Im Jahr 2026 dürfte das deutsche Handelsbilanzdefizit mit China über 100 Milliarden Euro betragen. Seit 2019 wäre das ein Anstieg von rund 90 Milliarden Euro.
Rekord-Handelsbilanzdefizit mit China – Kernbranchen betroffen
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Im Jahr 2026 dürfte das deutsche Handelsbilanzdefizit mit China über 100 Milliarden Euro betragen. Seit 2019 wäre das ein Anstieg von rund 90 Milliarden Euro.
Das Gros des Zuwachses entfällt auf die drei Kernbranchen Automobil- und Elektroindustrie sowie Maschinenbau. Das ist ein weiteres Indiz für die Schwere des China-Schocks 2.0. Energieintensive Branchen tragen dagegen kaum zum Defizit-Anstieg bei. Energiekostenunterschiede liefern also keinen zentralen Erklärungsbeitrag – anders als oft behauptet.
Handelsbilanzdefizit auf Rekordkurs
Der deutsche Außenhandel mit China ist im Jahr 2026 noch ungleicher geworden. Die deutschen Exporte nach China brechen zum wiederholten Male ein, während die Importe weiter kräftig zunehmen. In der Folge nimmt das deutsche Defizit im Warenhandel mit China Kurs auf einen neuen Rekordwert von über 100 Milliarden Euro, sofern man die Entwicklung in den ersten sechs Monaten durch eine Verdoppelung auf das Gesamtjahr hochrechnet.
Im ersten Halbjahr 2026 machten die Einfuhren fast das 2,5-Fache der Ausfuhren aus. Im Jahr 2019 lag diese Relation noch bei 1,15. Damit dürfte der Importüberschuss in diesem Jahr nochmals höher ausfallen als der bisherige Maximalwert von 90 Milliarden Euro im Jahr 2025. Das Handelsbilanzdefizit wird 2026 wohl auf über das 7-Fache gegenüber 2019 wachsen, als es nur 14,1 Milliarden Euro betrug – aber auch damals im Vergleich zu anderen Ländern schon hoch ausfiel. Das wäre ein Anstieg von über 90 Milliarden Euro.
Handelsbilanzungleichgewichte sind ein übliches Phänomen im Welthandel und normalerweise nicht zu beanstanden. Doch wenn sie so außergewöhnlich hoch ausfallen und zudem in kurzer Zeit so stark zunehmen, spricht vieles dafür, dass diese Entwicklung kritisch zu sehen ist. Dies gilt insbesondere deshalb, weil parallel zu diesem Anstieg die Evidenz für Wettbewerbsverzerrungen durch China noch weiter zugenommen hat und neben den sehr hohen Subventionen zudem seit 2021 das Problem einer starken Unterbewertung des Yuan aufgekommen ist (Matthes, 2026; Matthes et al., 2026).
Im Weiteren wird analysiert, wie sich der starke Anstieg des Handelsbilanzdefizits seit 2019 auf die Industrie-Branchen verteilt. Die Werte für 2026 sind hochgerechnet, wobei unterstellt wird, dass sich die Entwicklung des ersten Halbjahres fortsetzt. Um das Problem möglicher Prognosefehler dabei zu mindern, werden auch die Werte für den Vergleich 2019 bis 2025 genannt. Eine Betrachtung von Mengen wird nicht vorgenommen. Falls es starke Preisänderungen gab, könnte sich ein etwas anderes Bild ergeben.
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Die gesamten Warenexporte nach China dürften – auf das Gesamtjahr 2026 hochgerechnet – um rund ein Viertel geringer ausfallen als 2019. Das ist ein nochmals stärkerer Rückgang als 2019 bis 2025 mit 15 Prozent. Die gesamten Warenimporte aus China dürften jedoch gegenüber 2019 um rund 62 Prozent höher ausfallen, bereits bis 2025 betrug der Anstieg 56 Prozent. Eine solche stark divergierende Entwicklung ist sehr ungewöhnlich, da Exporte und Importe normalerweise gleichzeitig steigen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß.
