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Gastbeitrag 26. August 2026 Wido Geis-Thöne in der Fuldaer Zeitung

Ohne Zuwanderung läuft die Wirtschaft nicht

Die Babyboomer gehen in Rente, Nachwuchs fehlt: Besonders Ostdeutschland steht vor einem massiven Arbeitskräftemangel. Zuwanderung kann die Lücke dämpfen, doch ländliche Regionen stehen im Wettbewerb mit den Metropolen. Ein Gastbeitrag von IW-Ökonom Wido Geis-Thöne für die Fuldaer Zeitung.

Deutschland erlebt derzeit einen Epochenbruch. Trugen die großen Geburtenjahrgänge der Babyboomer mit ihrer Arbeitskraft über Jahrzehnte maßgeblich die deutsche Wirtschaft, gehen sie jetzt sukzessive in den Ruhestand, und es kommen bei Weitem nicht genügend junge Menschen nach, um sie am Arbeitsmarkt zu ersetzen. In Ostdeutschland ist die Entwicklung noch wesentlich dramatischer als im Westen, da dort die Geburtenzahlen in der Transformationsphase nach der Wiedervereinigung regelrecht eingebrochen und viele Menschen abgewandert sind. 

In der aktuellen Lage kann nur Zuwanderung die Arbeitskräftebasis in den nächsten zwanzig Jahren stabilisieren – und auch der Osten erzielt hier bereits größere Erfolge. Gingen dort rund 141.000 inländische Beschäftigte zwischen Ende 2023 und Ende 2025 verloren, kamen 90.000 Beschäftigte ohne deutsche Staatsangehörigkeit hinzu. Mit ihrer Arbeitskraft erwirtschaften Beschäftigte ohne deutsche Staatsangehörigkeit inzwischen rund ein Zehntel der Wertschöpfung in Ostdeutschland. In Hessen liegt der entsprechende Wert mit 17 Prozent deutlich höher. Allerdings erklärt sich das damit, dass die hessische Wirtschaft bereits in den vergangenen Jahrzehnten stark von Zuwanderung profitieren konnte. Betrachtet man die Wertschöpfungsbeträge der seit Ende 2015 hinzugekommenen Beschäftigten ohne deutsche Staatsangehörigkeit, kommt man für Ostdeutschland und Hessen jeweils auf einen Wert von 7 Prozent. 

Berlin nimmt dabei eine Sonderrolle ein. In Sachsen-Anhalt und den weiteren ostdeutschen Flächenländern liegen die Anteile mit rund 5 Prozent etwas niedriger. Damit kommt aber auch dort bereits heute ein Zwanzigstel der Wirtschaftsleistung von im letzten Jahrzehnt hinzugekommenen Beschäftigten aus dem Ausland. 

Auch wenn die Landesregierungen in Sachsen-Anhalt und den anderen ostdeutschen Bundesländern migrationsfreundlich bleiben sollten, wird es in den nächsten Jahren schwer werden, genügend Beschäftigte aus dem Ausland zu gewinnen, um die Arbeitskräftebasis zu stabilisieren. Im letzten Jahrzehnt konnten Ost- und Westdeutschland von einer starken Arbeitskräftezuwanderung aus den neuen EU-Mitgliedsländern profitieren. Inzwischen zeichnet sich hier jedoch eine zunehmende Rückwanderungsbewegung ab, für die vorwiegend Veränderungen in den Herkunftsländern und weniger in Deutschland ursächlich sein dürften. Bei der erwerbsbezogenen Zuwanderung aus dem außereuropäischen Bereich konnte Deutschland zwar ebenfalls Erfolge erzielen, jedoch reichen die Zahlen bei Weitem noch nicht aus, um die Lücken zu schließen. 

Dabei haben die ostdeutschen Flächenländer, wie auch Nordhessen, mit dem Problem zu kämpfen, dass sich viele ausländische Fachkräfte in Metropolen wie München oder Frankfurt und nicht im ländlichen Raum niederlassen wollen. Sollten sich dort die Lebens- und Arbeitsbedingungen für jüngere Menschen deutlich verschlechtern, besteht die realistische Gefahr, dass es zu einer Abwanderungsbewegung von Personen aus dem In- und Ausland kommt.

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