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Michael Hüther im Deutschlandfunk Interview 8. November 2022

„Die beste Motivation für Klimaschutz sind Erfolgsgeschichten“

Ob drastische Warnungen Motivation für mehr Klimaschutz erzeugen, bezweifelt IW-Direktor Michael Hüther im Interview mit dem Deutschlandfunk. Vielmehr müsse etwa Deutschland mit seinen Technologien anderen zeigen, wie Klimaschutz gelingen kann.

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Schnellstraße in die Klimahölle und das mit dem Fuß auf dem Gaspedal.  Was denken Sie, wenn Sie solche drastischen Worte hören?

Ich bin nicht sicher, ob solche drastischen Worte wirklich die Motivation erhöhen, denn wir müssen immer schauen, kommen wir nicht auch ein Stück voran. Und es zeigt ja auch, dass der Klimabericht uns das gerade deutlich macht. Vor fünf Jahren waren wir auf dem Weg zu 3,2 Prozent Erderwärmung, jetzt zu 2,5. Es ist immer noch zu viel, aber es zeigt doch, dass die Anstrengungen bei all den unzureichenden Gesamtmaßnahmen in die richtige Richtung gehen.

Das Problem ist ja eine globale Koordinierung. Die herzustellen, ist nicht sonderlich einfach, denn wir haben unterschiedliche Interessenlagen. China – Russland sowieso im Augenblick nicht – aber China, einer der bedeutendsten CO2-Emittenten, ist gar nicht vertreten auf der Konferenz der COP 27 in Sharm el sheikh. Wir müssen einfach Interessenlagen herbeiführen, dass alle dies auch gemeinsam tun können, und das geht am besten dann, wenn wir mit den Technologien im Norden und vor allen Dingen auch in Deutschland zeigen, wie es geht, wenn wir nichts verschwenden, wenn wir wirklich uns engagieren für dieses Thema. Ich glaube, dass wir da vieles tun, aber ja auch nicht hinreichend genug, und wir stehen jetzt auch vor Fragen der Energiesicherheit und der Abfederung dieser schwierigen Situation in Folge des russischen Krieges gegen die Ukraine und da sind auch noch nicht alle Antworten gegeben. So müssen wir aber trotzdem anderen zeigen, dass es geht. Das ist das Beste, was wir zudem leisten können. Alleine schaffen wir es nicht.

Das heißt, solche drastischen Worte führen eher dazu, dass man abstumpft, resigniert? Oder beschreiben sie nicht die Realität?

Na ja. Erstens mal: So ist die Realität nicht ganz. Wir sind immer noch zu hoch, aber wir bewegen uns in die richtige Richtung. Es ist für dieses globale Klima, die globale Koordinierung aber zu langsam. Das bleibt auch richtig. Aber auf der anderen Seite: Wir haben keine Alternative. Wir müssen diesen Weg gehen. Und dann muss man schon fragen, was ist die beste Motivation. Die beste Motivation sind Erfolgsgeschichten und auch zu sehen beispielsweise, welchen Weg wir in der Nutzung fossiler Energien gehen. Auch da geht der Weltenergieausblick davon aus, dass spätestens in fünf Jahren wir so weit sind, dass wir einen Rückgang der fossilen Energienutzung erleben werden. Das wird jetzt sicherlich ein Stück schneller werden. Die Preiseffekte, die in Folge der Kriegssituation entstanden sind, führen dazu, dass Effizienzreserven gehoben werden, dass viel mehr Innovation auf den Weg gebracht wird, um dies nach vorne zu bewegen. Aber am Ende bleibt es dabei, wir müssen eine globale Interessenlage herbeiführen, und es reicht nicht, wenn immer nur die einen die anderen beschimpfen, ihr habt zu wenig getan, ihr habt zu wenig geliefert, sondern jeder muss schauen. Wir sind ja auch in der Not. Ist es richtig, mit extremen Maßnahmen die Leute aufzurütteln, sich auf der Straße festzukleben mit allen Kollateralschäden, oder ist es nicht besser, dass die Leute selbst zeigen, was sie dazu beitragen können? Wir müssen eigentlich mehr arbeiten für das Thema. Wo kommen all‘ die Handwerker her, die die Solar-Paneele auf die Dächer bringen, die unser Heizungssystem umbauen? Wir müssen – das müssen wir sehr deutlich auch mal der deutschen Gesellschaft sagen – in dieser Situation nicht weniger, sondern mehr arbeiten.

Sie haben gesagt, wir haben keine Alternative. Aber ist das die Direktive, die die deutsche Wirtschaft schon umsetzt?

