Die Straße von Hormus ist ein Nadelöhr des globalen Energiehandels – und gerät in den Strudel des Nahostkriegs. Im Gespräch mit t-online erklärt IW-Ökonom Thomas Obst, welche wirtschaftlichen Auswirkungen jetzt zu erwarten sind.
Iran-Krieg: „Dann wären die Folgen deutlich dramatischer”
Herr Obst, der Iran untersagt Schiffen die Fahrt durch die Straße von Hormus. Wie lange kann die Weltwirtschaft das aushalten?
Solche Drohungen oder Störungen gab es schon früher. Etwa im Oktober 2023, als die Hamas Israel überfallen hat und unklar war, wie der Seeverkehr betroffen sein würde. Entscheidend ist: Durch die Straße fahren vor allem Öltanker. Mit Blick auf die Weltwirtschaft hat das also in erster Linie Auswirkungen auf den Ölpreis. Aber wir sind nicht mehr in den 70er-Jahren mit echten Ölpreisschocks. Von einem massiven Angebotsausfall sind wir derzeit noch weit entfernt. Zumal die Ölmärkte gerade überversorgt sind und die Weltwirtschaft schwach läuft.
Aber die Tanker sitzen doch gerade fest.
Ja, weil Versicherungen nicht gewährleistet sind und die Schiffe deshalb die Häfen nicht verlassen können – das sieht man in den Daten zum internationalen Seeverkehr. Trotzdem erwarten wir kein Extremszenario mit 150 Dollar pro Barrel. Wir gehen eher von einem typischen Anstieg um etwa zehn oder zwanzig US-Dollar aus, sodass sich der Preis bei rund 90 Dollar einpendeln könnte. Das entspricht auch dem Marktsentiment: Der Ölpreis ist zwar kurzfristig um zwölf Prozent gestiegen, hat sich inzwischen aber wieder etwas beruhigt.
Wer ist von der Blockade am stärksten betroffen?
Durch das Nadelöhr am Persischen Golf werden jeweils rund ein Fünftel des Erdöls und des Flüssigerdgases (LNG) für den Weltmarkt exportiert – vor allem aber Richtung Asien. Zunächst trifft es asiatische Länder wie China, Indien, Japan oder Südkorea.
Ein wichtiges Ausfuhrland ist derweil Katar, der Staatskonzern Qatar Energy hat am Montag jedoch einen Produktionsstopp aufgrund der iranischen Angriffe verhängt.
Europa ist vergleichsweise wenig auf LNG-Exporte aus Katar angewiesen. Der Markt für Flüssigerdgas ist gleichwohl global. Europa konkurriert mit Asien um Flüssiggas. Somit werden auch die EU und Deutschland indirekt von Preiserhöhungen betroffen sein.
Es gibt Berichte, dass iranisches Öl und Gas für China durchgelassen wird. Wäre das ein strategisches Signal?
Durchaus. Aber selbst dann werden andere asiatische Staaten geschwächt.
Die deutsche Wirtschaft nicht?
Deutschland und die EU sind – wie bereits angedeutet – eher indirekt betroffen. Dazu muss ich etwas ausholen.
Gerne.
Unsere Abhängigkeit vom Öl ist deutlich geringer als früher. Wir benötigen deutlich weniger Öl als in den 1970er-Jahren. Die Ölintensität der Produktion ist gesunken, und die Europäer haben eigene Förderquellen erschlossen, etwa in der Nordsee. Vor allem die USA sind heute ein wichtiger Lieferant von Öl und Flüssiggas. Sie selbst sind auf Energielieferungen nicht angewiesen. Zudem ist fraglich, ob die Sperrung strategisch klug für den Iran ist. Wenn die Straße länger gesperrt wird, schadet das vor allem den eigenen Abnehmerländern wie China oder Indien – weniger direkt der EU. Europa ist zwar abhängig bei Energieimporten, wobei der Anteil der Importe vom Persischen Golf immer weniger ausmacht. Die EU versucht außerdem seit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs, ihre Energiequellen zu diversifizieren. Die "Ölwaffe" wäre insgesamt viel schwächer als in den 1970er-Jahren.
