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Interview 8. Juni 2026 Holger Schäfer im MDR aktuell

Längere Arbeitszeiten statt eine Vier-Tage-Woche

Viele Arbeitsnehmer beklagen Überlastung im Job. Das Beispiel eines Pflegeheims in Sangerhausen zeigt, dass eine geringere Wochenarbeitszeit helfen kann und sogar die Produktivität steigt. IW-Arbeitsökonom Holger Schäfer erklärt, warum man das nicht verallgemeinern kann.

Ein Pflegeheim und eine Autofabrik sind nur bedingt zu vergleichen bei der Produktivität. Was könnte die Industrie vom positiven Beispiel eines Pflegeheims in Sachsen-Anhalt lernen?

Das Thema Produktivität ist sehr betriebsspezifisch zu sehen. Es kommt immer auf die Frage an, wie kann man die negativen Folgen einer Vier-Tage-Woche kompensieren. Das stelle ich mir gerade in der Pflege herausfordernd vor, weil dort ja Fachkräftemangel herrscht und der durch den demografischen Wandel sogar eher noch zunehmen wird.

Gilt das auch für andere Branchen?

Ja. Insgesamt steuern wir auf eine Situation zu, wo trotz aktueller Wirtschaftskrise und steigender Arbeitslosigkeit Arbeitskräfte fehlen werden, weil einfach Millionen von Babyboomern den Arbeitsmarkt verlassen und nachrückende Jahrgänge teilweise nur halb so stark besetzt sind. Da drohen gewaltige Lücken. Eigentlich müssten wir uns überlegen, wie wir es schaffen, den Einzelnen dazu zu bewegen, mehr zu arbeiten, um das zu kompensieren. Wenn wir das nicht schaffen, dann drohen uns Wohlstandsverlust und Verteilungskonflikte.

Doch es gibt ja Beispiele, wo Beschäftigte mit geringerer Wochenarbeitszeit produktiver sind, weil sie sich zwischenzeitlich besser erholen können. Wie kommt dieses Argument in der Wirtschaft an?

Dass das systematisch so ist: Wer weniger arbeitet, ist produktiver, dafür haben wir keinen Beleg. Das lässt sich aus den verschiedenen Modellversuchen in Deutschland, England oder anderswo nicht ablesen. Da wurde auch Produktivität als Wertschöpfung pro Stunde Arbeit gar nicht gemessen. Am Ende muss es jeder Betrieb für sich entscheiden. Es gibt ja keine Vorgabe der Regierung, wie viel gearbeitet wird, sondern das entscheiden Betriebe und Arbeitnehmer eigenverantwortlich und autonom.

Aktuell wird über eine Vier-Tage-Woche diskutiert bei gleicher Wochenstundenzahl – also mit längeren Arbeitstagen. Was könnte das bewirken?

Dieser Übergang von einer täglichen Höchstarbeitszeit zur Wochenhöchstarbeitszeit würde die Flexibilität für beide Seiten erhöhen – für den Betrieb, aber auch für Arbeitnehmer. Der könnte dann an einem Tag nur fünf und am nächsten Tag elf Stunden arbeiten. Das geht mit der aktuellen Gesetzgebung nicht. Derzeit gilt ein absolutes Maximum von zehn Arbeitsstunden pro Tag. Das bringt zwar eine größere Flexibilität, ist aber keine Maßnahme, die darauf abzielt, das Gesamtarbeitsvolumen zu sichern, wie es vor dem Hintergrund der demografischen Schrumpfung nötig ist.

Zum Interview auf mdr.de
 

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