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Interview 28. Juli 2025 Jürgen Matthes im Spiegel

Zölle: „Der Deal wird der deutschen Wirtschaft wehtun, aber er ist gerade noch vertretbar“

IW-Außenhandelsexperte Jürgen Matthes erklärt im Interview mit dem Spiegel, was die Einigung im Zollstreit für deutsche Unternehmen bedeutet – und was Europa tun muss, um künftig weniger erpressbar zu sein.

Herr Matthes, die EU hat sich mit den USA im Zollstreit geeinigt. Eine gute Nachricht für die deutsche Wirtschaft?

Der Deal wird der deutschen Wirtschaft wehtun, aber er ist gerade noch vertretbar, wenn man bedenkt, womit US-Präsident Donald Trump noch gedroht hat. Schon seit April gilt für Waren, die europäische Firmen in die USA exportieren, ein Zusatzzoll von zehn Prozent. Künftig werden es insgesamt fünfzehn Prozent sein, es kommt also gegenüber April kaum noch etwas dazu. Das ist nicht schön, aber besser als ein fortwährender Handelskrieg. Zumal Trump die Europäer bei einer Eskalation womöglich auch mit der Abhängigkeit vom militärischen Schutz der USA erpresst hätte.

Was bedeuten die höheren Zölle für deutsche Unternehmen?

Da muss man genau hinschauen. Für Unternehmen, die in direktem Wettbewerb mit amerikanischen Herstellern stehen, etwa einige deutsche Autokonzerne, ist der Deal eine bittere Pille. Diese Unternehmen werden wohl Marktanteile verlieren. Es gibt aber auch Branchen wie den Maschinenbau oder die Elektroindustrie, die teilweise wenig gleichwertige Konkurrenz durch amerikanische Firmen haben. Wer solche Alleinstellungsmerkmale hat, kann die höheren Zölle meist weitgehend an seine Kunden weitergeben.

Dann zahlen die Amerikaner die Zeche für Trumps Politik?

Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch diesmal vor allem die Amerikaner den Preis für die höheren Zölle bezahlen werden. So war es auch schon in Trumps erster Amtszeit, als er hohe Zölle für Produkte aus China durchsetzte. Studien zeigen, dass diese Abgaben damals fast vollständig in höhere US-Importpreise weitergereicht wurden. Damals stiegen zwar die Einnahmen des amerikanischen Staates, doch dafür bezahlt haben amerikanische Unternehmen und Verbraucher.

Wird es wieder so kommen?

Das ist die entscheidende Frage. Dafür sprechen die erwähnten Alleinstellungsmerkmale, etwa im Maschinenbau. Zudem gilt: Weil es einen ordentlichen Preis hat, Waren aus Europa über den Atlantik in die USA zu bringen, rechnet sich das nur bei Gütern, die einen relativ hohen Wert für amerikanische Kunden haben. Wenn es in den USA kaum gleichwertige Alternativangebote gibt, lassen sich die Zölle weitgehend in höhere Preise überwälzen. Auch wenn Trump noch so sehr jubelt: Am Ende könnten die Amerikaner, die er eigentlich schützen will, den Preis für den Deal zahlen, jedenfalls in wesentlichem Ausmaß. Genau werden wir das aber erst wissen, wenn wir die nötigen Daten dazu haben.
 

»Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch diesmal vor allem die Amerikaner den Preis für die höheren Zölle bezahlen werden.«
 

Ein Teil des Deals sind milliardenschwere Versprechen. So sollen europäische Unternehmen in den verbleibenden Jahren von Trumps Amtszeit etwa weitere 600 Milliarden US-Dollar in die USA investieren. Kann das funktionieren?

Ich vermute, dass die Europäische Kommission vor dieser Zusage bereits bei europäischen Unternehmen vorgefühlt hatte. Von den Autoherstellern wissen wir ja bereits, dass sie neue Fabriken in den USA bauen wollen. Trotzdem sind die versprochenen 600 Milliarden Euro eine riesige Summe. Die Direktinvestitionen der EU in den USA haben in den vergangenen Jahren stark geschwankt. Im Jahr 2020 waren es 243 Milliarden Euro, aber in den Folgejahren viel weniger. Es kommt aber auch darauf an, wie genau man rechnet – und ob es wirklich um neue Investitionen geht. Aber möchte Trump das überhaupt so genau wissen?

