Michael Hüther: Herr Professor Gumbrecht, wir wollen uns heute mit der Frage der politischen Repräsentation beschäftigen. Man kann argumentieren, dass das, was Donald Trump in den letzten Jahren, lange vor dem Sturm auf das Kapitol, getan hat, wie er kommuniziert hat, wie er mit den Institutionen umgegangen ist, bereits eine Krise der Repräsentation und der Verfassung war. 74 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner haben ihm am 3. November 2020 dennoch ihre Stimme gegeben. Welche Chancen hat Joe Biden, die Nation wieder zu vereinen?

Hans Ulrich Gumbrecht: Das Grundprinzip der Demokratie nach den Ideen der Aufklärung besteht darin, dass Bürgerinnen und Bürger ihre politische Macht an andere delegieren, die sie repräsentieren, indem sie in ihrem Sinne handeln. Vielen Menschen ist während der vergangenen Jahrzehnte – nicht nur in den USA –, die Überzeugung abhandengekommen, dass die Politik sie repräsentiert. Ihnen ist das Wort representation vielleicht gar nicht geläufig, aber sie glauben, dass „jene Leute“, diese politicians, eher Teil einer Verschwörung gegen sie sind und nicht diejenigen, die sie vertreten. Trump hat es ohne Zweifel verstanden, ihnen das Gefühl zu geben, gehört zu werden. Deswegen spreche ich im Englischen von politics of resonance, also von einer Resonanzpolitik. Es ging eigentlich gar nicht so sehr darum, dass die Leute meinten, Trump verbessere ihr Leben in ökonomischer Weise oder verfolge ihre Interessen, sondern dass ihnen plötzlich jemand im Weißen Haus das Gefühl gab, dass ihre Sorgen und ihre Situation Resonanz fanden. Ob Trump dies bewusst inszeniert hat, ist eine andere Frage, aber so möchte ich jedenfalls dieses Gefühl beschreiben, das Trumps Erfolg erklärt und das voraussetzt, dass sich die politische Repräsentation in einer profunden Krise befindet.

Michael Hüther: Barack Obama hat diese Stimmungslage in gewisser Weise auch schon genutzt, um nach Washington zu kommen. Mit seinem „Yes We Can“ hat er die Botschaft „Ich höre euch“ gesetzt. Am Ende haben sich dann aber viele, die diese Resonanz bei ihm nicht gefunden haben, anders orientiert. Wie tief gehen die Wurzeln dieser Spaltung des Sozialen und Ökonomischen? Wir können feststellen, dass, anders als noch in den 70er-, 80er-Jahren, die Staaten sehr klar nach blau und rot sortiert sind. Dann gibt es die Battleground States der Mitte. Und wir stellen auch fest, dass gleichzeitig mit dieser Homogenisierung der Staaten eine Homogenisierung der Parteien stattgefunden hat. Es gibt keine Vielfalt mehr in den Parteien. Wann hat diese Entwicklung angefangen?

Hans Ulrich Gumbrecht: In den fast 32 Jahren, die ich in den USA gelebt habe, und während der letzten 21 Jahren, seit ich amerikanischer Bürger bin, hat sich die Dominanz der Demokraten in Kalifornien und an der Westküste verstärkt. Man muss immer wieder daran erinnern, dass Schwarzenegger, Gouverneur von Kalifornien, noch ein Republikaner war. Das wäre heute undenkbar. Man könnte dazu selbstkritisch sagen, unsere kalifornische und amerikanische Elite ist stark abgehoben. Möglicherweise hat auch die Wahl Obamas dazu geführt, dass man damals schon auftretende Probleme übersehen und sich gesagt hat: Wenn einer mit der sozialen Ausgangsposition von Obama es schaffen kann, dann haben wir kein Problem. Ohne zu sehen, dass die Obamas natürlich ein typischer Teil derselben Elite sind, zu der auch die Milliardäre und die Stanford-Professoren gehören. Wenn Biden es nicht versteht, das Selbstverständnis der Demokratischen Partei über dieses Selbstverständnis als Elite hinaus zu öffnen, dann befürchte ich, dass uns im nächsten Wahljahr, also 2024, noch etwas Schlimmeres als Trump ins Haus stehen könnte.

Michael Hüther: Mich erinnert das, was Sie über Obama gesagt haben, an eine Anekdote, die Richard Sennett in einem seiner Bücher schildert. Er kehrt in das Housing Project zurück, in dem er mit seiner Mutter als Kind gewohnt hat. Er erzählt von einem Projekt, mit dem man junge Menschen motivieren will, indem man ihnen Erfolgsgeschichten vorführt. In diesem Rahmen spricht jemand, der mittlerweile Medizin-Professor im Bereich Neurochirurgie ist. Sennett schreibt, dass dieser Werdegang für die Bewohner des Housing Projects so weit weg war, dass der Vortrag sie verärgert hat. Viel sinnvoller wäre die Geschichte einer Chefsekretärin oder eines Assistenten gewesen. Wir Ökonomen sehen, dass die Mobilität der Menschen so niedrig ist wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht, sie ist zwischen den counties und Staaten rückläufig.

Hans Ulrich Gumbrecht: Genau. Es gibt keine breiten Aufstiegschancen mehr, und das haben wir, die wir zu dieser Elite gehören, zu lange übersehen. Wir haben uns zu lange eingeredet, dass diese Mobilität noch existiert. In jedem Harvard- oder Stanford-Seminar gibt es natürlich einige herausragende Fälle von sozialer Aufstiegsmobilität, von unglaublichen Begabungen, aber sie sind viel seltener geworden. Und gerade daraus ist ein enormes Ressentiment gegen die Eliten in bestimmten Bevölkerungsschichten entstanden. Die 74 Millionen, die Trump gewählt haben, sind eine heterogene Gruppe. Ihr gemeinsamer Nenner ist, dass sie sich, wie man schon gesagt hat, abgehängt fühlen: abgehängt vom Prestige, abgehängt von der Politik. Und dieses Ressentiment hat Trump mit wachsendem Geschick bedient.