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Interview 27. März 2025 Michael Hüther in der ZEIT

Sollen wir einen Feiertag opfern?

Im Streitgespräch in der ZEIT sagt IW-Direktor Michael Hüther, es muss mehr gearbeitet werden, um den Wohlstand zu erhalten. Die Gewerkschaftschefin Yasmin Fahimi entgegnet, dass die Arbeitnehmer nicht schuld sind, dass in Deutschland zu wenig investiert wurde.

Herr Hüther, Sie haben vorgeschlagen, einen oder mehrere Feiertage in Deutschland zu streichen. Warum?

Hüther: Wir sind bei der demografischen Entwicklung in einer dramatischen Phase. Die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter nimmt in den kommenden Jahren drastisch ab. Um unseren Wohlstand zu erhalten, müssen wir deshalb etwas tun. Eine Stellschraube ist das Arbeitsvolumen - also die Zahl der Arbeitsstunden pro Jahr. Man kann es zum Beispiel durch längere Arbeitszeiten, weniger Urlaubstage oder eben das Streichen von Feiertagen erhöhen. Ich finde, das ist eine sinnvolle Option.

Fahimi: Einen Feiertag zu streichen, bedeutet nichts anderes, als die Löhne durch die Hintertür zu kürzen. Es wird mehr gearbeitet ohne einen entsprechenden Lohnausgleich. Wie ein geringeres Einkommen mehr Wohlstand ermöglichen soll, ist mir ein Rätsel.

Hüther: Moment, es geht nicht um eine Lohnkürzung!

Fahimi: Darauf läuft es aber hinaus.

Hüther: Nein, der zusätzliche Arbeitstag würde nach unseren Vorstellungen ganz normal wie jeder andere Arbeitstag bezahlt.

Fahimi: Die meisten Menschen bekommen doch ein festes Monats- oder Jahresgehalt. Das steigt ja nicht automatisch. Es sei denn, man würde gleichzeitig per Gesetz vorschreiben, dass alle Löhne um einen entsprechenden Prozentsatz angehoben werden. Das ist doch weltfremd und käme einem harten Eingriff in die Tarifautonomie gleich.

Hüther: Die Aushandlung der Löhne wäre natürlich die Sache der Sozialpartner. Mein Punkt ist: Es geht bei unserem Vorschlag nicht darum, die Löhne zu kürzen, sondern um ein höheres Arbeitsvolumen. Es gibt im Jahr etwa 250 Arbeitstage, ohne Wochenenden und Feiertage. Wenn man das umrechnet, dann erhöht die Streichung eines Feiertags die Wirtschaftsleistung für sich genommen um etwa 8,6 Milliarden Euro.

Vor 30 Jahren wurde der Buß- und Bettag fast überall abgeschafft, um die Pflegeversicherung mit zu finanzieren. War das damals auch falsch, Frau Fahimi?

Fahimi: Das hat damals keinerlei wirtschaftliche Effekte gehabt. Das sind alles theoretische Berechnungen auf Kosten der Arbeitnehmer. Das werden wir Gewerkschaften nicht zulassen.

Hüther: Der Wegfall des Buß- und Bettags sollte ausgleichen, dass die Arbeitskosten für die Unternehmen durch die Einführung der Pflegeversicherung steigen. Das war sozusagen eine Sparmaßnahme. Da konnte man keinen großen Wachstumseffekt erwarten. Es geht jetzt um etwas anderes.

Die Bayern sind ja stolz darauf, dass sie sehr viele Feiertage haben und zugleich sehr produktiv sind.

Hüther: Das hat natürlich etwas mit der Wirtschaftsstruktur in Bayern zu tun. In einem Land mit einem starken Industriesektor gibt es tendenziell eine höhere Produktivitätsbasis, völlig unabhängig von den Feiertagen.

Fahimi: Aber wichtig für den Wohlstand ist doch die Produktivität, also die Wirtschaftsleistung pro Arbeitsstunde. Um die müssen wir uns kümmern. Da geht es zum Beispiel um mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung oder Digitalisierung, gerade im Mittelstand. Wir haben in Deutschland dagegen die Ausweitung eines Niedriglohnsektors gefördert - und damit Geschäftsmodelle, die auf wenig produktive und schlecht bezahlte Arbeit setzen. Kein Wunder, dass dann im Gesamtdurchschnitt die Produktivität nicht sprunghaft ansteigt. Da müssen wir ansetzen, statt einfach zu sagen: Es muss mehr gearbeitet werden.

Hüther: Der Wohlstand ist das Produkt aus Wirtschaftsleistung je Arbeitsstunde und Zahl der Arbeitsstunden. Insofern kommt es auf beide Größen an. Ich stimme Ihnen zu, dass wir zum Beispiel bei der Digitalisierung Nachholbedarf haben. Aber der Niedriglohnsektor ist zwar nach Ende der 1990er-Jahre tatsächlich gewachsen, seit einigen Jahren schrumpft er jedoch wieder. Wir hatten 2024 eine Niedriglohnquote von 18,5 Prozent aller Beschäftigten.