Ja, das sind enorme Herausforderungen. Auf der anderen Seite: Der Druck auf die Unternehmen kommt von so vielen Seiten, dass auch dort die Alternative nicht gegeben ist, es nicht zu tun. Wir haben den Druck von Seiten der Regulierung. Wir haben die steigenden Energiepreise. Der CO2-Preis hat sich über das Zertifikate-Handelssystem in Europa enorm auf einen Weg nach oben gemacht. Wir haben über die Taxonomie die Kreditwirtschaft mit in Stellung gebracht und die Kunden wollen es auch. Es sind aber auch schwierige technische Prozesse, beispielsweise eine Glasschmelzwanne von einer fossilen Energienutzung Gas unabhängig zu machen hin zu einem Betrieb mit Strom. Das ist sicherlich eine Frage von ein bis zwei Jahren, aber all das braucht irgendwie Zeit. Das ist nur ein Beispiel und in vielen Bereichen wird es versucht. Das sind nicht immer nur die großen Innovationen, es sind auch die kleinen Anpassungen. Aber es ist letztlich auch ein gemeinsamer Prozess, der mit den Beschäftigten in den Unternehmen gegangen wird. Ich glaube, die Sensibilität ist da. Die Lösungen sind nicht immer so einfach, wie man es sich gerne wünscht.

Aber das Ganze wird immer – Sie haben gerade auch viel von Druck gesprochen – aus der Defensive herausgeführt. Auch die ganze Diskussion.

Na ja, gut! Ich meine, es muss auch alles zu den höheren Preisen an den Märkten absetzbar sein. Nichts ist gewonnen, wenn wir unsere Industrie verlieren. Dann findet es woanders mit höherem CO2-Ausstoß statt. Wenn wir unsere Industrie jetzt auf null bringen, aber in China dann die Produkte mit höheren Ressourcen-Verbräuchen, höheren CO2-Emissionen hergestellt werden, dann haben wir wirklich nichts gewonnen. Also müssen wir hier einen verlässlichen Rahmen setzen. Und was Unternehmen auch gerade benötigen, gerade für die Energiewende, beispielsweise der Übergang aus der gasbasierte Energieproduktion hin zu einer wasserstoffbasierten. Das sind Infrastruktur-Aufgaben, es sind Verträge, die wir mit anderen Ländern schließen müssen. Da ist vieles auf den Weg gebracht, aber vor 2030 werden wir in die Wasserstoff-Wirtschaft nicht in der Breite einsteigen können, und das muss man einfach auch sehen. Das heißt, das sind langwierige Prozesse, die auch entsprechend vorauszusetzen sind.

Eines muss auch noch gesagt werden. Wir werden das Klimaproblem nicht lösen ohne Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre. Auch der Weltklimarat weist immer wieder darauf hin, die Umweltsenken alleine reichen nicht. Das heißt, wir müssen auch in Deutschland die unbequeme Diskussion um die sogenannte CCS-Technologie fahren, das Carbon Capture and Storage, das Verpressen von CO2. Wir müssen CO2 auch aktiv entnehmen. Alleine nur über Vermeidung neuer Emissionen werden wir das Problem nicht in den Griff bekommen. Da ist zu viel drin aus der Vergangenheit.

Herr Hüther, die Töne sind drastisch. Der Protest wächst, er wird immer stärker. Stellt dieser Klimawandel, der Kampf dagegen auch die Systemfrage?

Es scheint gelegentlich so und manche haben offensichtlich die Vorstellung, dass diktatorische Regime, zentral orientierte Regime da leichter durchkommen. Mein Eindruck ist das nicht. Wir brauchen in der Breite alle Innovationspotenziale. Wir brauchen in der Breite die Mobilisierung aller Aktionen dahin und das schafft nun mal eine marktwirtschaftliche Ordnung

Entschuldigen Sie, wenn ich Sie da unterbreche, aber hängen Kapitalismus und dieses Streben nach Wachstum und die Klimakrise nicht direkt miteinander zusammen?

Natürlich! Die Industrialisierung, die vor 200 Jahren begonnen hat, hat eine Grundlage in der fossilen Energie, gar keine Frage. Aber insofern ist ja, wenn der politische Rahmen gesetzt wird, dann die Effizienzmaschine Markt oder die Effizienzmaschine Marktwirtschaft auch der beste Weg, da wieder rauszukommen. Es wäre jetzt der Trugschluss zu sagen, wir müssten das in eine Zentralverwaltungswirtschaft überführen. Nein, wir müssen den Rahmen – und das tun wir ja – über CO2-Preis, über Regulierung, über Taxonomie so setzen, und das haben wir jetzt auch vielfach getan, dass die Unternehmen diese Effizienzwege gehen. Das heißt, wir müssen den Markt für uns nutzen und nicht dagegen.

Das heißt, das ewige Streben nach Wachstum ist nicht das Problem?

Wenn man Wachstum als ein quantitatives Wachstum versteht, dann wäre es ein Problem. Aber es ist das qualitative Wachstum. So kommen wir zu neuen Lösungen, zu technischem Fortschritt, zu besseren und effizienteren Antworten, und zwar zu Antworten auch auf einer anderen energetischen Basis und auf Stoffkreisläufen, die wir genau für diese Situation benötigen. Es geht doch um Effizienz und es geht um Wirksamkeit aller dieser Maßnahmen und die erreiche ich dann, wenn ich dezentrales Wissen mobilisiere. Das kann ein Marktsystem. Es braucht nur den Rahmen dazu. Unsere Verantwortung ist, den Rahmen zu setzen.

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