte wissenschaftlich und in Form eines Experiments zu überprüfen, um so mehr Fakten in die ideologische Debatte einzubringen – allerdings lassen fünf Argumente daran zweifeln, dass dieser Großversuch gelingen kann.

1. Das Projekt wird von dezidierten Befürwortern eines bedingungslosen Grundeinkommens finanziert sowie vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) begleitet, das einem grundlosen Einkommen ebenfalls zustimmend gegenübersteht. Folglich sind eher positive Ergebnisse wahrscheinlich – und weniger negative. Aus wissenschaftlicher Sicht wäre eine breitere, auch kritische Begleitung wünschenswert gewesen.

2. Die Vorstellung des Experiments und der Aufruf an mindestens eine Million Menschen, sich zu bewerben, passt mehr zu einer Werbestrategie als zu einem wissenschaftlichen Projekt. 

3. Nur 120 Menschen sollen das Grundeinkommen erhalten, eine recht kleine Gruppe. Valide Aussagen dürften nur schwer zu treffen sein. Insbesondere angesichts der Vielzahl von Faktoren und Effekten, die erfasst werden sollen, lassen sich allenfalls explorative Erkenntnisse gewinnen. Immerhin wird eine deutlich größere Kontrollgruppe gebildet, die kein Grundeinkommen erhält.

4. Die Finanzierung durch freiwillige Spenden verschleiert, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle nicht finanzierbar wäre – zumindest nicht ohne gewaltige Einschnitte in die bestehenden Sozialleistungen und erheblichen steuerlichen Mehrbelastungen für jene, die das System stemmen müssten. Auch die für 2023 geplante dritte Studie wird – anders als versprochen – die generelle Frage „Wie kann ein realistisches Finanzierungskonzept aussehen?“ für die Umstellung eines bestehenden Systems nicht beantworten. 

5. Das zentrale Problem wird mit dem Experiment nicht adressiert: die Bedingungslosigkeit der Zahlung. Menschen geben anderen Menschen ohne Gegenleistung nicht gerne etwas ab und schon gar nicht jenen, die nicht Teil des Systems sind. Es gibt nur wenige Altruisten, für die Finanzierung reicht das nicht aus. Die meisten Menschen geben etwas ab, wenn der andere bedürftig ist, zum Beispiel durch Spenden, oder wenn der Empfänger eine Gegenleistung in Form von Arbeit oder Dienstleistungen erbringt, für die dann ein Preis gezahlt wird. Bei der Finanzierung über Steuern fehlt beim bedingungslosen Grundeinkommen die Rechtfertigung für die Zwangsabgabe. Die Verlierer der Systemumstellung werden hier systematisch nicht betrachtet.

Unterm Strich können die Studien neue wissenschaftliche Erkenntnisse bringen – für die Umsetzung in einem ausgebauten Sozialstaat liefern sie aber wenig Neues und wecken stattdessen neue utopische Vorstellungen, die am Ende an der Realität scheitern werden. Sinnvoller wäre es, das bestehende – auch in der Corona-Krise im internationalen Vergleich – erfolgreiche deutsche System weiterzuentwickeln und die unzweifelhaft bestehenden Schwächen zu beseitigen. Zum Beispiel mit einem bedingten Grundeinkommen.