Fahimi: Damit liegen wir aber immer noch über dem Niveau in vergleichbaren europäischen Staaten. Welchen Feiertag möchten Sie eigentlich streichen, Herr Hüther? Einen der christlichen Feiertage, den Tag der Deutschen Einheit oder etwa den Tag der Arbeit?

Hüther: Ich bin da flexibel. Man könnte den Tag der Deutschen Einheit nehmen zum Beispiel. Oder den Pfingstmontag.

Fahimi: Ich finde es bezeichnend, dass Sie so ausweichend antworten. Diejenigen, die die Streichung eines Feiertags fordern, sagen oft nicht, welcher konkret gestrichen werden soll. Das bringt nämlich großen Ärger ein. Feiertage haben ja auch eine kulturelle Bedeutung. Es geht um kollektive Erinnerungskultur, um das gesellschaftliche Zusammenleben. Darüber wird aber nicht gesprochen. Es wird vielmehr so getan, als ob der Feiertag nichts anderes wäre als einfach nur ein zusätzlicher Urlaubstag. Baden-Württemberg und Bayern haben die meisten Feiertage. Wenn man dort zum Beispiel Fronleichnam, Heilige Drei Könige und Allerheiligen streichen würde, dann hätte man sicherlich mindestens einen so großen Effekt wie durch das Streichen eines Tages für alle Bundesländer. Aber diese Debatte vermeiden Sie natürlich.

Hüther: Unser Vorschlag ist ein Diskussionsbeitrag. Dass so etwas geht, zeigt Dänemark. Im vergangenen Jahr haben die Dänen einen Feiertag abgeschafft, um die höheren Verteidigungsausgaben zu finanzieren. Dort sind die Löhne übrigens um 0,45 Prozent gestiegen, also praktisch im gleichen Ausmaß wie die zusätzlich geleisteten Arbeitsstunden. Und es sind 400 Millionen Euro zusätzlich in den Staatshaushalt geflossen. Man kann diesen Weg also gehen.

Frau Fahimi, das Statistische Bundesamt rechnet regelmäßig aus, dass das Bruttoinlandsprodukt in einem Jahr mit weniger freien Tagen höher ausfällt. Es scheint also doch so zu sein, dass mehr Arbeit auch zu mehr Wohlstand führt.

Fahimi: Das ist eine rein mechanische Betrachtung, nach der Logik könnte man ja auch argumentieren: Wir verzichten jetzt alle mal für zwei Jahre auf unseren gesamten Jahresurlaub, dann explodieren die Wachstumsraten. Das ist aber natürlich Quatsch, weil zum Beispiel die Leistungsfähigkeit der Belegschaften nicht berücksichtigt wird. Wir haben in vielen Branchen, in denen Millionen von Menschen arbeiten, schon heute eine Überlastungssituation. Ich spreche etwa von den Kliniken, den Altenheimen, den Schulen, der Polizei oder der Müllabfuhr. Wenn wir dort beliebig die Feiertage oder Urlaub streichen, dann führt das zu noch größeren gesundheitlichen Schäden. Am Ende riskieren wir, dass uns die Leute einfach zusammenklappen. Jetzt können Sie sagen: Auf einen Tag mehr oder weniger kommt es nicht an. Und da sage ich Ihnen: Doch, genau darauf kommt es für viele Menschen an. Ohne Berücksichtigung gesundheitlicher Aspekte führt eine Ausweitung des Arbeitsvolumens eben nicht zu einem dauerhaft höheren Wirtschaftswachstum.

Hüther: Ich bin bei Ihnen, dass man gerade in der Pflege etwas für die Beschäftigten tun kann, zum Beispiel indem man für eine Erleichterung bei den Dokumentationspflichten sorgt. Aber um es einmal ein wenig zugespitzt zu formulieren: In der Debatte über eine Erhöhung des Renteneintrittsalters wird immer mit dem Dachdecker argumentiert, dem eine längere Lebensarbeitszeit nicht zuzumuten sei, und in der Debatte über eine Streichung von Feiertagen kommen die Pflegekräfte ins Spiel. Ich will nicht abstreiten, dass für einzelne Berufsgruppen Lösungen gefunden werden müssen, halte es aber für problematisch, mit solchen Extrembeispielen die Diskussion beenden zu wollen. Es gibt viele Berufe, in denen längere Arbeitszeiten aushaltbar sind. Wir können doch nicht die Augen davor verschließen, dass wir ein Problem haben: Bei der Zahl der geleisteten Arbeitsstunden je Arbeitnehmer belegt Deutschland unter allen Industrienationen den letzten Platz.