Automobilindustrie
Der größte Beitrag zum Anstieg des Handelsbilanzdefizits seit 2019 von über 90 Milliarden Euro kommt im Jahr 2026 mit fast 24 Prozent von der Automobilindustrie (Abbildung). In absoluten Größen hat sich der Handelsbilanzsaldo bei Kraftfahrzeugen und Kraftfahrzeugteilen um rund 22 Milliarden Euro verschlechtert (bis 2025: 17 Mrd. Euro). Der vormals hohe deutsche Überschuss im Autohandel mit China von über 23 Milliarden Euro im Jahr 2019 dürfte damit 2026 kaum noch existent sein, hochgerechnet ergibt sich ein Wert von nur noch rund einer Milliarde, 2025 war der Überschuss bereits auf rund 6 Milliarden Euro geschrumpft.
Dahinter steht eine immense Spreizung zwischen Ex- und Importen: Gegenüber 2019 dürfte der Anstieg des Einfuhrwertes in dieser Produktgruppe im Jahr 2026 geschätzt über 475 Prozent betragen (bis 2025: 310 Prozent). Dagegen nahmen die deutschen Ausfuhren in diesem Zeitraum um prognostizierte 54 Prozent stark überproportional ab (bis 2025: 46 Prozent).
Elektroindustrie
Zur Elektroindustrie gehören die Produktgruppen Elektrische Ausrüstungen sowie Datenverarbeitungsgeräte, elektronische und optische Erzeugnisse. Beide Gruppen sind für Deutschland wichtige Exportbranchen mit weltweiten Ausfuhren im Jahr 2025 von je deutlich über 100 Milliarden Euro. In der zweiten Gruppe ist der Handel mit China schon seit langer Zeit hoch defizitär, was grundsätzlich Ausdruck normaler Handelsspezialisierung ist, weil China hier traditionell besonders stark ist. Schon im Jahr 2019 betrug der Importüberschuss über 26 Milliarden Euro, die Einfuhren überstiegen die Ausfuhren um das 3,3-Fache. Bei Elektrischen Ausrüstungen galt das deutlich weniger, hier betrug das Handelsbilanzdefizit im Jahr 2019 nur 4,8 Milliarden Euro und die Einfuhren waren „nur“ um das 1,5-Fache größer. Bis 2026 hat sich das Bild bei Elektrischen Ausrüstungen geändert. Das Handelsbilanzdefizit stieg gemäß der Hochrechnung um fast 20 Milliarden Euro (Abbildung) auf über 24 Milliarden (bis 2025: 22 Mrd. Euro) und hat sich damit mehr als verfünffacht. Damit trägt diese Produktgruppe gut ein Fünftel zur Zunahme des gesamten Handelsbilanzdefizits von über 90 Milliarden Euro bei. Die Relation von Importen zu Exporten stieg ebenfalls stark – vom 1,5-Fachen auf das 3,3-Fache. Bei der Gruppe der DV-Geräte u. a. steigt das Handelsbilanzdefizit zwischen 2019 und 2026 voraussichtlich auch um über 11 Milliarden Euro – von gut 26 auf knapp 38 Milliarden Euro (bis 2025: auch 38 Mrd. Euro). Damit hat sich hier deutlich weniger verschoben. Das Import-Export-Verhältnis stieg ebenfalls nur moderat vom 3,3-Fachen auf das 4-Fache.
Betrachtet man beide Elektroindustrie-Gruppen zusammen, steuert diese wichtige deutsche Branche mit rund 30 Milliarden Euro rund ein Drittel zum Anstieg des gesamten Handelsbilanzdefizits zwischen 2019 und 2026 bei. Das liegt zum Teil an dem schwachen Zuwachs der deutschen Ausfuhren nach China in beiden Gruppen, aber vor allem am starken Anstieg der Einfuhren bei Elektrischen Ausrüstungen ab 2019 von geschätzt über 134 Prozent bis 2026 (bis 2025: 120 Prozent).