Sie meinen, es geht um Symbolpolitik?

Der Deal ist genau der Erfolg, den Trump gesucht hat. Er kann sich auf seiner Kurznachrichtenplattform Truth Social brüsten und sagen: »Schaut her, was ich für euch erreicht habe! Wählt mich wieder!« Trump lebt von Schlagzeilen, und die hat die EU ihm geliefert.

Was, wenn Trump neue Schlagzeilen braucht und die EU erneut erpresst?

Das ist meine größte Sorge: Der Deal hat Europa eine Atempause verschafft, zumal Trump ja noch Deals mit anderen Ländern versprochen hat, die es nach und nach auszuhandeln gilt. Aber irgendwann könnte er an einen Punkt geraten, an dem er neue Schlagzeilen braucht. Vielleicht nicht morgen oder übermorgen, aber zum Beispiel vor den nächsten Zwischenwahlen im Herbst 2026. Der Zolldeal mit den USA ist für die Wirtschaft gerade noch zu verkraften – aber nur, wenn er auch verlässlich ist. Was, wenn Trump noch mehr fordert?

Wir hatten gehofft, dass Sie uns das sagen können.

Damit Trump den Deal nicht wieder aufkündigt, muss die EU die schon angedrohten Gegenmaßnahmen für die USA unbedingt in der Schublade behalten. Es sollten sogar noch neue Maßnahmen im Dienstleistungsbereich vorbereitet werden. Und natürlich muss Europa bei der Sicherheitspolitik weniger abhängig von den USA werden, um weniger erpressbar zu sein. Außerdem müssen wir mit Hochdruck den Handel mit anderen Staaten ausbauen, vor allem mit Südamerika und den asiatischen Schwellenländern außer China.

Europa galt beim Freihandel nach den Regeln der Welthandelsorganisation WTO als Musterschüler. Wie glaubwürdig ist das noch, nachdem man die eigenen Ideale beim Deal mit den USA verraten hat?

Die EU ist unter Trumps Druck eingeknickt. Aber es ist wohlfeil zu sagen, Sie hätte auf die Regeln pochen sollen. Die USA haben sich von der WTO abgewendet, das müssen wir leider hinnehmen.

Ist die WTO damit untergegangen?

Nein, in gewisser Hinsicht kann die Situation auch eine Chance sein. Denn die EU und die vielen anderen Staaten, die an der WTO festhalten wollten, sollten jetzt ein Netz von Freihandelsabkommen um die USA herum aufbauen. Das EU-Mercosur-Abkommen mit Ländern wie Argentinien und Brasilien ist ausverhandelt, Rat und Parlament sollten es schnellstmöglich annehmen. Auch mit Indonesien gibt es offenbar eine politische Einigung, auf die es zügig aufzubauen gilt. Die laufenden Verhandlungen mit Indien, Thailand und Malaysia brauchen mehr Tempo. All das sind Länder, die schnell wachsen und in denen es für die deutsche Wirtschaft ein riesiges Potenzial gibt. Allerdings haben diese bilateralen Abkommen auch einen Haken.

Und der wäre?

Bilaterale Abkommen machen den Handel für Unternehmen unübersichtlich. Wenn für jedes Abkommen andere Handelsregeln gelten, ist das wie die Suche nach der richtigen Nudel in einem vollen Spaghetti-Topf. Eine Lösung könnte das transpazifische CPTPP-Abkommen sein, dem auch Großbritannien gerade beigetreten ist. So könnte ein weltumspannendes plurilaterales Freihandelsabkommen mit einheitlichen Regeln entstehen. Weil die USA dadurch Nachteile erleiden, könnte der Druck steigen, dass sie langfristig doch noch dabei mitmachen. 

Hier finden Sie den Spiegel-Artikel.

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