Fahimi: Das liegt vor allem daran, dass wir in Deutschland eine sehr hohe Quote von Menschen haben, die in Teilzeit arbeiten oder einer nicht sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung wie zum Beispiel einem Minijob nachgehen. Darunter sind besonders viele Frauen. Die Frage muss doch sein: Wie mobilisieren wir diese Leute? Durch die Streichung eines Feiertags bestimmt nicht. Es muss vielmehr darum gehen, eine verlässliche soziale Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Damit meine ich: Kita-Plätze, Pflegeplätze, Ganztagsschulen. Und dann sind da noch etwa drei Millionen Erwachsene zwischen 20 und 35, die mangels Ausbildung nur schwer nachhaltig in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Daran sollten wir arbeiten, statt Feiertage zu streichen.

Hüther: Wenn mehr Teilzeitbeschäftigte auf eine Vollzeitstelle wechseln, dann würde das natürlich helfen. Der Anteil der unfreiwillig Teilzeitbeschäftigten ist in den vergangenen Jahren aber schon stark gesunken. Das sind Menschen, die eigentlich Vollzeit arbeiten möchten, aber das zum Beispiel wegen einer mangelnden Kinderbetreuung nicht können. Hier hat sich schon viel verbessert, deshalb gibt es an dieser Stelle nicht mehr viel Mobilisierungspotenzial.

Die Bundesregierung hat vergangene Woche über eine Billion Euro an neuen Krediten bewilligt, um die Landesverteidigung zu sichern und die öffentliche Infrastruktur zu modernisieren. Könnte man da nicht argumentieren: Um die Schulden abzutragen, müssen alle mit anpacken?

Fahimi: Es packen eben nicht alle mit an. Die Last soll auf den Schultern der Beschäftigten abgeladen werden. Das halte ich für falsch. Sie sind nicht schuld daran, dass in diesem Land in den vergangenen Jahren zu wenig investiert wurde. Es wäre auch nicht gerecht. Die Wahrheit ist doch, dass Deutschland eine Steueroase für Vermögende ist. Die Vermögensteuer ist ausgesetzt, bei der Erbschaftsteuer gibt es jede Menge Privilegien für große Erbschaften. Ja, wir müssen über eine angemessene Lastenverteilung reden. Aber das kann nicht darauf hinauslaufen, dass diejenigen, die für ihr Geld arbeiten, stärker belastet werden als diejenigen, die nur ihr Geld für sich arbeiten lassen. Die Gewerkschaften haben dazu sehr konkrete Vorschläge gemacht, etwa eine einmalige Vermögensabgabe, die gerade einmal 0,1 Prozent der Bevölkerung treffen und innerhalb eines Jahres mehr als 175 Milliarden Euro einbringen würde. Das wäre für diese Gruppe absolut verkraftbar.

Hüther: Die Steuerquote liegt mit zuletzt 23 Prozent der Wirtschaftsleistung über dem langjährigen Durchschnitt. Eine Erosion des Steueraufkommens hat es nicht gegeben. Wir können darüber reden, ob man die Verteilung der Steuerlast an der einen oder anderen Stelle korrigieren sollte. Aber wir müssen schon aufpassen, dass wir in Deutschland attraktive Standortbedingungen haben - das gilt für die Energiekosten, aber auch für die Steuerlast. Sonst investieren die Unternehmen nämlich woanders, und dann ist nichts gewonnen.

Fahimi: Einverstanden. Aber wir werden niemals niedrigere Lohnkosten haben als China, und wir werden niemals niedrigere Energiekosten haben als die Vereinigten Staaten. Wenn wir uns behaupten wollen, müssen wir auf Qualität setzen. Das bedeutet: Investitionen in Forschung und Entwicklung, in die Bildung und die Infrastruktur, aber auch attraktive Arbeitsbedingungen. Das ist unsere Zukunft.

Hüther: Ich bin doch nicht gegen mehr Investitionen! Wir stehen vor einer doppelten Transformation: Wir wollen Klimaneutralität erreichen und wieder verteidigungsfähig werden. Beides zusammen ist mit dem bisherigen Arbeitsvolumen nicht zu schaffen. Das ist meine These. Wir reden beim Klimaschutz teilweise über ganz klassische, handwerkliche Tätigkeiten. Die Gebäudesanierung ist dafür ein Beispiel. Das kann man nicht allein über Digitalisierung oder Automatisierung lösen. Dazu ist der Einsatz menschlicher Arbeit nötig. Deshalb bin ich überzeugt, dass wir eine Debatte über längere Arbeitszeiten führen müssen. Länder wie Schweden oder die Schweiz haben zum Teil deutlich weniger Urlaubstage als wir. Ich würde nicht sagen, dass das Länder sind, in denen die Arbeitnehmer schlecht behandelt werden.

Fahimi: Man kann sich bei solchen Vergleichen immer die Kennzahlen heraussuchen, die das eigene Argument stützen. In Schweden zum Beispiel gibt es auch wesentlich verlässlichere Arbeitszeiten, und Überstunden werden vollständig bezahlt. Ja, wir müssen in vielerlei Hinsicht Arbeitskräfte mobilisieren. Die Streichung eines Feiertags wird den von Ihnen beschriebenen Herausforderungen aber einfach nicht gerecht.

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