Maschinenbau
Als weitere deutsche Kernbranche ist auch der Maschinenbau betroffen, der im Jahr 2025 für weltweite Exporte von 216 Milliarden stand. Bei Maschinen hatte Deutschland 2019 noch einen Ausfuhr-Überschuss von fast 10 Milliarden Euro mit China, 2026 dürfte erstmals ein leichtes Defizit von hochgerechnet gut einer Milliarde Euro anfallen, wenn die Entwicklung vom ersten Halbjahr fortgeschrieben wird. Damit trägt der Maschinenbau 11 Milliarden Euro zum Anstieg des gesamten deutschen Handelsbilanzdefizits mit China bei.
Die Entwicklung bei Ex- und Importen ist jedoch anders als in der Elektroindustrie und ähnelt der des gesamten Warenhandels. Auch bei Maschinen sanken die Ausfuhren nach China seit 2019 sehr deutlich, bis 2026 um geschätzte 26 Prozent (bis 2025: minus 13 Prozent). Dagegen nahmen die Einfuhren aus China nach 2019 stark zu, bis 2026 um 65 Prozent (bis 2025: 47 Prozent).
Energiekosten nicht zentral
Die starke Verschiebung im Handel mit China seit 2019 geht vor allem auf die drei genannten Hauptbranchen zurück. Damit ist die deutsche Wirtschaft in ihrem Kern vom China-Schock 2.0 stark betroffen. Um dem entgegenzuwirken, sollten Ausgleichszölle gegen chinesische Wettbewerbsverzerrungen ein zentraler Teil der wirtschaftspolitischen Reaktion sein (Matthes, 2026).
Dem wird zuweilen entgegengehalten, dass es vor allem die hohen Energiekosten seien, die zum China-Schock 2.0 beitragen. Diese Untersuchung liefert dafür keine Evidenz. Denn die drei genannten Kernbranchen zählen nicht zu den energieintensiven Sektoren, wenngleich höhere Energiekosten auch hier eine gewisse zusätzliche Belastung darstellen. Gemessen am Anteil an den gesamten Produktionskosten dürfte der Anstieg der Energiekosten in den letzten Jahren jedoch nur wenig ins Gewicht fallen im Vergleich zu den genannten gravierenden chinesischen Wettbewerbsverzerrungen durch hohe Subventionen und die starke reale Aufwertung des Euro seit Anfang 2020 (Matthes et al., 2026).
Dass die Energiekosten keine zentrale Rolle spielen, zeigt auch der Blick auf den deutsch-chinesischen Außenhandel der energieintensiven Branchen, zu denen etwa die Erzeugung von chemischen Produkten sowie von Papier, Glas und Metallen gehört (WZ 17, 19, 20, 23, 24). Zusammengenommen tragen sie nur 4 Milliarden Euro zum Anstieg des Handelsbilanzdefizits im gesamten Warenhandel von rund 90 Milliarden seit 2019 bei (bis 2025: 3,4 Mrd. Euro). Zudem sind die Ausfuhren nach China seitdem mit minus 7 Prozent (bis 2025: minus 6 Prozent) stark unterdurchschnittlich gesunken und die Einfuhren aus China mit 44 Prozent unterdurchschnittlich gestiegen (bis 2025: 37 Prozent).
DOI: 10.67087/19.21600
Rekord-Handelsbilanzdefizit mit China – Kernbranchen betroffen
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
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Das deutsche Handelsbilanzdefizit mit China dürfte 2026 erstmals mehr als 100 Milliarden Euro betragen. Seit 2019 hat es sich damit mehr als versiebenfacht, zeigt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Der China-Schock 2.0 trifft damit unseren industriellen Kern.
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