Womöglich geht es dem iranischen Regime eher darum, Chaos zu stiften.
Richtig. Für den Iran sind Öleinnahmen zentral. Eine längere Sperrung würde auch dem eigenen Land schaden. Es geht aber weniger um eine totale Blockade als um maximale Verunsicherung. Das Regime will Chaos stiften und für Unsicherheit sorgen. Genau diese Unsicherheit lässt Ölpreise, Versicherungsprämien und Frachtraten, also die Transportpreise, steigen. Wir haben das bei den Angriffen der Huthi-Rebellen im Roten Meer gesehen.
Die mit dem Iran verbündet sind.
Reedereien mieden bestimmte Routen, Schiffe mussten Umwege fahren, Kapazitäten wurden knapper. Die Frachtraten stiegen, Lieferzeiten verlängerten sich – und am Ende wurde es für Verbraucher teurer. Das wären auch diesmal die indirekten Folgen für Deutschland. Insbesondere, wenn die Huthis das Nadelöhr im Osten Afrikas erneut ins Visier nehmen.
Heißt das: Die Preise in Deutschland könnten steigen?
Ja, das zeigt sich sofort an den Tankstellen. Entscheidend ist, ob der Konflikt lokal begrenzt bleibt oder er sich zu einem regionalen Krisenherd ausweitet. In letzterem Fall wären die Folgen deutlich dramatischer. Dann würden nicht nur kurzfristig die Tankstellenpreise steigen, sondern dauerhaft die Frachtraten – und damit auch die Supermarktpreise, wenn Schiffe Umwege etwa um das Kap der Guten Hoffnung in Südafrika fahren müssen.
Mit welchen Folgen?
Der Preisanstieg landet beim deutschen Konsumenten, weil Unternehmen höhere Kosten mittelfristig weitergeben – abhängig vom Wettbewerb. Bei Gas könnten die Auswirkungen stärker sein, ähnlich wie 2022 nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, als die LNG-Preise deutlich stiegen. Das träfe insbesondere energieintensive Industrien, würde aber auch die Energiepreise für deutsche Haushalte erhöhen.
Müssten wir dann mit neuer Inflation rechnen?
Wenn die Straße von Hormus über Wochen oder Monate gesperrt bliebe, wäre das eine mögliche Folge. Dann werden die Seewege so unsicher, dass es zu massiven Störungen und Umwegen kommt. Kurzfristige Unterbrechungen sorgen vor allem für Nervosität und Preisspitzen. Aber wenn sich die Störung verfestigt, dann steigen Transportkosten und Energiepreise. Damit wird auch der Preisdruck insgesamt spürbar. Auch Lebensmittel könnten teuer werden.
Warum auch Lebensmittel?
Die Agrarwirtschaft ist energieintensiv. Ein Angebotsschock bei Gas, Diesel oder Öl wirkt sich auch auf diese Bereiche aus. Teurere Kraftstoffe wie Benzin und Diesel erhöhen auch die Transportkosten für Lebensmittel vom Erzeuger über den Großhandel bis in den Supermarkt. Aktuell erwarte ich einen leichten Preisdruck, aber nicht zwingend eine Reaktion der Zentralbank – es sei denn, die Inflationserwartungen ufern aus.
„Auch Lebensmittel könnten teuer werden.”
Dementsprechend hängen die wirtschaftlichen Folgen von der Dauer des Krieges ab?
Genau. Entscheidend wäre, ob Menschen und Unternehmen dauerhaft mit höheren Preisen rechnen. Wenn sich diese Erwartungen festsetzen, müsste die Zentralbank reagieren – und den Leitzins anheben. Darüber würde sie Investitionen bremsen und das Wirtschaftswachstum insgesamt. Auch die Aktien- und Anleihenmärkte reagieren mit Nervosität auf Kriege, Anleiherenditen steigen. Hier bleibt die Frage, ob es bei einer politischen Reaktion der Märkte bleibt oder auch ökonomische Entwicklungen die Märkte weitertreiben.
Das würde sich in den Fundamentaldaten der Firmen zeigen.
In der Vergangenheit waren die Auswirkungen meist nach ein paar Tagen oder Wochen bereits wieder eingepreist und es trat relativ schnell eine Erholungsphase ein. Dafür wäre es aber essenziell, dass die militärische Auseinandersetzung zeitlich und lokal begrenzt bleibt. Ein andauernder Krisenherd im Nahen Osten könnte zu größeren Abwärtsspiralen führen.
Davon sind wir derzeit noch entfernt. Immerhin ist vollkommen offen, wie lange der Iran die Meerenge blockiert. Kann sich der Iran eine längere Sperrung überhaupt leisten?
Das ist spekulativ, und ich bin kein Iran-Experte. Klar ist aber: Die Wirtschaft des Landes ist bereits durch jahrelange Sanktionen geschwächt, mit Hyperinflation und erheblichen Verwerfungen im Land. Sie ist in hohem Maße von der Weltwirtschaft abgeschnitten.
Wir haben insbesondere über Importe gesprochen, die vom Krieg in Nahost betroffen sind. Was ist mit deutschen Exporten, die durch die Straße von Hormus gehen?
Generell schwächelt der deutsche Außenhandel seit Längerem. Die Exporte in die USA sind aufgrund der Zölle bereits 2025 deutlich zurückgegangen, konnten aber teilweise durch höhere Exporte in die EU kompensiert werden. Die EU treibt zudem Freihandelsabkommen etwa mit Indien oder den Mercosur-Staaten voran. Der Konflikt könnte die Fragmentierung der Weltwirtschaft weiter verstärken, also die Bildung regionaler Handelsblöcke. Steigende Ölpreise, Verwerfungen an den Märkten und eine schwächere Weltkonjunktur wären für ein exportorientiertes Land wie Deutschland schlimm. Letztlich geht es aber bei der Straße von Hormus vorwiegend um den Verkehr von Öltankern.
Wir haben bislang über Krisenverlierer gesprochen. Wer profitiert wirtschaftlich von dem Konflikt in Nahost?
Die USA sind ein wichtiger Energielieferant, insbesondere für Europa seit Beginn des Ukraine-Kriegs. Donald Trump und die US-Konzerne könnten von dem Konflikt in der Straße von Hormus durchaus profitieren, indem sie die Lieferausfälle der EU beispielsweise beim LNG kompensieren. Gleichzeitig könnte man die Frage auch anders stellen.
„Donald Trump und die US-Konzerne könnten von dem Konflikt in der Straße von Hormus durchaus profitieren.”
Und zwar?
Was wäre, wenn es im Iran tatsächlich zu einem Regimewechsel und einer politischen Stabilisierung käme? Würden die Sanktionen aufgehoben und der Iran wieder in die Weltwirtschaft integriert, hätte das potenziell große positive Effekte – für den Handel, für die Energieversorgung und für das Land selbst.
Aber wie realistisch ist das?
Derzeit ist das allerdings nicht absehbar. Dennoch sollte man nicht vergessen: Der Iran ist ein großes Land. Eine Reintegration in die Weltwirtschaft könnte mittelfristig positive Effekte haben – nicht zuletzt durch gut ausgebildetes Humankapital. Viele Menschen, darunter viele gut ausgebildete Fachkräfte und Akademiker, sind ins Exil gegangen und könnten im Fall eines politischen Umbruchs zurückkehren. Studien sehen erhebliche Produktivitätsgewinne für die iranische Volkswirtschaft. Aber das ist derzeit reine Spekulation. Kurzfristig dominiert die Unsicherheit über das Ausmaß und Ausgang des Konflikts.
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